"Hunde reißen in Deutschland mehr Nutztiere als Wölfe"

Nabu Hessen macht sich gegen den Abschuss von Wölfen stark

Die Rückkehr des Wolfs nach Waldhessen bleibt weiterhin ein Thema. Nun meldet sich der Leiter Naturschutz des Nabu Hessen zu Wort.

Nachdem Berufsschäfer Frieder Beyer in einem Interview mit unserer Zeitung eine häufig vom Naturschutzbund Nabu zitierte Studie zum Rissverhalten der Raubtiere kritisiert hat, haben wir nun auch mit Nabu-Vertreter Mark Harthun ein Interview geführt. 

Sollte ein Wolf geschossen werden, wenn er Schafe reißt?

Wir sagen ganz klar: Eine Ausnahme zum Abschuss von Wölfen darf es nur geben, wenn alle anderen zumutbaren Alternativen, mit denen man Schäden an Nutztieren verhindern kann, gescheitert sind. Das heißt: Geeignete Schutzmaßnahmen, wie die Errichtung wolfssicherer Zäune und/oder die Anschaffung von Herdenschutzhunden müssen eingeleitet worden sein, und es muss wiederholte Angriffe auf die Nutztiere gegeben haben.

Würde ein Abschuss denn helfen, um Wölfe von Nutztieren fernzuhalten?

Nein, der Abschuss ist kein wirksames Gegenmittel, solange die Nutztiere nicht fachgerecht geschützt sind. Dann würden zuwandernde Wölfe die entstandene Lücke höchstwahrscheinlich schließen. Und die Bejagung von Wölfen ist auch sehr aufwändig – da ist es sinnvoller, in die längerfristige Sicherung der Weidetiere zu investieren und dabei auch Steuergeld in die Hand zu nehmen.

Wenn man Wölfe erst schießt, wenn alle anderen Alternativen nicht gegriffen haben – haben sie dann nicht schon längst gelernt, dass Nutztiere leichte Beute sind?

Wölfe sind sehr lernfähig, das ist richtig. Aber in der Regel gibt es zuerst Wolfsrisse bei Weidetieren, die ungenügend geschützt sind – etwa, weil eine Seite der Weide nur durch einen Bach begrenzt ist. Selbst dann kann man aber noch reagieren. Wenn der Wolf in der nächsten Nacht zurückkommt und der Zaun dann ordentlich gestellt ist, kann die Sache schon erledigt sein. Wenn der Wolf einen Misserfolg hat, lenkt man ihn in die Wälder. Wenn er dort Rehe reißt, ist das kein Drama. Grundsätzlich gilt: Jeder Schäfer hat eine Grundsicherungspflicht für seine Tiere.

Wird der Herdenschutz durch die Rückkehr des Wolfs aufwändiger?

Ja, das Aufstellen der Zäune und die Kontrollen machen deutlich mehr Aufwand. Ein wesentliches Problem ist aber, dass bisher auch häufig schon der gesetzlich vorgeschriebene Grundschutz vernachlässigt wurde. Wildernde Hunde gab es schon immer, und die reißen deutlich häufiger Nutztiere, als es Wölfe tun. 2017 gab es in Deutschland 500 Angriffe durch Wölfe auf Nutztiere, aber 1397 Angriffe durch Hunde.

Der Nabu Hessen hat kürzlich in einer Pressemitteilung geschrieben, dass die Probleme der Schäfer eigentlich andere sind als der Wolf.

Richtig. Der Verlust einzelner Schafe ist wirtschaftlich kein Faktor, der die Schäfer bedroht. Alleine in Hessen verenden jährlich 15 000 Schafe im ganz normalen Tagesbetrieb – es gibt eine hohe natürliche Mortalitätsrate. Bei Schafen liegt sie bei 8,9 Prozent, in ähnlicher Höhe bei Ziegen und Rindern. Diese 15.000 Schafe werden über die Tierkörperbeseitigung entsorgt, wobei die Steuerzahler zwei Drittel der Kosten übernehmen. Hingegen wurden 2017 in Hessen nur 13 Schafe und Ziegen von einem Wolf gerissen. Die wirklichen Probleme der Schäfer sind andere.

Wirtschaftlich spielt beim Thema Wolf aber ja nicht nur der Wert eines toten Nutztiers eine Rolle, sondern auch die Herdenschutzmaßnahmen, die Geld kosten und aufwändig sind.

Das stimmt. Das ist eine Mehrbelastung. Wir setzen uns dafür ein, dass Schäfer die Kosten für Material und Arbeitsaufwand zu 100 Prozent erstattet bekommen, wenn es ortsansässige Wölfe gibt.

Also auch hier: Es sollte erst reagiert werden, wenn schon etwas passiert ist?

Die Tierhalter müssen sofort reagieren und den gesetzlich vorgeschriebenen Grundschutz für ihre Tiere umsetzen. Wenn es um die Ausschüttung von Fördermitteln geht, ist das ein Stück weit so, ja. Das sehe ich auch durch die Brille des Steuerzahlers: Die Kosten flächendeckend überall zu erstatten, wäre schlicht sehr teuer. Es macht Sinn, dort anzufangen, wo auch wirklich ein Wolf lebt. Dafür muss nicht erst etwas passieren – es reichen auch Fotonachweise über ein paar Monate. Und man muss auch im Blick haben, dass es bislang in Hessen keinen Nachweis über einen fest angesiedelten Wolf gibt. Da wird ein bisschen ein Schreckgespenst aufgebaut.

Überdramatisieren die Schäfer den Wolf?

Wenn sie bei einer geschützten Art nach Abschüssen rufen, dann ja. Es gibt ja in Hessen noch nicht mal eine einzige Wolfsfamilie. Der Wolf ist eine durch internationale und nationale Gesetze streng geschützte Tierart. In Deutschland nutzt eine Wolfsfamilie ein Territorium von rund 250 Quadratkilometern. Wölfe sind revierbildende Tiere. Darin dulden sie außer ihrem eigenen Nachwuchs keine anderen Wölfe. Bei einer höheren Dichte kommt es zu Revierkämpfen, die tödlich enden können. Das bezeichnet man als Selbstregulation. Die Wolfsdichte wird also immer sehr gering sein. Es kann keine Überpopulation von Wölfen geben.

Die Schäfer betonen, dass sie mit der Weidetierhaltung einen großen Beitrag zum Naturschutz leisten – weil die Weiden häufig sehr artenreich sind.

Das stimmt auch, aber dafür bekommen sie auch Subventionen: Über 500 Euro pro Hektar pro Jahr aus Grundprämien und dem Agrarumweltprogramm. Da kommen manchmal 50.000 Euro zusammen, die die Schäfer vom Steuerzahler bekommen. Dann kann man auch die Erwartung haben, dass sie ihre Tiere fachgerecht schützen – und eine bedrohte Tierart dulden.

Aus Schäferkreisen heißt es, der Wolf sei keine bedrohte Tierart.

Das ist fachlich nicht richtig, nur weil es in Gegenden wie Osteuropa viele Wölfe gibt. Die mitteleuropäische Wolfspopulation ist bedroht.

Zurück zu den artenreichen Flächen, die die Schäfer beweiden. Dafür bekommen sie also genug Unterstützung?

Unterstützung brauchen vor allem Schäfer, die nur wenig Fläche beweiden, und damit wenig Agrarförderung bekommen. Deshalb stellt das Land Hessen ja auch 500.000 Euro pro Jahr an Hilfen zur Verfügung. Das artenreiche Grünland ist nicht durch Wölfe gefährdet, sondern viel mehr durch Stickstoffeintrag aus der Luft und die Intensivierung der Landwirtschaft.

Der Betrag von 500.000 Euro wird vom Umweltministerium auch immer wieder genannt – das muss aber auch stets dazu sagen, dass dieses Fördergeld noch gar nicht ausgezahlt werden kann.

Ja, da scheint die EU noch ihren Segen geben zu müssen.

Gerade im hügeligen Waldhessen werden häufig Steilhänge am Waldrand beweidet, die schwierig zu umzäunen sind – außerdem gibt es viele Hobbyschäfer und Nebenerwerbsbetriebe, für die sich die Kosten eines Herdenschutzhundes nicht rechnen würden.

Wenn jemand nur 20 bis 30 Tiere hat, ist das in der Tat schwierig – und die Umzäunung an Hängen ist eine große Herausforderung. Da müssen die Tiere nachts in einen Pferch, der leichter abzuzäunen ist. Es muss uns gelingen, auch die Hobbyhaltung zu schützen. Dafür bieten Herdenschutz-Spezialisten vom Nabu Beratung an.

Sie haben die Zahl von deutschlandweit 500 Wolfsangriffen auf Nutztiere im Jahr 2017 genannt. Es gibt unterschiedliche Angaben über die Wolfspopulation in Deutschland – aber wenn man von 1000 Wölfen ausgeht, hat im Durchschnitt jeder zweite 2017 Nutztiere angegriffen.

Diese Rechnung würde ich so nicht aufmachen, weil da Wiederholungstäter darunter sind. Das aktuelle Wolfsmonitoring geht von 73 Wolfsrudeln in Deutschland aus. Da diese im Schnitt aus acht Tieren bestehen, gehen wir von 600 bis 700 Tieren aus. Wir haben Fälle in Niedersachsen und Brandenburg von Wölfen, die vermehrt Nutztiere reißen – das ist nicht schönzureden. Untersuchungen des Senckenberg-Museums für Naturkunde (Görlitz) an über 6000 gesammelten Kotproben zeigen aber, dass Nutztiere mit einem Anteil von nur 1 Prozent die Ausnahme sind und als Nahrung für das Überleben der Wölfe keine Rolle spielen (siehe Hintergrund).

Der Wolf ist, anders als häufig behauptet, kein scheues Tier, heißt es aus Schäferkreisen. Was meinen Sie?

Wir vermeiden es, den Wolf als scheu zu bezeichnen. Richtig ist eher, dass er sich für Menschen nicht interessiert. Zufällige Begegnungen sind damit auch in Siedlungsnähe möglich, aber selten und auch nicht gefährlich. In Deutschland gibt es jedes Jahr Zigtausende Bissverletzungen durch Hunde. Durchschnittlich werden sogar vier Menschen pro Jahr getötet - von Hunden, nicht von Wölfen. Ein Wolf, der durch eine Siedlung läuft oder in die Nähe einer eingezäunten Herde, ist daher noch lange kein sogenannter Problemwolf.

Eine Forderung aus Schäferkreisen ist, dass das Umweltministerium besser über bestätigte, aber auch mögliche Wolfsrisse aufklärt.

Wenn man jeden Fall, wo ein totes Schaf auf der Weide liegt, öffentlich machen würde, würde man unnötig Panik schüren. Wir wollen aber, dass informiert wird, wenn ein Wolfsriss bestätigt ist oder ein Wolf per Foto nachgewiesen wurde, damit die Nutztierhalter ihre Tiere schützen können.

Die DNA-Analysen dauern oft mehrere Wochen. Bringt das den benachbarten Tierhaltern dann überhaupt noch was?

Ein verantwortlich handelnder Tierhalter wird seine Herde sofort besser schützen, und nicht drei Wochen auf das Ergebnis warten.

Dann müssen sie aber auch sofort informiert werden, wenn ein Wolfsriss möglich, aber noch nicht nachgewiesen ist.

Wenn es institutional durch die Landesbehörden möglich ist, direkt alle Tierhalter der Umgebung zu adressieren, wäre das sinnvoll. Es sollte aber nicht sofort in der Zeitung stehen.

Wird die Debatte zwischen Wolfsbefürwortern und Wolfsgegnern zu emotional geführt?

Bei den Nutztierhaltern ist das manchmal so, aber auch bei manchen Menschen, die den Wolf romantisch verklären. Als es beispielsweise in Thüringen Hybriden aus Wölfen und Hunden gab, war auch der Nabu für einen Abschuss, weil eine Vermischung der Gene zu Problemen führen würde. Trotzdem sind viele Tierschützer dagegen Sturm gelaufen. Wir als Nabu versuchen, die Nöte der Tierhalter zu verstehen. Aber mit dem Ziel, Schäfer zu unterstützen und nicht, Wölfen zu schaden.

Hintergrund: Nabu bekräftigt Studienergebnisse

Michael Röth und Heike Balk von der Landesarbeitsgruppe Wolf des Nabu Hessen betonen auf Nachfrage unserer Zeitung, dass auch in den Gebieten, wo die von Berufsschäfer Frieder Beyer kritisierte Studie gemacht wurde, Nutztierhaltung, vor allem mit Schafen, betrieben wird. Der Wert von 0,8 Prozent Nutztieranteil in Kotproben sei zwischen 2001 und 2009 bei Proben hauptsächlich in der Lausitz, aber auch anderen Gebieten Brandenburgs und Sachsens ermittelt worden. In der Lausitz habe man mit den Untersuchungen lediglich angefangen. Im zweiten Untersuchungszeitraum von 2009 bis 2016, als sich der Wolf ausbreitete, seien auch zahlreiche Proben aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt und in geringerem Ausmaß auch aus Thüringen, Bayern, Hessen und Niedersachsen eingeflossen. Der Nutztieranteil stieg auf 1,1 Prozent. Dass der Wolf mehr Tiere reiße als er fresse, müsse man bei der Bewertung der Zahlen berücksichtigen, so der Nabu. Die Studie hat übrigens nicht der Nabu, sondern die Senckenberg Gesellschaft Görlitz erstellt.

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