Interview mit dem Sprecher der Arbeitsgruppe Herdenschutz

„Wölfe regulieren sich nicht selbst“: Friedewalder Berufsschäfer kritisiert Ministerium

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Auf der Weide zu Hause: Meist ist Frieder Beyer tagsüber mit seinen Schafen auf einer nicht eingezäunten Wiese. Die beiden Hütehunde (Mitte) sind dabei unter Beyers Kommando ein „mobiler Zaun“. Die Herdenschutzhunde (links und rechts) bleiben nachts alleine bei der Herde. Beyer legt Wert auf die Feststellung, dass Herdenschutzhunde und Hütehunde eigentlich nicht gemeinsam zum Einsatz kommen – sondern hier nur fürs Foto posieren. 

Nach den vermehrten Rissen von Nutztieren im Kreis Hersfeld-Rotenburg herrscht unter den Schäfern Unmut über die Haltung zum Thema Wolf im Hessischen Umweltministerium.

Wir haben darüber mit Frieder Beyer gesprochen. Er ist Sprecher der Arbeitsgruppe Herdenschutz beim Bundesberufsschäferverband und hält Schafe bei Friedewald.

Der Wolf war bei uns früher heimisch, jetzt ist er wieder da. Ist das nicht eine gute Nachricht, wenn man an den Naturschutz denkt? 

Wenn man über Naturschutz in Mitteleuropa redet, muss es in erster Linie um den umfassenden Schutz unserer Kulturlandschaft gehen, denn die stellt den Löwenanteil unserer Natur, geprägt durch Waldbau, Ackerbau und Viehzucht, hauptsächlich mit Rindern und Schafen. Das beweidete Grünland gehört zu den artenreichsten Biotopen Europas und der Erhalt genau dieser Biodiversität wird durch unregulierte Wölfe massiv gefährdet. 

Aber den Wolf gab es hier doch schon mal. Warum ist er jetzt ein Problem? 

Das war er früher auch. Die Weidewirtschaft, wie wir sie heute kennen, ist erst mit dem Verschwinden des Wolfes möglich geworden. Davor gab es nur die Behirtung, es waren Tag und Nacht Menschen bei den Schafen. Das wäre heute weder finanzier- noch leistbar. Über die uralte Problematik zwischen Wölfen und Nutztierhaltung sowie der ländlichen Bevölkerung gibt es stapelweise authentische Berichte in Chroniken. 

Der Wolf hat keine natürlichen Feinde bei uns – ist das ein Problem? 

Eigentlich ist der Mensch der natürliche Feind. Aber uns sind die Hände gebunden, wir setzen dem Wolf keine Grenzen. Das ist das Problem. 

Wenn man dem Wolf Grenzen setzen würde – könnte es dann eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Wolf geben?

Eine Koexistenz vielleicht, aber keine friedliche. Wölfe sind nun mal Raubtiere, und die bestreiten ihren Lebensunterhalt bekanntlich nicht friedlich. Es gibt aber wohl auch Rudel, die keine Nutztiere angreifen. Wenn es dabei bleibt, können die gerne als "Seele des Waldes" dort bleiben. Was mich an der ganzen Wolfsdiskussion stört, ist die angebliche Scheue und Selbstregulierung der Wölfe. Der in großen Teilen noch unbetroffenen Bevölkerung wird ein Bild dieser Tiere vorgegaukelt, das allen bisherigen Erfahrungen widerspricht. Wir erleben hier derzeit einen halbwissenschaftlich begleiteten Freilandversuch, der zumindest die Weidetierhalter extrem beeinträchtigt und gefährdet. 

Ist der Wolf kein scheues Tier? 

Scheue ist etwas, das er lernt – oder eben nicht. Es ist nicht angeboren. Vererbt wird lediglich eine gewisse Vorsicht und damit verbunden ein Erkundungsverhalten. Es ist wider jede Vernunft, zu glauben, dass Wölfe sich selber regulieren und sich auf Dauer von menschlichen Siedlungen und Nutzvieh fernhalten. 

Der Wolf reguliert sich also überhaupt nicht von alleine? 

Doch. Über zwei Faktoren. Der erste ist die Nahrungsverfügbarkeit. Das funktioniert aber nur in der Wildnis. Wenn dort das Nahrungsangebot niedriger wird, sinken die Wolfsbestände. Die Rudel wandern ab oder es kommt zu Kämpfen. Das wird von den Wolfs-Befürwortern auch gerne verschwiegen: Der Wolf ist alles andere als das sozialste Wesen der Welt. Durch die große Masse an fressbarem Weidevieh wird dieser Regulierungsfaktor bei uns aber nicht greifen. 

Und der zweite Faktor? 

Das Platzangebot an geeigneten Lebensräumen. Wenn zu viele Wölfe auf engem Raum leben, treten Seuchen auf. Die können auch auf andere Tiere übergreifen. Zum Beispiel Staupe, Räude und Tollwut. 

Das Hessische Umweltministerium sagt, dass der Wolf sich seine Nahrung in der Wildnis sucht und Nutztiere in der Regel nicht angreift. 

Ja, und ich kann Ihnen auch sagen, worauf sich da immer wieder bezogen wird. Das ist eine Untersuchung des Naturschutzbundes Nabu, die in der Lausitz gemacht wurde. Da wurde der Kot der Wölfe untersucht und man kam auf die legendäre Angabe von 0,8 Prozent Nutztieranteil. Darauf wird seit Jahren herumgeritten, obwohl diese Angabe wissenschaftlich völlig unhaltbar ist. Es gibt in der untersuchten Region kaum Nutztiere, es handelt sich um Truppenübungsplatzgelände und rekultivierten Braunkohletagebau. Das wird aber nicht dazu gesagt. 

Fordern Sie ein wolfsfreies Deutschland? 

Nein, das ist eine unrealistische Forderung. Aber wo Wölfe Nutztiere reißen, müssen sie geschossen werden, ohne wochenlang auf DNA-Ergebnisse zu warten. Natürlich kann es dann sein, dass man nicht den „Problemwolf“ trifft. Der hat ja kein Schild umhängen. Aber dadurch erzieht man den Wolf zur viel zitierten Scheue. Die sicherste Variante wäre, wenn man nach einem Nutztierriss die Kadaver liegen lässt und darauf wartet, dass der Wolf zurückkommt und weiterfrisst. Das passiert sehr oft. Und dann muss er geschossen werden. 

Sind Sie selbst auch Jäger?

Nein. In Frankreich laufen übrigens 1500 Schäfer mit Schusswaffen herum. Sowas will ich bei uns nicht. Die Franzosen haben aber auch ein ganz anderes Waffenrecht. Wir haben dieses Monopol an den Staat abgegeben – der muss uns dafür aber auch schützen. 

Sie fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Warum ist der eigentlich nicht auf Ihrer Seite? 

Er muss den Spagat schaffen, einerseits die Wähler zufriedenzustellen, und die wollen ja anscheinend mehrheitlich den Wolf bei uns haben – aber andererseits auch die Existenz der Weidetierhalter zu sichern. Es gibt immer weniger Berufsschäfer. Derzeit nur noch 900 in Deutschland, und die arbeiten ohnehin schon weit unter Mindestlohnniveau. Das ist noch schlimmer geworden, seit infolge der europäischen Agrarreform 2005 die Mutterschafprämie abgeschafft wurde und die Förderung stattdessen an die Fläche gekoppelt wurde. Insbesondere Schäfereien nutzen und pflegen oft Flächen, für die sie keinerlei Zuschüsse erhalten. Diese wirtschaftliche Schieflage ließe sich ganz einfach über eine tierzahlbezogene Förderung erheblich entschärfen, aber CDU und SPD haben das im Bundestag abgelehnt. Das Land Hessen könnte das auch selbst tun – es passiert aber nicht. 

Und nun verschlimmert der Wolf die wirtschaftliche Situation der Schäfer? 

Genau. Es ist uns nicht damit geholfen, wenn wir jetzt Förderungen für Zäune bekommen, die wir ohne den Wolf gar nicht bräuchten. Meine Existenz ist nicht akut bedroht, wenn es mal vorkommt, dass ein paar meiner Schafe gerissen werden, so unschön das auch ist. Wenn man dem aber letzten Endes hilflos zusehen muss und das Gefühl hat, es wird sich nicht darum gekümmert, man ist nur der dumme Schäfer, der zu faul ist, Zäune aufzustellen und Herdenschutzhunde einzusetzen, und man sieht, es ändert sich nichts an der Politik – da muss man sich nicht wundern, wenn immer mehr Schäfer aufgeben. 

Sind Herdenschutzhunde ein wirksamer Schutz? 

Für eine gewisse Zeit sicherlich, solange die Wälder noch voller Wild sind und schlechter geschütztes Weidevieh draußen rumsteht. Allerdings ist es völlig illusorisch, die Stückzahl der Hunde entsprechend der Anzahl der angreifenden Wölfe aufstocken zu können. Meine Schafe sind im Herbst zum Teil in vier oder fünf Gruppen eingeteilt. Dann bräuchte ich mindestens 25 Herdenschutzhunde. Hunde, von denen auch bei optimal eingehaltener Sorgfaltspflicht immer eine Gefährdung für andere Tiere und Menschen besteht und die Kosten von mindestens 2000 Euro pro Hund und Jahr verursachen. Zur Schutzeffektivität gibt es aber schon Erfahrungen, zum Beispiel aus Brandenburg. Dort gab es von 2016 bis Oktober 2018 insgesamt 14 Fälle von Wolfsrissen in Herden, die von Herdenschutzhunden bewacht wurden. Das wurde bei einer Anfrage im Landtag offiziell von der Landesregierung bekanntgegeben. 

Aber Abschreckungspotenzial für Wölfe haben sie schon, oder? 

Ja, weil sie Rivalen für Wölfe sind. Den Leuten muss aber bewusst sein: Herdenschutzhunde wurden seit Jahrhunderten darauf selektiert, selbstständig, ohne den Menschen, zu handeln. Sie kommen aus Gegenden, wo nicht ständig Gassigeher, Radfahrer und Autos. auftauchen und stellen deshalb in unserer dichtbevölkerten Landschaft keine wirkliche Lösung dar. 

Was ist mit Zäunen? 

Es gibt keine wolfssicheren Zäune, die leistbar sind. 

Und nahezu sicher? 

Ja, die kann man im Wildpark Knüll besichtigen. Mehrere Meter hoch und nach innen abgeschrägt, einen Meter Untergrabschutz im Boden, zusätzliche Stromlitzen, und selbst da sind sie ja neulich ausgebrochen. Ab einer gewissen Größe der Zäune gibt es auch baurechtliche Probleme. Und: Je höher der Zaun, desto größer das Risiko, dass er bei Schnee oder Wind umfällt. Außerdem: Die Zäune einer Wanderschäferei stehen ja nicht immer auf ein und derselben Weide. Ich bewege zum Beispiel jeden Tag 15 bis 20 Netze, jedes davon ist 50 Meter lang. Ich ziehe ja weiter, wenn eine Weide abgegrast ist. Je höher und schwerer die Zäune, desto größer der Aufwand. 

Was fordern Sie von der Landesregierung? 

Zu allererst, dass diese erbärmliche Kommunikationspolitik geändert wird. Es kann nicht sein, dass der Wolfsriss von Licherode erst Wochen später öffentlich bekannt wurde, weil der Landesjagdverband etwas dazu veröffentlicht hat. Wenn es einen Riss gibt und der Wolf kommt als Verursacher infrage, muss das am nächsten Tag in der Zeitung stehen. 

Dann wirft man den Medien Panikmache vor.

Warum ist das Panikmache, wenn Sie über Fakten berichten? Wenn durch Fakten Panik entsteht, dann ist sie begründet. Das Wort Panikmache wird verwendet, um Dinge unter der Decke zu halten. Wenn sich nach dem DNA-Gutachten herausstellt, dass es doch kein Wolf war, muss das eben auch verkündet werden. Die Nicht-Information ist verheerend für die Tierhalter, aber auch für die Glaubwürdigkeit der Regierung.

Und abgesehen von der Informationspolitik?

Wölfe müssen geschossen werden, wenn sie Nutztiere reißen. Unverzüglich.

Aber der Wolf ist in der EU ein geschütztes Tier. 

Der Norden Schwedens bietet für den Wolf einen perfekten Lebensraum, ist dünn besiedelt. Die Schweden tun aber alles dafür, den Bereich frei von Wölfen zu halten, weil sie ihre Rentiere schützen wollen. Dafür wurden sie von der EU mal ermahnt, aber ein Vertragsverletzungsverfahren hat es nie gegeben.

Wie könnte das Land Hessen Ihnen noch helfen? 

Alle Kosten für Herdenschutzmaßnahmen und Rissschäden müssen unbürokratisch erstattet werden. Und zwar ohne eine Ausweisung von sogenannten Wolfsregionen. Das verschleppt die Herdenschutzmaßnahmen. Und dadurch werden Wölfe, die neu in Regionen ankommen, regelrecht zum Reißen von Weidetieren erzogen.

Zur Person

Frieder Beyer ist 64 Jahre alt und kommt aus Oberfranken. Dort machte er eine landwirtschaftliche Ausbildung und begann zunächst im Nebenerwerb mit der Schäferei. Nach sieben Jahren als Wanderschäfer ohne festen Wohnsitz zog er 1986 nach Soisdorf. Er hat eine Herde mit 500 Mutterschafen und Weiden bei Friedewald, Motzfeld und Sorga. Der Oberfranke hat insgesamt 13 Hunde. Darunter sind Hütehunde, die tagsüber unter Beyers Kommando als „lebendiger Zaun“ fungieren und Herdenschutzhunde, die nachts selbstständig auf die Herde aufpassen.

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