Interview zum Tag gegen Homophobie

Staatsminister Michael Roth: „Es ist ganz normal, schwul zu sein“

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"Mein Outing war langwierig und kompliziert. Ich war nun wirklich kein Held", sagt Staatsminister Michael Roth. 

Zum Tag gegen Homophobie haben wir mit Europastaatsminister Michael Roth aus Bad Hersfeld über seine persönlichen Erfahrungen gesprochen - schöne und schmerzhafte.

Menschen auf der ganzen Welt haben am Sonntag ihre Sexualität gefeiert, aber auch auf bis heute andauernde Missstände aufmerksam machen: Der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie wurde begangen. In Deutschland gibt es in diesem Bereich ein Stadt-Land-Gefälle. Darüber und über seine persönlichen Erfahrungen, haben wir mit Europastaatsminister Michael Roth aus Bad Hersfeld gesprochen.

Der damalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit hat sich 2001 als wohl erster bundesweit bekannter Politiker geoutet. Mittlerweile machen viele Politiker um ihre Homosexualität kein Geheimnis mehr, während viele Bürger – wohl insbesondere im ländlichen Raum – sich damit oft noch schwer tun. Haben Sie und Ihre Kollegen da eine Vorreiterrolle?

Ich habe mich immer sehr schwer damit getan, so etwas wie ein Vorbild oder Vorreiter zu sein. Aber bei meinen vielen Touren durch Deutschland und Europa habe ich verstanden, dass ich vielen Menschen Mut machen und Kraft geben kann, indem ich aus meiner sexuellen Orientierung kein Geheimnis mache. Es ist ganz normal, schwul zu sein. Ob im Theater, in der Schule, am Arbeitsplatz oder eben in der Politik, ja und auch im Profisport. Diskriminierung und Intoleranz gibt es aber leider überall, das hat mit der Postleitzahl nichts zu tun.

In Freundeskreisen von jungen Menschen sind offen homosexuell lebende Männer und Frauen heute keine Seltenheit mehr. Wie war das in den 90ern?

Kurz vor dem Abitur unterstellte mir ein Lehrer an meiner Schule, ich hätte ein gefährlich gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Das waren seine Worte. Natürlich anonym. Das hat mich schockiert. In meinem Umfeld kam Homosexualität nicht vor. Noch heute sind viele Schulen im Umgang mit homosexuellen Schülerinnen und Schülern überfordert. Junge Menschen werden nicht ermutigt und bestärkt, sondern beim Entdecken ihrer sexuellen Identität allein gelassen. Dennoch ist heute vieles besser. Aber von völliger Selbstverständlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen sind wir immer noch weit entfernt.

Wie war Ihr Outing?

Das war langwierig, schmerzhaft, schwierig, kompliziert. Ich war nun wirklich kein Held.

Sie sind nach dem Abitur vom Land in die Großstadt gegangen. Man hört oft, dass Homosexuelle sich in Städten wohler fühlen. Warum ist das so?

In Städten geht es anonymer, gelegentlich auch liberaler zu. Es gibt geschützte Orte, an denen man sich begegnen kann. Nun leben in größeren Städten wie Berlin, Hamburg, Köln oder Frankfurt auch schlicht viel mehr Menschen als auf dem Dorf. Auf dem Land habe ich durchaus auch positive Erfahrungen gemacht.

Welche Rolle hat Ihre Homosexualität während Ihrer Karriere – sowohl unter Kollegen als auch unter Wählern – gespielt? Hat sich das in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Für mich war das erst ein Thema, als es einen Partner in meinem Leben gab. Den wollte ich nicht verstecken. Als wir 2012 kirchlich heirateten, hat es mich sehr berührt, dass meine Kameradinnen und Kameraden vom Bergmannsverein Spalier standen. Ich wollte nie der schwule Politiker sein, der Politik für Schwule macht. Geändert hat sich das erst, als ich dann Europastaatsminister wurde. Es gibt in Europa und weltweit noch so viel Unterdrückung und Ausgrenzung, da musste ich einfach Flagge zeigen. LGBTI-Rechte sind Menschenrechte (LGBTI ist eine englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und intersexuell, Anm. d. Red.). Ganz einfach. Und doch so schwer.

Welches Vorurteil über Homosexuelle nervt Sie am meisten?

Die Frage, wer in einer Beziehung Mann und wer Frau ist. So ein Stuss! Wir sind beides Kerle. Punkt. Noch schlimmer ist der Vorwurf, wir beanspruchten Sonderregeln und Privilegien. Alles, was ich erwarte, ist Gleichberechtigung. Nicht mehr und nicht weniger.

Warum hat es bis 2017 gedauert, bis der Bundestag, dem Sie seit 1998 angehören, endlich die im Rahmen des Paragrafen 175 gefällten Urteile aufgehoben hat?

Der Bundestag hat 2017 einen endgültigen Schlussstrich unter die Kriminalisierung von Homosexualität gezogen. Bis 1969 waren in Deutschland homosexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen strafbar, manche diskriminierende Bestimmungen galten sogar noch bis 1994. Fast 70 000 Menschen, vor allem Männer, wurden nach dem früheren Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches verurteilt. Begangenes Unrecht und erlittenes Leid lassen sich nicht ungeschehen machen. Aber es war überfällig, dass der Bundestag damals beschlossen hat, alle strafrechtlichen Verurteilungen aufzuheben und die Betroffenen finanziell zu entschädigen. Das hat für viele Betroffene zu lange gedauert, sie leben schlicht nicht mehr. Aber für Gerechtigkeit ist es niemals zu spät.

Die gleichgeschlechtliche Ehe kam 2017 kurz vor Ende der Legislaturperiode aus heiterem Himmel. Wie haben Sie diesen Prozess damals erlebt?

Die rot-grüne Bundesregierung hatte 2001 in einem ersten Schritt das Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft beschlossen. Doch die vollständige rechtliche Gleichstellung mit der Ehe zwischen Mann und Frau ließ dann noch bis 2017 auf sich warten. Das lag ganz sicher nicht an der SPD, doch die Konservativen in CDU/CSU standen lange auf der Bremse. Dass die „Ehe für alle“ dann kurz vor der Bundestagswahl 2017 doch noch kam, hatte sicher auch wahltaktische Gründe bei der Union. Trotzdem war das ein großartiger Erfolg für Gleichberechtigung und Vielfalt!

Gesetzlich hat sich für Homosexuelle in den vergangenen 20 Jahren viel verbessert. Wo gibt es noch Nachholbedarf?

Die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen mag mit der „Ehe für alle“ weitestgehend abgeschlossen sein, aber im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung bleibt noch viel zu tun. Erst in der vergangenen Woche hat der Bundestag Behandlungen verboten, mit denen homosexuelle Menschen angeblich „geheilt“ werden können. Und gesellschaftliche Akzeptanz kann man ja nicht einfach so gesetzlich verordnen. Auch in Deutschland erleben LGBTI in ihrem Alltag immer noch Ablehnung und Hass, manchmal auch Gewalt – in der Schule, am Arbeitsplatz, oft auch in der eigenen Familie. Konkret vorankommen müssen wir noch bei der rechtlichen Absicherung von Kindern in Regenbogenfamilien, bei der Reform des Transsexuellengesetzes und bei der globalen Aids-Bekämpfung. Unser Kampf muss vor allem in ganz Europa und weltweit geführt werden.

Welchen Ratschlag können Sie Homosexuellen geben, die sich noch nicht geoutet haben?

Mein Ratschlag richtet sich nicht an Schwule, Lesben, Bi-, Inter- oder Transsexuelle, sondern an Eltern, Lehrkräfte, Freundinnen und Freunde, Nachbarn: Homosexualität ist keine Krankheit, es ist ganz normal, nur ein bisschen anders. Bitte steht denen, die ihre sexuelle Identität suchen, zur Seite, macht ihnen Mut, bestärkt sie, nehmt sie in den Arm. Wir alle wollen ohne Angst verschieden sein. Darum geht‘s!

Zur Person

Michael Roth (49) wurde in Heringen geboren und machte an der Werratalschule Abitur. Von 1991 bis 1997 studierte Roth in Frankfurt und schloss als Diplom-Politologe ab. Seit 1998 ist er für die SPD direkt gewählter Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg. Michael Roth lebt seit 2012 in einer eingetragenen Partnerschaft, der Segnungsgottesdienst fand in der Stiftskirche in Rotenburg statt. Als es möglich wurde, heiratete er seinen Mann. Er lebt in Berlin und Bad Hersfeld. In seiner Freizeit geht er gerne wandern – in Nordhessen, aber auch schon mal in Südtirol. 

Quelle: HNA

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