Katzenstirn und Franzosenstraße betroffen

Windkraft: Naturschutz bremst Großprojekte im Nordkreis aus

Die Entwicklung der geplanten Windparks Katzenstirn und auf dem Höhenzug Franzosenstraße ist auf Eis gelegt worden. In beiden Fällen werden Gründe des Naturschutzes angeführt.

Der Windpark Katzenstirn befindet sich zwischen Alheim, Morschen und Spangenberg, die Franzosenstraße liegt zwischen Cornberg und Bebra.

Während für den Bereich Katzenstirn seitens des Regierungspräsidiums (RP) die Reißleine gezogen wurde, hat für den Bereich Franzosenstraße der Projektentwickler Juwi selbst seine Aktivitäten unterbrochen. In beiden Fällen werden Gründe des Naturschutzes angeführt.

Die Firma Juwi hatte 2018 weitere natur- und artenschutzrechtliche Untersuchungen in Auftrag gegeben, die für das Genehmigungsverfahren der geplanten sechs Standorte notwendig sind. Die Zwischenergebnisse waren negativ ausgefallen.

Für die vier Windräder auf der Katzenstirn war für heute ein Erörterungstermin beim RP Kassel angesetzt gewesen, das die Pläne genehmigen muss. Der Termin wurde kurzfristig abgesagt. Laut RP müssen Erhebungen zum Schwarzstorch nachgereicht werden. In dem Gutachten, das von Projektentwickler PNE Wind AG in Auftrag gegeben worden war, war auf der Katzenstirn ein Schwarzstorchvorkommen verneint worden. „Ein Gefälligkeitsgutachten“, sagt Aribert Kirch von der Initiative Wald vor Windkraft. Sein Mitstreiter Ingo Kühl hat dem RP Belege dafür zugesandt, dass auf der Katzenstirn Schwarzstörche leben.

PNE-Sprecher Rainer Heinsohn sagte gestern: „ Wir geben derzeit keinen Kommentar ab.“

2016 hatte das RP aus Vogelschutzgründen den Windpark Gaishecke bei Heringen, Friedewald und Wildeck gekippt. 

Die Pläne für die Windkraft auf der Katzenstirn

Vier Windräder hat das Unternehmen PNE Wind AG aus Cuxhaven auf der Katzenstirn geplant. Den Antrag für den Bau muss das Regierungspräsidium Kassel (RP) genehmigen. 

Was bisher passiert ist:

Erstmals war im Dezember 2012 von der Katzenstirn im Zusammenhang mit Windkraft die Rede – als eine von vielen möglichen Flächen für Windräder im Schwalm-Eder-Kreis. Im Jahr zuvor hatte die schwarz-gelbe Landesregierung nach der Fukushima-Katastrophe beschlossen, dass künftig zwei Prozent der Landesfläche für Windräder zur Verfügung stehen. Im August 2017 stellte die PNE Wind AG beim RP Kassel den Antrag, dort vier Windräder bauen zu dürfen. Mitglieder der Naturschutzinitiative haben beim RP Einsprüche eingelegt. 

Der Schwarzstorch 

Laut einem von PNE in Auftrag gegebenen Gutachten konnte auf der Katzenstirn kein Schwarzstorch nachgewiesen werden – doch die Naturschutzinitiative hat in einem über 30-seitigen Schreiben an das RP zahlreiche Belege dafür geliefert. Dort sind 13 Schwarzstorch-Sichtungen von vier Personen – unter anderem von Ingo Kühl aus Metzebach, der Fachbeirat des Schwalm-Eder-Kreises bei der Naturschutzinitiative ist – zwischen August 2016 und Juli 2018 aufgeführt. In sieben Fällen gibt es Fotoaufnahmen. Auch Nahrungshabitate für den Storch sind laut der Naturschutzinitiative vorhanden, anders als im PNE-Gutachten dargestellt. Die Einwände waren laut Sprecher Harald Merz der Grund dafür, den Erörterungstermin zu verschieben. 

Das PNE-Gutachten 

Aribert Kirch von der Naturschutzinitiative bezeichnet das PNE-Gutachten als Gefälligkeitsgutachten. Die Initiative hat in ihrem Schreiben zahlreiche „Mängel in Methodik und Durchführung“ kritisiert. Ein Beispiel: Die Fluglinien der Schwarzstörche würden auf dem Plan in dem Gutachten regelmäßig in Richtung Katzenstirn abbrechen. Das kann laut der Naturschutzinitiative nur durch vorsätzliches Unterdrücken von Beobachtungen, falsche Beobachtungspunkte oder eine zu geringe Anzahl beobachtender Ornithologen zustande kommen. Die Erfassungen seien „völlig mangelhaft“ verlaufen. PNE-Sprecher Rainer Heinsohn sagt dazu: „Das ist ein Gutachten, das nach allen Regeln der Kunst aufgestellt wurde.“ Weiter wollte er den Vorgang gestern nicht kommentieren. 

Weitere Vogelarten 

Die Naturschutzinitiative kritisiert auch die im Gutachten angegebenen Daten zu Kranichen (zu geringe Überflugzahlen), Rotmilanen („bewusste Unterschlagung“ von zwei Horsten, fachlich falsche Einschätzungen zum Revierverhalten), und Wespenbussarden (es werden – laut Kühl gesetzeswidrige – „Vergrämungsmaßnahmen“ empfohlen). 

So geht es weiter 

„Wenn der Antragsteller die Unterlagen nachreicht, wird ein neuer Erörterungstermin festgelegt“, sagt RP-Sprecher Harald Merz. Selbst wenn der Antrag doch noch genehmigt würde, könnte in diesem Jahr wohl nicht mehr mit den Rodungen für die Windräder begonnen werden – denn die Baumfällarbeiten sind nur bis zum 28. Februar erlaubt. „Wenn das Regierungspräsidium den Antrag genehmigt, wird die Naturschutzinitiative klagen“, sagt Ingo Kühl.

Das plant Juwi an der Franzosenstraße:

Die Firma Juwi mit Sitz in Wörrstadt hatte den Bau von sechs Windkraftanlagen zwischen Cornberg und Bebra in der Nähe des Höhenrückens Franzosenstraße geplant. „Vorübergehend“, so erklärte Pressesprecher Felix Wächter, liegen die Pläne nun auf Eis. Aspekte des Naturschutzes seien ausschlaggebend für diese Entscheidung gewesen. Die Grundstückseigner seien informiert worden, die Verträge mit ihnen hätten aber weiterhin Bestandskraft. 

In regelmäßigen Abständen werde Juwi prüfen, ob die Planungen für das Projekt wieder aufgenommen werden können, sagte Wächter weiter. Geplant waren Anlagen der neuesten Generation mit einer Gesamtleistung von 30 Megawatt. Für Arno Werner, den Arbeitskreissprecher der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz und unermüdlichen Streiter gegen die Windkraft in diesem Bereich, ist die Entscheidung nur logisch: „Wir haben schon 2014 gesagt, dass es nicht geht.“ Er hatte damals ein Gutachten für das Regierungspräsidium verfasst und von einem ornithologischen „Hotspot“ gesprochen, unter anderem wegen der hohen Dichte von Rotmilan-Brutpaaren. Die Vogelart ist geschützt und steht auf der Roten Liste. Werner forderte damals schon ein 300 Quadratkilometer großes EU-Vogelschutzgebiet für den Nordkreis, in dem auch die Franzosenstraße liegen würde. 

2014 wurde der Bau von Windrädern in diesem Gebiet schon einmal gestoppt, weil der Rotmilan, eigentlich ein Offenlandjäger, nun auch in Windbruchflächen im Wald auf die Jagd ging. Es sollte abgewartet werden, bis Bäume und Büsche wieder so hoch gewachsen seien, dass der Vogel dort nicht mehr auf die Jagd geht. Doch inzwischen sind durch den Sturm Friederike weitere riesige Windbruchflächen entstanden. Integriert in die Windkraftpläne waren anfangs vor allem die Kommunen Cornberg und Rotenburg sowie Bebra. 

2017 konzentrierten sich die Juwi-Pläne nur noch auf den südlichen Teil des Windkraftgebietes HEF 02 zwischen Rockensüß, Königswald, Erkshausen und Rautenhausen. „Vernünftig und seriös“ nennt Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald die jüngste Juwi-Entscheidung mit Blick auf den Naturschutz. Auch Cornbergs Bürgermeister Achim Großkurth hält es für richtig, dass nicht weiter geplant wird, da der Artenschutz Vorrang bekommen habe. Bebras Bürgermeister Uwe Hassl outet sich als grundsätzlicher Windkraftgegner und plädiert für die stärkere Nutzung von Solarenergie auf Dächern, also ohne weitere Flächen zu verbrauchen, sowie für Offshore-Anlagen vor der Küste. (czi/sis)

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