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„Warum Hochditsch?“

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Guckt nuus: Werner Henkel blickt nach vorn in eine Zukunft, in der Mundart wenig Platz hat. Den Mundart-Spruch auf dem Fensterbalken pflegten seine Eltern zu sagen.  Foto: Schleichert
Guckt nuus: Werner Henkel blickt nach vorn in eine Zukunft, in der Mundart wenig Platz hat. Den Mundart-Spruch auf dem Fensterbalken pflegten seine Eltern zu sagen. Foto: Schleichert

Friedewald. Nein, er sagte nicht Mama und Papa. „Mam“ und „Bap“ waren die ersten Worte, die aus Werner Henkels Mund sprudelten. Das Laenschelder Platt lernte Henkel von klein auf. Heute muss der 64-jährige Friedewalder mit Schenklengsfelder Wurzeln mitansehen, wie seine Muttersprache ausstirbt.

Herr Henkel, haben Sie heute schon Platt geschwatzt?

Werner Henkel: Heute hatte ich noch keine Gelegenheit, denn ich war noch nicht vor der Tür. Mit meiner Frau spreche ich nur Hochdeutsch. Wäre ich aber durch die Straßen Friedewalds oder Schenklengsfelds gegangen, wäre ich sicher jemandem begegnet, mit dem ich ein paar Wörter Mundart gewechselt hätte.

Warum Mundart?

Henkel: Warum Hochditsch? Das Laenschelder Platt ist meine Muttersprache. Und Sprache spricht man. Von diesen natürlichen Gegebenheiten mal abgesehen, hat die Ursprache der Region einen entscheidenden Vorteil: Sie bietet Identifikation. Wer sie spricht, demonstriert Zugehörigkeit. Auf Platt komme ich den Menschen näher. Sie zu duzen, also „dou“ statt „du“ zu sagen, fällt leichter.

Ist Platt weniger umständlich?

Henkel: Platt ist direkter. Selbst derbe Ausdrücke klingen weniger anstößig. „So’n Schäss“ zum Beispiel klingt doch harmloser als „So eine Sch…“

Trotz aller Vorteile stirbt Mundart aus.

Henkel: Das stimmt nur halb. Bundesweit erfährt Platt zwar gerade eine Renaissance. Man muss nur runter nach Südhessen blicken, wo auch junge Menschen eifrig Platt schwatzen. Doch hier, in der schon von Pfarrer Boette Anfang des 20. Jahrhunderts als „vergessene Ecke“ bezeichneten Gegend, war die Sprache so isoliert, dass sie sich lokal stark unterscheidet. So etwas kann nicht überleben.

Sie meinen, weil der Horizont der Menschen nicht mehr hinterm entferntesten Acker endet, sondern weit darüber hinaus geht, sterben die ortstypischen Sprachen aus.

Henkel: Ja. Früher hat man selten über solche Mundart-Grenzen hinweg geheiratet – und wenn, integrierte man sich, indem man die Sprache der Bewohner annahm. Inzwischen aber kennt Freunde- und Partnersuche keine Grenzen mehr. Früher passte sich der Mensch an die Sprache an, jetzt hat sich die Sprache an die Menschen angepasst.

Eine Sprache lebt ja auch von Veränderungen. Inwiefern unterscheidet sich das Platt, das in ihrer Kindheit gesprochen wurde, von dem heutigen?

Henkel: Ich selbst versuche immer noch die Sprache meiner Oma zu sprechen, die 1893 geboren ist. Doch selbstverständlich hat sich diese Sprache auch weiter entwickelt, sie ist nicht tot. „Gaester“, also „gestern“ hieß früher anders: „naechte“ oder „naehnte“.

Wie nenne ich einen Computer auf Platt?

Henkel: Vielleicht „en Raechner“. Wer heute Platt spricht, muss viele neudeutschen Begriffe abwandeln. Doch die Plattschwätzer haben auch sehr intelligente Lösungen gefunden. Wie drückt man auf Hochdeutsch aus, was ein Mähdrescher gemacht hat? Man muss sich mit zwei Worten behelfen, „gemäht“ und „gedroschen“. In Platt gibt es ein Wort dafür: „gemähdreschert“.

Das Mediabuch „Platt geschwatzt“, das die Sparkasse Hersfeld-Rotenburg zusammenmit Werner Henkel und Jörg Hubl auflegte, ist in allen Sparkassen-Filialen sowie den Hoehlschen Buchhandlungen Hersfeld, Bebra und Rotenburg erhältlich – und kostet 15 Euro.

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Von Pia Schleichert

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