Glaamer Grund: Menschen haben Grenzzaun vor 20 Jahren selbst niedergerissen

„Es reichte den Leuten“

Alles wird festgehalten: Der ehemalige Bürgermeister von Hohenroda, Eberhard Fischer, bei seiner Tätigkeit als Chronist der Ereignisse. Im Hintergrund die Hof- und Dorfsänger Unterbreizbach. Fotos: Klemm

Hohenroda. Irgendwann hat es den Unterbreizbachern gereicht. An vielen Stellen des Eisernen Vorhangs haben sich in der Wendezeit 1989/90 Löcher aufgetan. Nur im Glaamer Grund wollte es partout nichts werden mit einem Grenzübergang. Während der Philippsthaler Bürgermeister Fritz Schäfer im Grenzgebiet zwischen Philippsthal und Unterbreizbach schnell Tatsachen in Form einer Verbindungsstraße schuf, blieb die Verbindung zwischen Unterbreizbach und Glaam noch Monate nach dem Wendeherbst 1989 im Dornröschenschlaf. Dass sie das Ganze schließlich selbst in die Hand nahmen, feierten Glaamer, Unterbreizbacher und Gäste am Samstag – genau 20 Jahre später.

„Uns wurde zwar ein Fußgängerüberweg im Glaamer Grund versprochen, aber nach dieser Zusage passierte lange Zeit nichts“, erinnerte sich die damalige Erste Beigeordnete von Unterbreizbach, Dorothea Nennstiel. „In einem Arbeitseinsatz schufen dreißig Helfer im Grenzgebiet einen Pfad Richtung Ransbach, aber danach wurden wir weiterhin vertröstet. Erst hieß es, die Grenze geht zu Ostern auf, aber nichts passierte. Auch zu Pfingsten standen die Leute umsonst vor dem Zaun. Irgendwann riss den Menschen der Geduldsfaden. Am Tag vor Himmelfahrt, am 5. Juni 1990, rissen sie den Grenzzaun ein und schufen so Tatsachen.“

Traktoren mussten ran

Die Idee, mit Traktoren und per Hand den Eisernen Vorhang im Glaamer Grund niederzureißen, reifte in einem Unterbreizbacher Getränkeshop. „Hier sollte man eigentlich eine Gedenktafel anbringen“, regte Eberhard Fischer an. Der Ex-Bürgermeister war als Ortsoberhaupt von Hohenroda nah dran an den damaligen Geschehnissen. „Nach meinem Kenntnisstand ist das nirgendwo anders an der Grenze so passiert wie hier“, sagte Fischer.

Nach dem eigenmächtigen Einriss des Grenzzauns hatten die Verantwortlichen der Grenzkompanie Dermbach Strafanzeige gestellt und die Kripo begann zu ermitteln. Die zwölf Unterbreizbacher Beteiligten und der Heringer Hans-Rudolf Möller, der mit seinem Traktor zu Hilfe geeilt war, ernannten sich daraufhin kurzerhand zur Bürgerinitiative. „Die Bürokratie wurde damit ausgetrickst“, so Dorothea Nennstiel, „und das Loch im Zaun blieb“. Der Karnevalclub (KCU) Unterbreizbach dichtete später ein Lied über die Aktion, das jetzt vorgetragen wurde. Einige Sänger des KCU von damals sorgten als Mitglieder der Hof- und Dorfsänger Unterbreizbach für einen würdigen musikalischen Rahmen. Unterstützt wurden sie dabei von den Blechbläsern des Posaunenchores Ransbach.

Zeitzeugen erinnerten sich

Viele Zeitzeugen der damaligen Ereignisse fanden sich auf der Straße zwischen dem Hohenrodaer Ortsteil Glaam und Unterbreizbach ein, um ihre Erinnerungen auszutauschen. Einige taten das in offizieller Mission, wie die ehemaligen Bürgermeister Fischer und Meinhard Pforr (Unterbreizbach) und deren aktuelle Amtskollegen Roland Ernst und Jörg Schäfer.

Von den Grenzbefestigungsanlagen im Glaamer Grund ist heute kaum noch etwas zu erkennen. Nur die Schneise des Kolonnenweges zeugt an der Ortsverbindungsstraße noch an den Eisernen Vorhang. Wer allerdings eine kleine Bergtour nicht scheut, kann einen der ehemaligen Grenztürme in Augenschein nehmen, der bis heute erhalten geblieben ist. Jetzt wurde er der Bevölkerung zugänglich gemacht.

Von Thomas Klemm

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