Wirbel um AfD-Stimmen

Neuer Vize-Landrat Dirk Noll (SPD) im Interview: „Meine Mehrheit war sicher“

Wird seinen Schreibtisch im Rathaus von Friedewald bald räumen: Dirk Noll wurde am Montag zum Ersten Kreisbeigeordneten gewählt.
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Wird seinen Schreibtisch im Rathaus von Friedewald bald räumen: Dirk Noll wurde am Montag zum Ersten Kreisbeigeordneten gewählt.

Nach seiner Wahl zum Ersten Kreisbeigeordneten verteidigt sich Dirk Noll (SPD) im Interview mit unserer Zeitung gegen den Vorwurf des Wortbruchs.

Friedewald- Dirk Noll (SPD), der Bürgermeister von Friedewald, ist am Montag vom Kreistag zum neuen Ersten Kreisbeigeordneten gewählt worden. Über die umstrittene Wahl sprach Noll mit Kai A. Struthoff.

Herr Noll, die SPD hatte im Vorfeld kategorisch ausgeschlossen, dass sie den Ersten Kreisbeigeordneten mit den Stimmen der AfD wählen lassen würde. Was macht Sie so sicher, dass Ihre 35 Stimmen-Mehrheit nicht tatsächlich nur dank der fünf AfD-Abgeordneten zustande gekommen ist?
Ich bin deshalb so sicher, weil wir im Vorfeld natürlich ausführliche Gespräche mit den anderen Fraktionen geführt haben und eine Mehrheit aus dem demokratischen Lager daher feststand.
Aber die Wahl war geheim und es gibt keinen Fraktionszwang. Eine Unsicherheit und damit auch ein Geschmäckle bleiben also schon, oder?
Eben weil die Wahl geheim war, bezweifele ich, dass die AfD auch wirklich komplett für mich gestimmt hat. Ich glaube vielmehr, dass mein Lager gestanden hat. Deshalb habe ich auch nicht gezögert, die Wahl anzunehmen, denn ich bin mir meiner demokratischen Mehrheit sehr sicher. Ich finde es, auch rückblickend, richtig, dass wir vorher angekündigt haben, uns nicht durch die Stimmen der AfD wählen zu lassen.
Die CDU spricht dennoch von Wortbruch, auch die Grünen haben Bedenken. Belastet das die künftige Arbeit der Kreisgremien?
Ach, das glaube ich nicht. Ich bin nicht nachtragend, ich hoffe, die Kollegen auch nicht. Mir haben auch alle – außer Herbert Höttl – gratuliert. Negative Folgen für unsere künftige Arbeit erwarte ich daher nicht.
Ich habe mich gefragt, warum Sie eigentlich nicht gleich als Landrat angetreten sind, wenn Sie doch jetzt ohnehin in die Kreisverwaltung wechseln?
(lacht) Daran sehen Sie mal, wie viele gute Leute wir in der SPD haben. Wir haben einen souverän gewählten, guten Landrat und jetzt hoffentlich auch einen guten Ersten Kreisbeigeordneten. Ich glaube, dass mir dieser Job auch besser liegt als der des Landrats.
Torsten Warnecke ist ein gut vernetzter, kommunikativer Politiker, aber eben kein Verwaltungsfachmann. Sind Sie also künftig die Graue Eminenz im Landratsamt?
Das würde ich nicht sagen. Torsten Warnecke bringt viel Erfahrung mit und hat zudem einen Führungsstil, der gut ankommt. Er geht auf alle zu, ohne Bewährtes gleich neu machen zu wollen. Er wird seinen Job sehr gut machen, und ich unterstütze ihn dabei.
Die Aufgabenteilung bleibt also so, wie Sie zwischen Landrat Koch und Elke Künholz war, sodass Sie sich weiter um den Sozialbereich kümmern würden?
Das müssen wir mal sehen, aber die Aufgabenverteilung obliegt ja auch Torsten Warnecke. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es vielleicht die eine oder andere Veränderung geben wird.
Sie haben aber keine Sorge, dass Sie künftig die trockene Kärrnerarbeit machen, während der Landrat nur repräsentiert?
Ich bin Verwaltungsbeamter, und ich komme mit allem gut zurecht.
Sie haben im Kreistag gesagt, dass Sie Mannschaftssportler sind und Torsten Warnecke als Kapitän akzeptieren. Warum stellen Sie Ihr Licht so unter den Scheffel?
Weil es nun mal die Aufgabe des Landrats ist, programmatisch die Ziele vorzugeben und nicht der Job des Ersten Kreisbeigeordneten.
Sie haben angekündigt, die Kluft zwischen den beiden Kreisteilen schließen zu wollen. Wie soll das gehen, wenn man doch zwei Kreisteile hat, die schon von der Bevölkerungszahl, aber auch bei der Wirtschaftskraft so auseinanderklaffen?
Es ist klar, dass das nicht einfach wird. Ich habe dafür auch kein Wahlprogramm, aber es gibt Punkte, die mir am Herzen liegen. Wir müssen einfach mehr miteinander reden und transparenter arbeiten. Die Kreistagssitzung war dafür ein gutes Beispiel. So muss es weiter gehen, auch bei der ICE-Trasse, bei der Kliniklandschaft ...
... was ja zugleich ein Kernthema Ihrer künftigen Amtszeit sein dürfte. Unterstützen Sie den geplanten Radikalumbau des Klinikums?
Grundsätzlich haben wir gemeinsam den Beschluss gefasst, den Klinikumbau so anzugehen. Aber es gibt dabei viele Unbekannte, viele Unwägbarkeiten. Deshalb müssen wir genau hinschauen und prüfen, ob alles so zu realisieren ist ... 
Sie meinen die Finanzierung der Pläne durch Berlin und Wiesbaden?
Genau, wenn die Finanzierung nicht steht, kann ein solcher Plan schnell kippen.
Können Sie den Menschen in Rotenburg Hoffnung machen, dass das HKZ irgendwie erhalten bleibt, was ja wohl viele mit der Wahl von Herrn Warnecke verbunden haben?
Ich glaube, dass wir in dieser Frage eine gute Lösung finden müssen. Alle Alternativen und Vorschläge müssen sorgfältig geprüft werden. Aber die bereits beschlossenen Schritte sind dabei auch künftig unsere Leitlinie.
Es ist Ihnen gelungen, die heillos zerstrittene Gemeinde Friedewald zu einen und auch wirtschaftlich erfolgreich auszurichten. Wer wird Ihre Arbeit in Friedewald künftig weiterführen?
Das müssen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. Ich habe bislang niemand für die Nachfolge ausgeguckt. Wir mussten ja zunächst mal die Wahl abwarten. Aber es gab schon am Montagabend ein erstes Treffen der SPD zur Wahlvorbereitung, und auch in der Gemeindeverwaltung haben wir darüber geredet, wie es weitergeht. In Friedewald ist es auch nicht so wichtig, wo ein Kandidat herkommt, Hauptsache er hat Verwaltungserfahrung und macht gute Arbeit.
Werden Sie denn künftig in Friedewald wohnen bleiben oder zurück nach Hönebach ziehen?
Nein, wir bleiben in Friedewald, wir haben hier unser Haus, und wir fühlen uns hier wohl.

Interview: Kai A. Struthoff

Zur Person

Dirk Noll (51) ist im Wildecker Ortsteil Hönebach aufgewachsen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde Wildeck, wo er bis 2011 auch arbeitete – zuletzt als Büroleiter. Nebenher studierte er Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsakademie in Erfurt und Wirtschaftsrecht an der FH Nordhessen in Kassel. 2011 wechselte Noll nach Gotha, wo er ein Jahr lang das Amt für Finanzen leitete.

Bei der Bürgermeisterwahl in Friedewald setzte sich der SPD-Kandidat 2012 mit 67,2 Prozent der Stimmen gegen einen Mitbewerber durch und wurde 2018 mit 93,1 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Am Montag wurde er vom Kreistag zum Ersten Kreisbeigeordneten gewählt. Noll lebt in Friedewald, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er ist leidenschaftlicher Fußballer und Fan des 1. FC Kaiserslautern.   jce/kai

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