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Die Sternwarte in Friedewald musste aufgegeben werden

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Wie eine kleine Kathedrale wirkt die ehemalige Sternwarte von Friedewald dank der auf das Flachdach aufgesetzten Kuppel. Vandalismus hat dem seit einigen Jahren ungenutzten Gebäude inzwischen stark zugesetzt. Neben Kunstlicht würden heute auch die in die Höhe gewachsenen Bäume und Sträucher den einst freien Blick zum Nachthimmel einschränken.
Wie eine kleine Kathedrale wirkt die ehemalige Sternwarte von Friedewald dank der auf das Flachdach aufgesetzten Kuppel. Vandalismus hat dem seit einigen Jahren ungenutzten Gebäude inzwischen stark zugesetzt. Neben Kunstlicht würden heute auch die in die Höhe gewachsenen Bäume und Sträucher den einst freien Blick zum Nachthimmel einschränken. © Jan-Christoph Eisenberg

Als „Lost Places“, vergessene oder verlorene Orte, bezeichnet man alte Gebäude, Ruinen oder verlassene Häuser.

Friedewald – Die filigranen Ringe des Saturns, glühende Gasmassen am Sonnenrand oder die zerklüfteten Krater des Mondes – Fotos an den Wänden im Erdgeschoss der alten Sternwarte von Friedewald zeugen heute noch davon, dass hier die Sterne einst zum Greifen nahe waren.

Als das kleine Observatorium in den Jahren 1971 und 1972 auf der Anhöhe unweit der damals wenig befahrenen A 4 errichtet wurde, lag der damalige Ortsrand ein gutes Stück weiter entfernt als heute. Kaum eine künstliche Lichtquelle trübte hier, vor den Toren des Dorfes, den Blick der Sternengucker in den Nachthimmel. „Damals war dieser Standort ideal“, betont Arnulf von der Stein, nachdem er die massive Außentür aufgeschlossen hat. Der heute 83-Jährige hat die Entwicklung des eher funktionell gehaltenen Zweckbaus, dessen Optik dank der charakteristischen Kuppel dennoch einer Kathedrale im Miniaturformat ähnelt, von den Anfängen bis zu seinem Niedergang miterlebt.

Sternengucker der ersten Stunde: Gründer Kurt Tiede mit dem Teleskop, das einst unter der Kuppel montiert war. 
Sternengucker der ersten Stunde: Gründer Kurt Tiede mit dem Teleskop, das einst unter der Kuppel montiert war.  © HZ-Archiv

Die Initiative für den Bau sei vom astronomiebegeisterten Forstbeamten Kurt Tiede ausgegangen. Von der Stein, der als junger Bundesgrenzschützer gerade in die Dreienberggemeinde gezogen war, stieß dazu und ließ sich von der Leidenschaft für die Sterne anstecken. „Es herrschte Aufbruchstimmung. Sogar der damalige Bürgermeister Hans Dürner stand selbst an der Betonmischmaschine“, blickt der 83-Jährige zurück. Mehrere regionale Firmen hätten das Projekt mit Sach- und Geldspenden unterstützt. Beim Aufsetzen der drehbar gelagerten Observationskuppel halfen in Bad Hersfeld stationierte US-Soldaten. Die Wölbung hatten die Ehrenamtlichen zuvor in einer Remise am Schloss aus Presspappe modelliert und anschließend mit einem Kunststoffanstrich beschichtet. „Diese Konstruktion hat bis heute gehalten“, merkt Arnulf von der Stein an.

Etwa 30 Mitglieder gehörten zu Spitzenzeiten zum Trägerverein der Sternwarte, der harte Kern habe etwa zehn bis zwölf Aktive umfasst. Mit einem unter der Kuppel montierten Spiegelteleskop nahmen die Hobby-Astronomen nicht nur Millionen Kilometer entfernte Planeten und Galaxien in den Fokus, sondern brachten den Sternenhimmel regelmäßig auch Besuchern näher.

Im Laufe der Jahre sei allerdings der Altersschnitt kontinuierlich gestiegen. Nachwuchs zu finden und vor allem dauerhaft an den Verein zu binden, habe sich schwierig gestaltet, verdeutlicht Arnulf von der Stein. Entscheidend für den Niedergang sei allerdings noch ein weiterer Faktor: Im nahen Gewerbegebiet wurde mit der Ansiedlung der ersten Logistiker die Nacht zum Tage. Der Verkehr auf der A4 nahm mit der Grenzöffnung stark zu und zerschnitt die Dunkelheit wie ein Leuchtband. Auch die Wohnbebauung und mit ihr zahlreiche Lichtquellen rückten näher an die Sternwarte heran. Wie eine diffuse Glocke überdeckt inzwischen Kunstlicht die Dreienberggemeinde. Lichtschwache Objekte wie Sternennebel oder entfernte Galaxien sind in den Okularen der Sternengucker damit buchstäblich für immer verblasst. „Lichtverschmutzung“ nennen Astronomen diesen Effekt. Wegen dieser Entwicklungen löste sich der Verein vor einigen Jahren schließlich auf. Das Gebäude hatten die Mitglieder zu diesem Zeitpunkt bereits an die Gemeinde übergeben.

Vom Teleskop, das Sternenfreunde aus Thüringen übernommen haben, zeugt unter der drehbaren Kuppel heute nur noch ein runder Sockel. Eine Etage tiefer lagert noch der Generator einer Windturbine, die das Gebäude neben mehreren Autobatterien mit Strom versorgte – ans Netz war die Sternwarte nie angeschlossen. Mehrere Jahre Leerstand und Vandalismus haben dem Gebäude sichtlich zugesetzt: Einschusslöcher durchziehen die massive Eingangstür – ein Projektil ist bis in den Schrank an der gegenüberliegenden Wand durchgedrungen. Großflächige Farbschmierereien überziehen Außenwände und -hülle der Kuppel. Über kurz oder lang, vermutet Arnulf von der Stein, sei das Gebäude wohl dem Abriss geweiht.

Noch aber erinnern die Fotos im Inneren an vergangene Zeiten, in denen hier die Sterne noch zum Greifen nah waren.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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