Vor 50 Jahren

Wahnsinn auf Autobahn gestoppt: Initiator erinnert an Bürgerinitiative in Wildeck

Die beiden südlichen Spuren der heutigen Autobahn 4 bei Wildeck waren nach der Schließung der Zonengrenze für die Autos freigegeben, die beiden nördlichen für den restlichen Verkehr – vom Panzer bis zum Fußgänger. Das Foto zeigt Feierabendlandwirt Johannes Thrän aus Bosserode mit seinem Kuhgespann im Bereich der Auffahrt Raßdorf.
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Die beiden südlichen Spuren der heutigen Autobahn 4 waren für die Autos freigegeben, die beiden nördlichen für den restlichen Verkehr – vom Panzer bis zum Fußgänger. Das Foto zeigt Feierabendlandwirt Johannes Thrän aus Bosserode mit seinem Kuhgespann im Bereich der Auffahrt Raßdorf.

Vom Panzer bis zur Mutter mit Kinderwagen war auf der Autobahn bei Wildeck nach der Schließung der Zonengrenze alles unterwegs. Bürger protestierten dagegen und hatten Erfolg.

Wildeck – Günter Bratke ist nicht zu bremsen. Auch nicht von seinem stolzen Alter. Mit seinen 83 Jahren schnürt er noch immer gern die Wanderstiefel oder schwingt sich aufs Rad. Im Winter schnallt der Bosseröder die Langlaufski an, und ab geht es mit seiner Frau Hildegard in die Loipe. Auch die Politik lässt den alten Hasen nicht los.

Aus der Vergangenheit lernen

„Wir können aus der Vergangenheit lernen“, ist sich Günter Bratke sicher. Die vielleicht verrückteste Geschichte aus seinem politischen Leben ist 50 Jahre her: Damals kämpfte eine Bürgerinitiative erfolgreich für den Bau einer Entlastungsstraße für die Autobahn zwischen Hönebach und Obersuhl. Die Landesstraße, die heute parallel zur Autobahn verläuft, gab es noch nicht. Die Bürger sorgten dafür, dass eine absurde, extrem gefährliche und in Deutschland wohl einmalige Verkehrssituation ein Ende fand. Initiator war Günter Bratke.

Wie abgefahren das alles damals war, zeigt, dass sogar die ehrwürdige Wochenzeitschrift „Die Zeit“ dem Thema Raum gegeben hat. Der Titel des Berichts „Am Ärmel der Welt“ traf den Nagel auf den Kopf, erzählt der 83-Jährige.

Durch die Schließung der Zonengrenze waren alle hessischen Orte, die an oder in der Nähe der Autobahn östlich von Hönebach lagen, in Richtung Westen abgeschnitten. Wer mit dem Auto, Rad oder zu Fuß von dort zum Beispiel Richtung Bebra wollte, musste das „Nadelöhr“ der Autobahn nutzen. Entsprechend chaotisch waren die Zustände auf der Autobahn.

Vier tödliche Unfälle

Im November 1967 war nach vier tödlichen Unfällen das Maß für die Wildecker voll“, berichtet Bratke. Sie gründeten die Bürgerinitiative unter anderem mit dem Ziel, parallel zur Autobahn so schnell wie möglich eine Entlastungsstraße zwischen Hönebach und Obersuhl bauen zu lassen. Auf dem Schreibtisch des hessischen Verkehrsministers Rudi Arndt landete eine Resolution mit den Forderungen. Eine Unterschriftenaktion unterzeichneten über 800 Bürger. Unterstützung kam auch vom Kreistag und der Polizei. „So kam Bewegung in die Sache“, betont Bratke. Der Verkehrsminister kündigte im März 1968 mehrere Maßnahmen an, die sich mit den Forderungen der Initiative weitgehend deckten.

Wenn mal wenig Verkehr war, konnte man auf der Autobahn auch Federball spielen: Das historische Foto zeigt von links Hildegard Bratke, geb. Brill, Erika Roos, geb. Banz, Paula Baum, geb. Gliem, und sitzend Hans Baum.

Im Herbst 1971 dann war die Ersatzstraße fertiggestellt. Sie konnte zunächst allerdings nur ab Bosserode befahren werden, weil sich der Bau der Bahnunterführung verzögerte. „Die Autobahn brauchte man aber nicht mehr befahren, um nach Westen zu kommen. Damit war unsere Hauptforderung erfüllt“, berichtet Bratke.

Günter Bratke hat alle Unterlagen aufgehoben: sogar die Unterschriftenlisten der Befürworter der Initiative von damals.

Für den engagierten Bosseröder ist es wichtig, die Geschichte von vor 50 Jahren heute noch einmal zu erzählen. „Die Jugendlichen und die Bürger, die heute 50 bis 60 Jahre alt sind, wissen doch gar nicht, was für Verhältnisse hier bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg geherrscht haben, und mit welchen Problemen wir zu kämpfen hatten.“

Für Günter Bratke sind die Ereignisse von damals aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Bürgerinitiativen sind. „Die Bürger müssen ihren Unmut kundtun, nicht nur alle vier Jahre bei der Wahl.“ Eines allerdings ist für den 83-Jährigen bei allen Initiativen Voraussetzung: Die Proteste müssen friedlich – ohne Gewalt – vonstattengehen. (Von René Dupont)

Zur Person

Günter Bratke (83) wohnt in Wildeck-Bosserode. Er war Berufsschullehrer in Eschwege. Für die SPD saß er von 1970 bis 2006 im Wildecker Parlament, von 1983 bis 1986 als Fraktionschef. Auch im Gemeindevorstand engagierte er sich einige Jahre, ebenso im Ortsbeirat Bosserode.

Auch Züge für Kalikumpel fuhren nicht mehr

Nach der Schließung der Zonengrenze waren alle Orte, die entlang der Autobahn 23 (heute Autobahn 4) „hinter“ Hönebach liegen – also östlich von Hönebach – in Richtung Westen abgeschnitten. Betroffen waren unter anderem Obersuhl, Bosserode, Raßdorf, Richelsdorf, Süß, Herleshausen und Blankenbach. Die alten Straßenverbindungen in westlicher Richtung über die thüringischen Orte Dankmarshausen und Großensee waren unterbrochen. Die heutige Straße, die parallel zur Autobahn verläuft, gab es noch nicht. Es bestand nur noch eine Möglichkeit, aus diesem Bereich in den „Westen“ zu kommen: über das neun Kilometer lange Nadelöhr der Autobahn zwischen Obersuhl und Hönebach. Auch der Schienenverkehr über Gerstungen nach Heringen war eingestellt worden. Die Kalikumpel, die nach Heringen wollten, mussten ebenfalls den Weg über die Autobahn wählen, genauso wie der gesamte Berufsverkehr Richtung Westen.

„Das vierspurige Betonband wurde zur Lebensader der Wildecker Region und des südlichen Ringaus“, erzählt Günter Bratke. Das Problem war die Verkehrsführung. Die Autobahn bestand aus zwei Fahrbahnen mit jeweils zwei Fahrspuren. Die südlich liegende Fahrbahn durften allein Autos nutzen. Es gab Zeiten, da fuhren nur wenige Pkw. Starker Verkehr herrschte an den Feiertagen, oder wenn die Messe in Leipzig anstand. Die nördlich liegende Fahrbahn mussten alle anderen Fahrzeuge nutzen – vom Militärfahrzeug vom Camp Romeo, dem US-Stützpunkt oberhalb von Bosserode, über landwirtschaftliche Fahrzeuge und Busse bis zum Fußgänger mit Kinderwagen. „Um Ausflüge in Richtung Westen zu unternehmen, mussten auch Fußgänger die Autobahn nutzen“, berichtet der 83-Jährige.

„Die Bundesbürger waren es nicht gewohnt, auf einer Autobahn Gegenverkehr zu haben“, beschreibt Bratke eines der Probleme. Das habe dazu geführt, dass zahlreiche Autos frontal zusammenstießen. Auch die Abfahrten bargen ein Risiko. Wer zum Beispiel in Bosserode abfahren wollte, musste die Gegenfahrbahn überqueren. Das führte zu Auffahrunfällen, wenn ein Auto den Gegenverkehr abwarten musste. „Die Situation war schizophren“, schimpft Bratke noch heute. Die Folge: Vier Menschen kamen ums Leben. (dup)

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