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Bentley Continental GT im Test – so fährt sich das Nobel-Coupé mit 550 PS

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Von: Rudolf Bögel

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Bentley GT Continental V8 Alpingrün Front
550 PS unterwegs in Alpin-Grün - der Bentley Continental GT ist eine echte Fahrmaschine. © Richard Pardon / Bentley

Vier Reifen hat er und einen Motor: Sonst ist der Bentley Continental GT so weit entfernt von einem normalen Auto wie die Erde vom Mond. Testfahrt im noblen Briten mit dem deutschen Herz.

Wenn Rolls Royce der Kaiser der Straßen ist, dann kommt Bentley die Rolle des Königs zu. Mindestens. An Selbstbewusstsein mangelte es bei Bentley eigentlich nie. Damals, als die Autos noch in der gemeinsamen Fabrik in Crewe hergestellt wurden, spotteten sie: „Die bei Rolls Royce bauen Möbel, wir bauen Autos.“ Auf der anderen Seite des Betriebshof mag man höchstens die aristokratische Augenbraue ein wenig geliftet haben über den ungeliebten Underdog. Wusste man doch schon längst: Bei einem Rolls Royce lässt man sich fahren, beim Bentley muss man selbst ans Steuer. Heutzutage ist das schwer vorstellbar. Denn ein Rolls Royce ist auch dank der technischen Obhut von BMW* mittlerweile genauso agil wie ein Bentley.

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Bentley GT Continental V8 Interieur
Walnuss-Holz, Beluga-Leder und Klavierlack machen einen Bentley im Innenraum zum exklusiven Herren-Salon. © Bentley

Mit diesem Trick kaufte Rolls Royce Bentley

Ein Wort zur Geschichte der beiden Marken, die eng verflochten sind. In der weltweiten Wirtschaftsdepression Anfang der 1930er Jahre geht Bentley pleite. Damit die Konkurrenz von Napier nicht den technologisch bestens ausgestatteten Konzern kauft, bietet Rolls Royce heimlich mit – und erhält zur Überraschung aller den Zuschlag. Fortan werden die Autos gemeinsam entwickelt und gebaut. Eine Zeitlang (in den 60er und 70er Jahren) gibt es zum Teil identische Modelle. Erst in den achtziger Jahren bekommt Bentley seine Eigenständigkeit zurück. Die soll allerdings nicht mehr lange dauern. Denn schon 1998 kauft der Volkswagen-Konzern für 1,44 Milliarden D-Mark das Werk in Crewe und Bentley vom damaligen Besitzer, dem Vickers-Flugzeugkonzern. Inbegriffen ist auch Rolls Royce - allerdings fehlt ein wichtiges Teil. In der letztendlich siegreichen Bieterschlacht mit BMW haben die Wolfsburger nämlich völlig übersehen, dass die Markenrechte, also das eigentliche Kronjuwel, beim gleichnamigen Triebwerkshersteller liegen. Geschickt sichert sich BMW den Namen für 40 Millionen Pfund – und damit den Autobauer. VW gibt auf unter dem Hinweis, ohnehin nur Bentley haben zu wollen und baut in Lizenz noch bis zum Jahr 2002 Rolls Royce-Fahrzeuge in Crewe, bevor BMW in die neue Fabrik nach Goodwood umzieht.

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Bentley GT Continental V8 Muliner
Wer seinen Bentley individuell ausstatten will, der muss ein Muliner-Modell kaufen. Dann gibt es exklusive Farben und Felgen.. © Bentley

Auch der Bentley kann seine Herkunft nicht verleugnen

Welche Marke nun heutzutage luxuriöser ist – das mögen die Besitzer dieser Automobile beurteilen. Irgendwo bei 200.000 Euro fangen sie preislich an, diese exklusiven fahrbaren Herrenclubs, die sich gerade in den letzten Jahren bei den Schönen und Reichen besonderer Beliebtheit erfreuen. Aber ohne neidisch zu sein: Wenn man mal in einem Rolls Royce oder Bentley gesessen ist, kann man sich das schon vorstellen. Auch wenn man an winzigen Kleinigkeiten dann doch sieht, wer die Autos eigentlich entwickelt und baut. Das ist bei Rolls Royce genauso wie bei Bentley. Im getesteten Continental GT V8 beispielsweise erinnert das Lenkrad an Audi nur mit einem anderen Emblem versehen und die Grafik der Digitalinstrumente hat man auch schon mal gesehen in dem ein oder anderen Modell von VW.

Bentley GT Continental V8 Mittelkonsole Muliner
Die Mittelkonsole in der Edel-Ausführung Muliner erinnert eher an eine Vitrine bei Tiffany als an eine Instrumenten-Einheit. © Bentley

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Lack-Farbe wie ein Veilchen, Leder fein wie Kaviar

Entscheidend ist das freilich nicht. Sondern die dezente Dekadenz, die wie eine Aura über so einem Auto liegt. Das fängt bei der Lackfarbe an. Unser Continental GT kommt in „Azur Purple“ daher. Inspiriert wurde die Farbe von den tiefen Tönen des afrikanischen Usambara-Veilchens. Das Leder trägt den Namen Beluga und soll so wie der gleichnamige Kaviar zu den feinsten Sorten weltweit gehören. Hergestellt wird es aus den Fellen von Kühen aus Nordeuropa. Warum das wichtig ist: Dort gibt es weniger Insekten und damit weniger Stiche, das Leder bleibt makellos. Walnuss-Holz, schwerer Klavierlack, andersfarbige Kontrastnähte, glänzendes Chrom – es gibt alles was, das Herz begehrt. Sogar ein rotierendes Display mitten auf dem Armaturenbrett. Wer statt der Instrumente nur eine silberne Uhr sehen will, ein Knopfdruck genügt. Erinnert irgendwie an die guten alten James-Bond-Filme, in denen unter dem Cockpit auch so mancher Schalter zum Vorschein kam, vorzugsweise um Raketen abzufeuern.

Bentley GT Continental V8 Detail Karosserie
Schlichte Schönheit zeichnet den Continental GT im Blechkleid aus. Inspiriert von der langen britischen Coupé-Tradition bei Sportautos. © Bentley

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Sollen es zwölf Zylinder sein oder reichen auch acht?

Dass Bentley auch mal im Besitz eines Flugzeugherstellers war (so wie Rolls Royce) merkt man auch heute noch an der Motorenpalette. Denn da ist immer noch ein sechs Liter großer Zwölfzylinder im Programm. Ob man dieses Triebwerk mit seinen wirklich 659 PS braucht, das ist nur eine Frage des Prestiges. Allerdings muss man sich dann schon einen GT Speed bestellen, denn nur noch dort ist das Monster-Aggregat noch verfügbar. Ansonsten reicht auch der angebotene Achtzylinder dicke. Der Motor ist ein alter Bekannter, wenn man sich in der Welt der Luxusmobile bewegt. Er tut seine Dienste ein paar Ticks brachialer im Lamborghini. Im A8 von Audi nimmt er sich eher vornehm zurück. Der Vierliter-Benziner mit doppelter Turboaufladung jedenfalls ist eine Macht. Hier im Continental GT leistet er 550 PS und 770 Nm Drehmoment. Das Schöne dabei: Schon bei 2000 Umdrehungen pro Minute (U/min) laufen die acht Brennkammern zur höchsten Form auf und halten dieses Niveau bis zu 4.500 Umdrehungen. Zum Vergleich. Der AMG GT 63 S entwickelt erst bei 2500 U/min sein höchstes Drehmoment (dafür dann aber 900 Nm), der vergleichbare BWM m850i legt mit 1.800 U/min (750 Nm) einen echten Frühstart hin.

Bentley GT Continental V8 Yachtoptik
Was die Designer bei der Individualisierung drauf haben, zeigen sie mit dieser Yacht-Optik, die später einen Schiffsbauer inspiriert hat. © Bentley

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Der Motor kann, wenn er muss, wenn man will

Das alles sind Werte für absolute Spezialisten. Für uns Auto-Normalfahrer stellt sich allein die Frage, wie sich das anfühlt. Leider müssen wir hier die gute alte englische Art des gepflegten Tiefstapelns verlassen. Denn der Continental GT fährt sich wirklich grandios. Der Motor paart Souveränität mit Kultiviertheit, seine unbändige Durchzugskraft funktioniert auch noch bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn. Aber das alles probiert man ebenso wie den Spurt von 0 auf 100 (4,0 Sekunden) gerne mal aus – aber eigentlich reicht das Wissen, dass er kann, wenn er muss, wenn der Fahrer will. Auf die Straße gebracht wird diese Power über beide Achsen. Dabei betont der Allradantrieb – wie es sich für ein sportliches Coupé auch gehört – schwerpunktmäßig über die Hinterräder. In den komfortableren Fahrmodi kommen bis zu 38 Prozent des Drehmoments vorne an, 62 Prozent hinten. Das ist ein Verhältnis von einem Drittel zu zwei Drittel. Wer die Kraft der 550 PS allerdings voll ausreizen will, der schaltet auf Sport: Dann verschiebt die Elektronik mit 83 Prozent fast die ganze Power nach hinten.

Bentley GT Continental V8 Detail Innenraum Leder
Gestepptes Leder und Chromgriffe - das ist der dezente Charme eines Luxusgeschöpfs für mindestens 170.000 Euro. © Bentley

Ordentlicher Bremsweg für so einen Koloss

17 Prozent der Kraft bleiben vorne – das Minimum, um ordentliche Fahrstabilität zu erzielen und eine geordnete Traktion zu haben. Denn auch hier lässt sich dem Bentley nichts nachsagen: Trotz seiner knapp 2,2 Tonnen Gewicht, seiner Länge von 4,85 und einer XL-Breite von 1,96 Metern werden die Fliehkräfte bemerkenswert gut im Zaum gehalten. Da wankt fast nichts in den Kurven, die Karosserie nickt höchstens dann ein bisschen, wenn man in die Eisen steigt, um den britischen Koloss schnell zum Stillstand zu bringen. Beim Bremsen sollte man in der Tat nicht zu zögerlich sein, denn der Weg kann lang sein bis sich die 2,2 Tonnen nicht mehr bewegen. Rund 35 Meter bei Tempo 100, rund 140 Meter bei 200. Durchaus gute Werte für so ein Trumm von Auto.

Bentley GT Continental V8 Alpingründ Heck
Gefällig aber nicht besonders auffällig ist das Hinterteil des Continental. Selbst die vier Auspuffrohre sind versteckt. © Richard Pardon / Bentley

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Unser Fazit zum Bentley Continental GT

Dass sich das kolossale Luxus-Coupé beim Fahren so locker und leicht anfühlt, hat einen technischen Grund. Mussten die Engländer früher ihren Continental auf der technischen Plattform des schwerfälligen und nicht sonderlich erfolgreichen VW Phaeton bauen, so teilt man sich jetzt den Baukasten mit dem Porsche Panamera. Da sind quasi die Sport-Gene schon von Vorneherein mit drin. Dazu kommt dann auch noch die fast perfekte Gewichtsverteilung im Verhältnis von 55:45 – und schon weiß der Connaisseur, warum ein guter alter Bentley auch ein junger Springinsfeld sein kann.

Technische Daten: Bentley Continental GT V8 Coupé

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