1. Hersfelder Zeitung
  2. Lokales
  3. Kreisteil Rotenburg

Zwei Wandergesellen nach Europa-Tour zurück in Nordhessen

Erstellt:

Von: Lea-Sophie Mollus

Kommentare

Max Ihle (links) und Christian Schiel waren vier Jahre lang auf Wanderschaft.
Wandern verbindet: Nach vier Jahren auf der Walz kommen Max Ihle (links) und Christian Schiel nach Hause. Das Foto zeigt sie vor der Kirche in Bosserode. © Lea-Sophie Mollus

Nach vier Jahren auf der Walz sind zwei junge Handwerker zurück in Nordhessen. Auf Wanderschaft haben sie viel erlebt.

Bosserode – Zwei junge Männer in traditioneller Zunftkleidung an der Kirche in Bosserode: Ein Anblick, der sich einem nicht allzu häufig bietet. Wer mit ihnen ins Gespräch kommt, stellt fest, dass die beiden gerade knapp vier Jahre Wanderschaft hinter sich haben – ohne zwischendurch zuhause gewesen zu sein.

Max Ihle ist einer der beiden Männer. Der 27 Jahre alte Schuhmacher bricht am 6. August 2018 – also vor vier Jahren, als Corona nicht mehr als eine mexikanische Biermarke war – in seiner Heimat Dresden auf. Damit ist er einer von rund 450 Handwerkern aus verschiedenen Gewerken, die aktuell deutschlandweit auf Wanderschaft sind, wie er erzählt.

Ihr gesamtes Hab und Gut tragen sie auf der Walz bei sich

Traditionell gehen zünftige Gesellen, also Männer und Frauen, die in einem Handwerksberuf ihre Lehre abgeschlossen haben, auf Wanderschaft, auch Walz genannt. So auch Christian Schiel, den Ihle rund zwei Monate nach seinem Start an der deutsch-österreichischen Grenze trifft.

Der 30-jährige Tischler ist in Bosserode aufgewachsen und in Kassel losgegangen, wo er mittlerweile lebt – besser gesagt: lebte, denn eine Wohnung haben die Gesellen nicht mehr. Bevor sie 2018 aufbrechen, verkaufen sie Möbel und nahezu ihr gesamtes Hab und Gut, kündigen sämtliche Verträge sowie den Job und melden sich bei Krankenkasse und Stadt ab.

Bis auf einen kleinen Teil, den Ihle und Schiel bei den Eltern einlagern, tragen sie ihren kompletten Besitz bei sich – am Körper oder in einer kleinen Tasche über der Schulter. Ein Handy haben sie übrigens nicht dabei.

Auch die Wanderjahre unterlagen durch Corona einigen Schwierigkeiten

Bei der Frage nach einem Highlight der Wanderjahre, platzt „der 17. Oktober 2018“ aus Ihle heraus. Beide schmunzeln. Seit diesem Tag sind der Schuhmacher und der Tischler fast ununterbrochen gemeinsam unterwegs. Aber auch mit ihren Aufenthalten auf den Färöer-Inseln, in Portugal und Norwegen verbinden beide besondere Erinnerungen.

Von A nach B geht es per Anhalter. Das gestaltet sich, wie auch die Suche nach Unterkünften, in der Corona-Zeit schwieriger, erzählen Ihle und Schiel. Es klappt trotzdem – zumindest meistens: „Wir haben auch schon in Sparkassen gepennt“, sagt Ihle. „Auch Baustellen waren immer sehr beliebt.“ Dass Kneipen und Restaurants im Winter coronabedingt geschlossen sind, erschwert ihren Alltag zusätzlich.

Da Handwerker überall gebraucht werden, spricht sich schnell rum, wenn zwei in der Nähe sind

Natürlich arbeiten die zünftigen Gesellen auch. Doch wie kommt man in fremden Ländern ohne Telefon an Jobs? „Die Arbeit findet einen“, sagt Schiel – schließlich sind Handwerker derzeit rar und so spricht es sich schnell rum, wenn zwei fähige Männer in der Gegend sind. Während der Tischler die ganze Zeit seinem Handwerk treu bleiben kann, muss Ihle teilweise auch fremdarbeiten und zum Beispiel Renovierungsarbeiten leisten. Das ist für den handwerklich begabten Schuhmacher aber kein Problem, wie er sagt.

Zu beliebten Arbeiten unter Wandergesellen zählt auch die Hilfe beim Auf- und Abbau von Festivals – weil sie daran dann nämlich auch teilnehmen dürfen. Ihle und Schiel waren so 2021 beim Musikfestival Fusion an der Mecklenburgischen Seenplatte dabei – aktuell besuchen sie das Open Flair in Eschwege.

Vor den Handwerks-Gesellen steht ein kompletter Neuanfang

Kontakt mit Freunden und der Familie gibt es in den vier Jahren nur sporadisch: Wenn es die Zeit zulässt, greifen sie in ihren Unterkünften zum Hörer oder schreiben Postkarten. Darüber hinaus verbietet die sogenannte Bannmeile den Wanderern, sich ihrer Heimat in einem Umkreis von weniger als 60 Kilometern zu nähern. Erst, wer mindestens drei Jahre auf der Walz war, darf wieder heimkommen.

Für Ihle und Schiel ist es nun soweit. Zurück in Dresden und Kassel, wollen sie zunächst in Ruhe ankommen. Sie stehen vor einem Neuanfang: „Ich könnte mir einen ganz neuen Stil aneignen“, sagt Schiel und lacht. Die traditionelle Zunftkleidung werden beide nach vier Jahren des Dauertragens vermutlich nicht mehr so schnell wieder anziehen.

In Kontakt bleiben wollen sie aber auf jeden Fall – durch die gemeinsamen Erfahrungen bleiben sie ohnehin ein Leben lang miteinander verbunden, sind sie sich sicher. (Lea-Sophie Mollus)

Auch interessant

Kommentare