Jugendliche mit Alkoholvergiftung kommen meist nur einmal in die Klinik

Zahl der jugendlichen Koma-Säufer im Kreis Hersfeld-Rotenburg bleibt konstant

Hersfeld-Rotenburg. Trinken bis zum Umfallen – das tun auch Jugendliche im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, sowohl als gezieltes Komasaufen als auch unabsichtlich. Und zwar weiterhin konstant.

Im Gegensatz zum Bundes- und Hessentrend lassen aber die Zahlen des Statistischen Landesamtes in Wiesbaden für den Kreis keinen Anstieg erkennen. 25 Fälle von 12- bis unter 18-Jährigen werden hier für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg im Jahr 2016 genannt, 2015 waren es 28 Mädchen und Jungen, 2014 sogar 49.

Wer so schlimm betrunken ist, dass er das Bewusstsein verliert, wird häufig ins Krankenhaus gebracht. Sowohl im Klinikum Bad Hersfeld als auch im Kreiskrankenhaus Rotenburg sind junge Leute mit Alkoholvergiftung vor allem an den Wochenenden und in der Festsaison regelmäßige Gäste. Das kommt überwiegend am Wochenende vor, sagt Dr. med. Carmen Knöppel, Chefärztin der Kinderklinik am Klinikum Bad Hersfeld. Die jüngsten seien zwölf Jahre gewesen.

Im Kreiskrankenhaus Rotenburg muss man sich nach Auskunft von Corinna Kurz, der stellvertretenden Leiterin der Intensivstation, etwa alle zwei Wochen um einen komplett betrunkenen Patienten kümmern. Hier liegt die Altersspanne zwischen 15 und Anfang 20 und ist von daher nicht mit den Zahlen der Statistik vergleichbar.

Gemeinsam ist allen jugendlichen Koma-Trinkern jedoch, dass sie in der Regel nur einmal in die Krankenhäuser eingeliefert werden und nicht wiederholt dort auftauchen. Dort werden sie meist 24 Stunden oder zumindest bis zum nächsten Tag mittags überwacht und dann nach einem ernsthaften Gespräch, an dem auch die Eltern teilnehmen, entlassen. „So ein Vollrausch kann auch tödlich enden“, betont Dr. Carmen Knöppel. Würde ein Jugendlicher wiederholt eingeliefert, würden die Ärzte aktiv werden und bei Bedarf auch das Jugendamt einschalten, sagt die Ärztin. 

Hessenweit mehr junge Komasäufer

Während die Zahl der Jugendlichen mit Vollrausch, die in die Krankenhäuser im Kreis Hersfeld-Rotenburg eingeliefert wurden, laut des statistischen Landesamtes in den vergangenen Jahren rückläufig ist, ist sie in Hessen gestiegen. Dort lag der Zuwachs bei den 10- bis 20-Jährigen mit Alkoholvergiftung im Jahr 2016 bei immerhin 7,1 Prozent. Umgerechnet ist das eine Zunahme von 1289 Fällen im Jahr 2015 auf 1380 im Jahr 2016. 

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg schwanken die Zahlen von Jahr zu Jahr. 2010 waren es 25 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis unter 18 Jahren, 2012 und 2013 jeweils 37, 2014 sogar 49 und 2016 wieder 25 (Quelle: Statistisches Landesamt, Krankenhausstatistik). In den vergangenen drei Jahren gab es keine gravierenden Unterschiede beim Anteil von Mädchen und Jungen. In den Jahren davor wechselte der Anteil jedes Jahr: 2013 waren es 24 Jungen und 13 Mädchen, die mit Vollrausch in ein Krankenhaus gebracht wurden, 2012 22 Mädchen und 15 Jungen. 

Im Klinikum Bad Hersfeld und im Kreiskrankenhaus Rotenburg werden die Jugendlichen, wenn sie wieder nüchtern sind, nicht einfach so entlassen. Erst einmal führen die Ärzte ein ernsthaftes Gespräch mit ihnen und den Eltern über die Gefahren von Alkohol. Den meisten sei es sehr unangenehm, hat die Chefärztin der Kinderklinik, Dr. Carmen Knöppel, festgestellt. Vielen Jugendlichen ist der Vollrausch, der komplette Kontrollverlust, auch richtig peinlich. In der Regel bleibe es bei einem Klinikaufenthalt nach exzessiven Alkoholkonsum, sagen sowohl Chefärztin Carmen Knöppel aus Bad Hersfeld als auch Corinna Kurz, die stellvertretende Leiterin der Intensivstation am Kreiskrankenhaus Rotenburg. 

Im Beratungs- und Behandlungszentrum für Abhängigkeitenserkrankungen der Diakonie im Kreis Hersfeld-Rotenburg tauchen die jugendlichen Komatrinker deshalb auch nicht auf, erklärt Leiterin Kerstin Blüm. Gute Erfahrungen, so weiß sie, habe man aber zum Beispiel in Kassel und in anderen Großstädten mit dem HaLT-Projekt gemacht. Dort werden Jugendliche nach stationär behandelter Alkoholvergiftung bereits im Krankenhaus von Sozialpädagogen angesprochen. Neben den Einzelgesprächen gibt es auch ein Gruppenangebot zur Auseinandersetzung mit riskantem Konsumverhalten. 

Parallel dazu wird präventiv gearbeitet. Das tut auch die Fachstelle für Suchtprävention der Diakonie. Kinder und Jugendliche werden in Kindergärten und Schulen auf die Gefahren des unmäßigen Trinkens aufmerksam gemacht. Alternativangebote zu Bier und Cocktails gibt es bei Veranstaltungen in der Saftbar „saftig“, wo Jugendliche für Jugendliche leckere alkoholfreie Drinks mischen. Ein Gruppenangebot für Jugendliche mit Auffälligkeiten bei Cannabis und Alkohol gibt es bei der Diakonie im Kreis ebenfalls.

Kontakt: Beratungs- und Behandlungszentrum und Fachstelle für Suchtprävention, Kaplangasse 1 in Bad Hersfeld, Telefon 06621/61091, bbzsucht.diakonie.hefrof@ekkw.de; christina.heimeroth@ekkw.de; alexandra.lauer@ekkw.de.

Rauschtrinken oder Komasaufen

Von Rauschtrinken oder Komasaufen (englisch: binge drinking) spricht man, wenn in kurzer Zeit bewusst sehr viel Alkohol getrunken wird, um einen veränderten Bewusstseinszustand (Rausch) herbeizuführen. Üblicherweise wird dabei von einer Menge von mindestens fünf Gläsern Alkohol ausgegangen, also mindestens 0,6 Liter Wein, 1,8 Liter Bier oder 0,2 Liter Spirituosen. Das sogenannte Komasaufen kann schnell lebensgefährlich werden. Denn noch bevor den Jugendlichen übel wird, wirkt der Alkohol auf tiefe Regionen ihres Gehirns. Dort kann er eine plötzliche Atemlähmung verursachen, die ohne schnelle Hilfe tödlich endet. (Quelle: Wikipedia; Techniker Krankenkasse)

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