"Verständnis der Gesellschaft fehlt oft"

So meistert ein Ehepaar aus Friedewald den Alltag mit drei Pflegekindern

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Petra und Lutz Schütrumpf verbringen viel Zeit mit ihren Kindern im Garten. 

Das Leben verändert sich stark, wenn man Pflegekinder aufnimmt – da sind sich Petra und Lutz Schütrumpf aus Friedewald einig.

Sie haben fünf Kinder. Doch nur die beiden ältesten waren „im Bauch von der Mama“. Das hat der neunjährige Pflegesohn schon verstanden. Doch das Ehepaar macht keinen Unterschied zwischen seinen Kindern – außer wenn es sie eben doch machen muss.

Schütrumpfs haben eine 20-jährige und eine 14-jährige Tochter und wollten gerne noch mehr Kinder haben. Doch die zweite Geburt war eine äußerst komplizierte. „Deswegen haben wir uns gedacht: Es gibt so viele Kinder, die Pflegeeltern brauchen – denen können wir helfen“, erinnert sich die 44-jährige Mutter. Vor zehn Jahren setzten sie sich mit ihren Töchtern zusammen und besprachen die Idee mit ihnen. Alle waren sich einig: Ja, das machen wir. Trotzdem ließ das Ehepaar noch einmal ein Jahr ins Land gehen. Als dann immer noch alle von der Idee überzeugt waren, bewarben sie sich beim Jugendamt. Ein Jahr später nahmen sie den ersten Pflegesohn auf. Mittlerweile haben sie auch noch ein fünfjähriges Mädchen und einen dreijährigen Jungen, die Geschwister sind.

Die Kinder kamen allesamt zu Familie Schütrumpf, als sie jeweils etwa ein Jahr alt waren. „Die kommen mit einem Rucksack zu uns, der enorm ist. Und den kann man auch nicht komplett ausräumen, aber man kann ihn leichter machen“, sagt Lutz Schütrumpf. Der 45-Jährige erklärt: Bei den Kindern hinterlasse jeder Abbruch der Beziehungen zum Umfeld Spuren. Das machen sie einmal bei den leiblichen Eltern durch, und dann noch mal bei den Bereitschaftspflegeeltern, die direkt nach der Inobhutnahme einspringen. Und das ist der Idealfall. Nicht immer passt die Chemie zwischen Kind und Pflegeeltern, dann beginnt der Prozess von vorne.

"Man muss auch mal fünf gerade sein lassen"

„Als wir unsere drei bei uns aufgenommen haben, hat bei allen erst mal die sogenannte Wohlverhaltensphase eingesetzt. Sie waren sehr lieb, haben die Nähe und Liebe von uns aufgesaugt“, erinnert sich der Vater. Man dürfe aber nicht davon ausgehen, dass Pflegekinder dann einen schnurgeraden Weg einschlagen. „Da muss man auch mal fünf gerade sein lassen“, sagt seine Frau. Das verstehe die Gesellschaft aber oft nicht.

Familie Schütrumpf stand einmal kurz vorm Hausverbot in einem Supermarkt. Der Auslöser: eine Laugenstange. Die mittlerweile fünfjährige Pflegetochter, die sich mit dem Einhalten von Regeln äußerst schwertut, bekam einen derart heftigen Schreianfall, dass die Familie von allen Umstehenden begutachtet wurde und sich Vorwürfe anhören musste. „Ich habe ja auch Kinder, aber sowas habe ich noch nie erlebt“, habe eine Supermarktmitarbeiterin zu ihr gesagt, erinnert sich die Mutter.

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Oft fehlt das Verständnis bei Bekannten und Freunden

Das Verständnis fehlt mitunter auch bei Bekannten und Freunden. „Manchmal hört man da: ‘Warum gebt ihr euch denn solche Mühe? Das ist doch gar nicht euer Kind.’ Da hüpfe ich aus der Hose“, sagt Lutz Schütrumpf. Denn vom Gefühl her machen die beiden keine Unterschiede zwischen ihren leiblichen und ihren Pflegekindern, die auch Mama und Papa zu ihnen sagen. Und der Neunjährige hat auch schon länger keinen Kontakt mehr zu seinen leiblichen Eltern. 

Die beiden jüngeren hingegen schon. Sie besuchen ihre leiblichen Eltern regelmäßig. „Das tut ihnen gut. Sie lieben ihre Mutter abgöttisch“, sagt Petra Schütrumpf. Mit ihr muss sich die Familie auch oft abstimmen. Egal ob es um die Kita-Anmeldung, eine Klassenfahrt oder eine Operation geht: Pflegeeltern treffen größere Entscheidungen stets mit den leiblichen Eltern oder dem Jugendamt gemeinsam.

"Pflegekinder haben eine unglaublich soziale Ader"

Wenn man Pflegekinder hat, ist das aber übrigens auch oft im positiven Sinne etwas besonderes. „Sie haben eine unglaublich soziale Ader. Wenn es Süßigkeiten gibt, werden die erst mal an alle anderen verteilt. Wenn ich Kopfschmerzen habe, kommen sie mit ihren Kuscheltieren und trösten mich“, sagt Lutz Schütrumpf. Als der mittlerweile neunjährige Pflegesohn in die Schule kam, teilte er anfangs stets beim Frühstück für alle Kinder die „Frühstücksmappen“ aus, die als Tischunterlage verwendet werden. „Niemand hat ihm gesagt, dass er das machen soll. Er hat es einfach von sich aus gemacht und kam dadurch gar nicht dazu, überhaupt zu essen“, berichtet der 45-Jährige.

Schütrumpfs haben es noch nie bereut, Pflegekinder aufgenommen zu haben. „Wir bekommen unendlich viel Liebe und Dankbarkeit von unseren Kindern. Und es ist unbeschreiblich schön, wenn man sieht, wie es mit ihnen immer besser und besser wird“, sagt Petra Schütrumpf. Außerdem habe sie sich selbst auch positiv verändert. „Ich bin meinen Kindern dankbar für die Gelassenheit, die ich mittlerweile habe. Ohne sie wäre ich auf jeden Fall spießiger.“

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