1. Hersfelder Zeitung
  2. Magazin
  3. Auto

Konkurrenz aus China: So schlägt sich der Elektro-SUV MG Marvel R Electric im Test

Erstellt:

Von: Rudolf Bögel

Kommentare

MG Marvel R Vorderansicht
Das Design des Marvel R von MG ist progressiv aber nicht aggressiv. Dieser SUV wirkt vom Auftreten her eher sympathisch. © Marvel

Große Namen – aber wer steckt dahinter? MG Marvel heißt das Auto. MG wie der britische Kult-Sportwagen. Marvel wie das Comic-Universum. Und so fährt sich das neue Elektro-SUV aus China.

Die Chinesen kommen – von wegen, sie sind schon da. Allein in München haben sich vier Unternehmen angesiedelt. Aiways ist noch der kleinste, alle anderen gehörten zu den großen Playern: Nio, Great Wall und MG. Vor allem Letzterer lässt aufhorchen. Die Markenrechte des kultigen britischen Roadster-Herstellers liegen nämlich bei SAIC in Shanghai. SAIC ist einer der größten Autohersteller in China und auch einer der renommiertesten. In den dortigen Fabriken werden schon seit vielen Jahren Volkswagen-Fahrzeuge gebaut. Ein weiteres Joint Venture besteht mit dem US-Hersteller General Motors. Von daher stellt sich die Frage erst gar nicht, ob die bei SAIC gute Autos bauen können. Das zeigen sie jetzt auch bei den eigenen Modellen – so fällt unser Urteil nach knapp 1.000 Kilometern Testfahrten mit dem Marvel R Electric aus.

MG Marvel R Seite
Der Marvel R streckt sich ziemlich in die Länge und ist mit 4,68 Metern ein bisschen größer wie Q4 e-tron oder VW ID.4. © MG

Super-Auto aus dem Comic-Universum?

Marvel R Electric – das hört sich zunächst wie ein Superheld an, der bislang irgendwo im weiten Universum des gleichnamigen US-Comic-Konzerns verschollen war. Dabei ist der Marvel R der neue Star von MG Motor. Die Chinesen bieten bereits vier Autos in Europa an. Mit dem Modell 5 hat man sogar einen Kombi im Angebot, den ersten elektrischen Caravan überhaupt auf dem Markt. Der Marvel R hingegen ist ein klassisches SUV. Ein bisschen größer als der Audi Q4 e-tron oder der ID4 von Volkswagen. Und von daher sehr geräumig und komfortabel. Hier sitzen Passagiere auch hinten wie kleine Könige.

MG Marvel R Electric Kofferraum
Der Platz im Kofferraum ist bei umgeklappter Rückban recht ordentlich, die Ladekante ist zwar hoch, dafür aber flach. © MG

Im Kofferraum bieten Audi Q4 e-tron und VW ID.4 mehr

Was den Kofferraum angeht, so bietet die Konkurrenz allerdings deutlich mehr. Bis zu 200 Liter, wenn man Q4 und ID.4 mit dem Performance-Modell des Marvel R vergleicht. Denn das hat mit 288 PS zwar Leistung satt, dafür wird aber noch eine zusätzliche E-Maschine auf der Vorderachse benötigt. Die schwächere Luxury-Variante (180 PS) kommt hingegen mit zwei Motoren auf der Hinterachse aus und hat deshalb unter der Fronthaube einen zusätzlichen Frunk, in den 150 Liter passen und wo man noch auch das Lade-Kabel unterbringen kann, ohne dass es im eigentlichen Kofferraum im Weg umgeht.

MG Marvel R Electric Fond
Passagiere finden auch hinten ausreichend Platz im Marvel R Electric. Insgesamt ein schönes Reiseauto. © MG

In 4,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100

288 PS – das hört sich zunächst einmal gar nicht so mächtig an. Der Tri-Motor-Antriebsstrang auf allen vier Rädern bringt den Marvel R jedoch ziemlich schnell auf Touren. In 4,9 Sekunden fällt unter dem Einsatz von 665 Nm Drehmoment die 100-km/h-Marke. Und das ist schon ziemlich beachtlich. Grund dafür ist auch das vergleichsweise geringe Gewicht des Marvel R. Mit 1920 Kilogramm bringt er rund 300 Kilogramm weniger auf die Waage als der Audi Q4 e-tron oder 200 Kilo weniger als der VW ID.4. Dementsprechend leichtfüßig lässt sich der Chinese mit dem britischen Traditionsnamen auch bewegen. Das gilt vor allen Dingen für die Langstrecken, da ist das SUV mit dem freundlichen Gesicht auch daheim. Leise, komfortabel und völlig entspannt gleitet man auf der Autobahn dahin.

MG Marvel R Electric aufladen
Aufgeladen wird der Marvel R hinten rechts - man kann von dort aus aber auch aufladen, zum Beispiel einen E-Roller. © MG

E-Auto-Reichweiten – man wird ja mal träumen dürfen

Und das ist auch gut so – denn wenn man beim Marvel R auf die Tube drückt, dann schluckt er richtig Strom weg. Wir machen die Probe aufs Exempel bei einem Trip von München nach Stuttgart, der rund 230 Kilometer lang war. Das Auto ist zwar voll aufgeladen, aber mehr als 329 Kilometer Reichweite zeigt es nicht an. Eigentlich sollten es mindestens 370 sein. Die Luxury-Variante möchte es sogar mit 400 Kilometern aufnehmen. Man darf ja mal träumen: Die Reichweite bei E-Autos ist unseren Erfahrungen nach so wie Durchschnittsverbrauch bei Verbrennern früher. Die Angaben haben auch selten gestimmt. Also ab nach Stuttgart. 200 Sachen würde der Marvel schaffen, wir haben uns aus Einspargründen die Richtgeschwindigkeit von 130 gesetzt. Und müssen zusehen, wie die Reichweite dahinschmilzt wie Schnee in der Sonne. Jeder gefahren Kilometer kostet – gefühlt – zwei Kilometer Akku-Leistung. Erst als wir auf Tempo 120 gehen, wird der Verbrauch geringer und dank eines langen Autobahnstücks mit Geschwindigkeitsbegrenzungen zwischen 80 und 100 km/h bleiben uns am Ende dann doch noch 70 Kilometer übrig.

Alles super im Supermarkt, nur nicht die Ladesäule

Ab dieser Restreichweite will der Marvel dann auch „nachgetankt“ werden, wie er auch im Display unmissverständlich klarmacht. Genau hier zeigt sich wieder einmal die Tücke des Objekts. Mit einer an sich funktionierenden Wallbox im Parkhaus des Porsche-Museums will sich der MG nicht verbinden. Einen Schnellader gibt es nicht, aber zwei Stromsäulen an einem Supermarkt. Hier mag alles super sein, nur nicht die Leistung der Zapfstellen. Nach fast vier Stunden haben wir immerhin Saft für 200 Kilometer. Das reicht nicht für die Rückfahrt, also noch einmal einen Zwischenstopp einplanen an der Autobahn. Mit einem 350-kW-Schnellader wollen wir den Akku, der wieder bei 70 Kilometer Reichweite ist, auf 100 Prozent pushen. Von wegen. Nach knapp etwas mehr als einer Stunde haben wir nur knapp über 40 kwH gezogen. Das reicht für die Heimreise, allerdings sieht man, dass die versprochene Ladeleistungen wie in diesem Fall von 92 kW nicht eins zu eins hochgerechnet werden kann. Und das macht die Elektromobilität in der Praxis manchmal recht kompliziert respektive auch unpraktisch. Zumindest für Langstrecken- oder Vielfahrer. Das ist allerdings nicht ein MG spezifisches Problem, sondern betrifft alle E-Autos. Solange bis die Akkus endlich zuverlässig mindestens 600 Kilometer Reichweite schaffen und wirklich auch in 30 Minuten wieder aufgeladen sind.

MG Marvel R cockpit
Ein Tablet fast 20 Zoll groß - damit steuert man die wichtigsten Funktionen des Marvel R. Für Berührungen ist es bemerkenswert unempfindlich. © MG

Danke nach Brüssel für diesen Unfug

Ein paar hausgemachte Probleme hat der Marvel R jedoch tatsächlich. Das vielleicht ärgerlichste betrifft den Spurhalteassistenten. Der greift derartig rabiat ins Lenkrad ein, wenn man sich nur ansatzweise Seiten- oder Mittelstreifen nähert, dass man erschrickt und am Lenkrad reißen muss, bis das Auto im wahrsten Sinn des Wortes wieder spurt. Das ist nicht einmal passiert, sondern permanent. Hier muss MG oder der Zulieferer nachbessern. Das ist schon fast gefährlich. Wir haben den Spurhalteassistenten deshalb am liebsten immer ausgeschaltet. Also rein ins Untermenü, wegklicken und bestätigen. Und das ist mühselig, vor allem weil wir das bei jeder neuen Fahrt tun müssen. Das haben wir den Brüsseler Technokraten zu verdanken, die so etwas den Herstellern vorschreiben. Schwach ist auch die Verkehrszeichenerkennung, die vor allem bei Tempolimits auf den Autobahnbrücken versagt. Und dann müssen wir noch über das Riesen-Display meckern, das wie bei Tesla in der Mitte zwischen Fahrer- und Beifahrersitz thront. Es ist – ganz nach dem Geschmack des chinesischen Marktes, riesig: 19,4 Zoll misst der Touchscreen. Der diesen Namen nicht unbedingt verdient, weil er eigentlich nicht besonders berührungsempfindlich ist.

MG Marvel R Heck
Auch von hinten macht der Chinese eine gute Figur. Unverwechselbar ist der SUV aber nicht unbedingt. © MG

Unser Fazit: Wie ist es mit dem Preis-Leistunsgsverhältnis?

Aber jetzt raus aus der Mecker-Ecke, damit nicht der falsche Eindruck entsteht, dass der Marvel R nichts taugt. Ganz im Gegenteil, wir haben uns mit dem Auto ziemlich angefreundet. Weil es gut aussieht, weil es Platz hat, weil es perfekt verarbeitet ist und weil man auch nach langer Autobahnfahrt noch bequem sitzt. Die Leistung stimmt, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist für so ein hochwertiges Fahrzeug ebenfalls gut, auch wenn die Elektro-Prämie im nächsten Jahr sinken wird. Für 43.000 respektive 48.000 Euro bekommt man ziemlich viel Elektroauto. Von wegen: Die Chinesen kommen! Die Chinesen sind doch schon da. Und wenn sie solche Autos wie den Marvel R bauen, dann werden sie auch bleiben. Auch auf dem deutschen Markt. (Rudolf Bögel)

Auch interessant

Kommentare