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Balkan-Blues vor dem Altar

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Lieder über die Liebe und den Lauf des Lebens aus aller Welt: „Das blaue Einhorn“ mit (von links) Andreas Zöllner, Paul Hoorn, Dietrich Zöllner und Super-Geiger Florian Mayer während des Konzerts am Samstagabend in der Schenklengsfelder Kirche. Foto: z
Lieder über die Liebe und den Lauf des Lebens aus aller Welt: „Das blaue Einhorn“ mit (von links) Andreas Zöllner, Paul Hoorn, Dietrich Zöllner und Super-Geiger Florian Mayer während des Konzerts am Samstagabend in der Schenklengsfelder Kirche. Foto: z

Schenklengsfeld. Vor der Kulisse des Altars mit Kreuz und Kerzen sang Paul Hoorn mit geschlossenen Augen und entrückten Gesichtszügen den klagenden portugiesischen Fado vom Fluss, der ins Meer fließt, wo der Sonnenuntergang stirbt. Seine drei Kollegen zauberten den passenden Klangteppich mit Geige, Gitarre und Kontrabass, und das faszinierte Publikum im Kirchenschiff und auf den Emporen hielt den Atem an.

Zwischen Gastspielen in Fulda und Regensburg trat das Dresdner Weltmusik-Ensemble „Das blaue Einhorn“ am Samstagabend in der Mauritiuskirche von Schenklengsfeld auf und präsentierte in reichlich zwei Stunden sein Programm zum zwanzigjährigen Bestehen: „Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer“.

Abgeleitet ist dieser philosophische Titel von einem surrealistischen Gemälde Marc Chagalls, dessen Elemente wie der Fluss, die Uhr ohne Anzeige, der fliegende Fisch oder das Liebespaar gewissermaßen Kapitelüberschriften für das Konzert lieferten.

Paul Hoorn, Florian Mayer, Andreas und Dietrich Zöllner beherrschen nicht nur ein ganzes Arsenal von Instrumenten, sondern auch eine breite Palette ursprünglichen Liedguts von Südamerika bis zum Balkan. Bis auf wenige Ausnahmen übernimmt Paul Hoorn den Gesangspart – egal, ob in Spanisch, Rumänisch oder Romanes. Oder er singt das Hölderlin-Gedicht von der Hälfte des Lebens, verpackt in eine Roma-Melodie.

Mitreißend, schwermütig

Lieder von mitreißender Melodie, aber meist schwermütigem Inhalt stimmte das blaue Einhorn am Samstagabend an: „Die Karten liegen auf dem Tisch“ heißt es in einem russischen Roma-Lied, „die guten Mädchen sind bereits verheiratet, wir haben kein Geld...“. Zu einem nostalgischen Tango über das Altwerden entlockte Hoorn seinem Akkordeon traurige Klangkaskaden und das Ringelnatz-Gedicht über die leere Nacht wurde zum Großstadt-Blues mit schallgedämpfter Trompete.

Rembetiko erklang, die Musik der griechischen Halbwelt: „He, Zöllner, die Kiffer weinen, denn man hat das Haschisch-Schiff beschlagnahmt.“ Und wie eine mexikanische Mariachi-Kapelle spielten die vier die Ballade von der traurigen Taube, Paloma triste.

Zwei Zugaben erklatschte sich das begeisterte Publikum in der gut besetzten Kirche. Pfarrer Dietmar Preiß überreichte den Musikern zum Abschied ein selbst gebasteltes kleines blaues Einhorn.

Von Peter Lenz

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