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Wo die Herzen höher schlugen: Gasthaus „Zum Löwen“ in Obersuhl

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Von: René Dupont

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Ein paar Erinnerungen an die Vergangenheit finden sich noch in den Schränken: Bauamtsleiter Wilfried Kleinerüschkamp mit Kaffeefilter, Bürgermeister Alexander Wirth mit Fleischwolf und Hans-Karl Gliem mit einem leeren Bierglas stehen an der Stelle, wo sich damals die Theke befand.
Ein paar Erinnerungen an die Vergangenheit finden sich noch in den Schränken: Bauamtsleiter Wilfried Kleinerüschkamp mit Kaffeefilter, Bürgermeister Alexander Wirth mit Fleischwolf und Hans-Karl Gliem mit einem leeren Bierglas stehen an der Stelle, wo sich damals die Theke befand. © René Dupont

Als „Lost Places“, als vergessene oder verlorene Orte, bezeichnet man alte Gebäude, Ruinen, verlassene Häuser. In unserer Serie besuchen wir einige dieser Orte und erinnern an ihre oft wechselvolle Geschichte. Heute: das frühere Gasthaus „Zum Löwen“ in Obersuhl.

Obersuhl – Von wegen verlassener Ort. Wenn man die Stufen in das frühere Gasthaus „Zum Löwen“ hinaufsteigt und den schmalen Eingang passiert, steuert man direkt auf das Zentrum des ehemaligen Dorftreffs zu: die Theke. Doch schon auf diesem kurzen Stück sollte man sorgfältig darauf achten, wohin man seine Füße setzt. Eindeutige Hinterlassenschaften von Mardern und Igeln gilt es, zu umrunden. Und die stammen nicht aus dem letzten Jahrhundert.

Menschen aber haben diesen Ort schon lange nicht mehr betreten. Bei unserem Rundgang hat Wildecks Bauamtsleiter Wilfried Kleine-rüschkamp die „Schlüsselgewalt“. Für Fremde ist das Gebäude nicht zugänglich. Es gehört der Gemeinde seit 30 Jahren.

„Vorsicht“, mahnt der Bauamtsleiter. „Da bitte nicht drauftreten.“ Er zeigt auf die hölzerne Platte, die den Weg zum Keller abdeckt. In dem „Kriechkeller“ wurden damals Kartoffeln und Gemüse bei einer Temperatur von acht Grad gelagert. Eine Kühlanlage war überflüssig.

Die grauen Vorhänge sind zugezogen: Das Gebäude Eisenacher Straße 102, nur einen Katzensprung vom Rathaus entfernt, steht seit vielen Jahren leer. Was daraus in Zukunft wird, ist noch offen.
Die grauen Vorhänge sind zugezogen: Das Gebäude Eisenacher Straße 102, nur einen Katzensprung vom Rathaus entfernt, steht seit vielen Jahren leer. Was daraus in Zukunft wird, ist noch offen. © René Dupont

Gasthaus „Zum Löwen“ war ein ruhiger Dorftreff

Der Besuch im Obergeschoss ist aus Sicherheitsgründen ganz verwehrt. Das ehemalige Gasthaus ist mittlerweile so heruntergekommen, dass eine Sanierung wirtschaftlich keinen Sinn mehr machen würde. Für neue Projekte müsste es abgerissen werden, sagt der Bauamtsleiter.

Blaue Mülltüten stapeln sich im ehemaligen Gastraum. Alte Matratzen lehnen an der Wand. Ein roter Koffer wartet auf eine Reise, die nicht mehr kommen wird. Auf dem Tisch hat jemand eine angefangene Flasche Sangria stehen lassen. In den offenen Schränken stehen noch eine Handvoll Biergläser als stumme Zeugen einer vergangenen Zeit, als das Gasthaus noch belebter und beliebter Dorftreff war.

Und das Gasthaus „Zum Löwen“ war ein ruhiger Dorftreff. „Die Leute kamen, um Skat zu spielen und ein Feierabendbierchen zu trinken“ erinnert sich der Obersuhler Hans-Karl Gliem. Große Familienfeiern waren dort nicht angesagt. Der „Löwe“ war auch keine Speisegaststätte. Kleine Gerichte gab es aber schon. An das Viertelchen Gehacktes mit Gurke oder die Bratwürstchen erinnern sich Gliem und Kleinerüschkamp noch gut. „Es gab damals auch noch kaum Fernsehprogramme. An den Tischen wurde auch viel Dorfpolitik gemacht“, erzählt der Bauamtsleiter, der 1985 nach Wildeck kam und aus Ronshausen stammt. Nur ab und an wurde mal richtig gefeiert, das Schifferklavier ausgepackt und Polonaise getanzt.

Die gemütliche Atmosphäre von damals ist Vergangenheit: Ein Blick in den ehemaligen Gastraum zeigt, dass die Räume des Dorftreffs völlig heruntergekommen und nur noch Ablageort für gefüllte Müllbeutel und alte Matratzen sind. Im Obergeschoss befanden sich Fremdenzimmer.
Die gemütliche Atmosphäre von damals ist Vergangenheit: Ein Blick in den ehemaligen Gastraum zeigt, dass die Räume des Dorftreffs völlig heruntergekommen und nur noch Ablageort für gefüllte Müllbeutel und alte Matratzen sind. Im Obergeschoss befanden sich Fremdenzimmer. © René Dupont

„Und wir haben da auch unsere ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht“,

Auch ein Vereinslokal war der „Löwe“ damals nicht. Die Vereine trafen sich anderswo. Sage und schreibe acht Dorfkneipen gab es zu der Zeit noch. „Beim Karl ist es sicher. Da kann nichts passieren“, sagten sich die Eltern getrost und ließen die jungen Leute bedenkenlos in den Dorftreff gehen. Natürlich mussten sie erst konfirmiert sein, bevor sie sich im „Löwen“ vergnügen konnten.

„Und wir haben da auch unsere ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht“, erzählt Hans-Karl Gliem und lacht. Da hat das eine oder andere Herz schon etwas höher geschlagen. Größere Streitereien gab es sowieso nicht in der beliebten Dorfkneipe. „Der Karl war auch ein ruhiger Vertreter“, erinnert sich der 72-jährige Gliem gern an diese Zeit zurück.

Beerdigungszug vor dem Gasthaus „Zum Löwen“: Das Foto stammt aus dem Jahr 1951. Rechts unten in dem Gebäude war ein Kolonialwarenladen untergebracht, links die Gaststätte.
Beerdigungszug vor dem Gasthaus „Zum Löwen“: Das Foto stammt aus dem Jahr 1951. Rechts unten in dem Gebäude war ein Kolonialwarenladen untergebracht, links die Gaststätte. © Archiv Thea Küch

Hintergrund: Gebäude 1880 gebaut

Das Gebäude an der Hauptstraße 102 (heute Eisenacher Straße) in Obersuhl ist etwa 1880 erbaut worden, berichtet Hans-Karl Gliem, der sich vorher noch mal bei dem wandelnden Obersuhler Archiv Willi Meiß schlaugemacht hat. Ab 1900 betrieb eine Familie Bachmann eine Gaststätte und ein Kolonialwarengeschäft in dem Gebäude. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gaststätte und das Geschäft geschlossen.

Anfang der 1950er-Jahre eröffnete Karl George mit seiner Frau Marie die Gaststätte wieder, im Obergeschoss befanden sich Fremdenzimmer. Sohn Heinrich führte die Dorfkneipe Ende der 1980er-Jahre zunächst weiter, gab sie dann aber auf und stellte das Haus eine Zeit lang jugoslawischen Flüchtlingen zur Verfügung. Zwischenzeitlich wurde das Obergeschoss noch als Lager vom Karnevalsverein genutzt.

Die Gemeinde Wildeck kaufte das Gebäude 1992. „Wir wollten nicht, dass jemand kommt und das Gebäude kauft und nicht in unserem Interesse nutzt“, erinnert sich der damalige Bürgermeister Willi Müller. Beim Rundgang durch das Gebäude hatte Bürgermeister Alexander Wirth ihn mal kurz per Handy zugeschaltet. In der ersten Zeit, nachdem die Gemeinde das Gebäude gekauft hatte, wurde es von einer Baufirma als Büro für den Ausbau der Autobahn 4 nach der Grenzöffnung genutzt.

Im Jahr 2000 diente das Erdgeschoss als Lager für Hilfstransporte nach Polen und in die Ukraine, berichtet der damalige Ortsvorsteher Walter Gliem. 2009 und 2010 nutzte die Obersuhler Jugend das Erdgeschoss als Treff – nach einem Brand in ihrem Jugendheim.

Ideen sammeln für attraktiveren Ortskern von Obersuhl

Immer wieder mal klopften Investoren bei der Gemeinde an, die Interesse an dem Gebäude hatten. Es gab auch Planungen für ein Ärztehaus. Für eine große angedachte Lösung war die Fläche aber einfach zu klein, um Gewerberäume, Wohnraum und Parkplätze zu schaffen. Die beiden angrenzenden Grundstücke, die dazu benötigt worden wären, standen nicht zum Verkauf.

Heute gibt es Pläne, auch den Ortskern von Obersuhl attraktiver zu gestalten. Die Gemeinde Wildeck will beantragen, dass alle fünf Ortsteile in das Förderprogramm Dorferneuerung kommen.

„Wir wollen mit einem Moderationsverfahren starten, bei dem Ideen für den Ortskern von Obersuhl gesammelt werden“, berichtet Bürgermeister Wirth. Daran können sich alle Bürger beteiligen. „Mit diesem Moderationsverfahren können wir unseren geplanten Antrag zur Aufnahme aller Ortsteile in die Dorferneuerung unterstützen“, betont Wirth. (René Dupont)

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