Anwalt spricht von „Schweinerei“

Mordprozess von Bosserode: Scharfe Kritik am Verhör

Das Landgericht in Fulda.
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Das Landgericht in Fulda.

Im Mordprozess von Bosserode übt der Verteidiger des Angeklagten scharfe Kritik an Umständen, unter denen sein Mandant von der Kriminalpolizei verhört worden war.

Bosserode/Fulda – Der Angeklagte im Mordprozess von Bosserode ist nach seiner Festnahme mehrmals von der Bad Hersfelder Kriminalpolizei verhört worden, obwohl zwei Anwälte den Beamten gesagt hatten, der damals 60-Jährige werde keine Angaben machen. Verteidiger Artak Gaspar (Niederaula) bezeichnete die Gespräche, die ein Kripo-Beamter am Dienstag vor dem Landgericht Fulda als „keine echte Vernehmungssituation“ beschrieb, als „riesen Schweinerei“.

Am zweiten Verhandlungstag sagten zwei Kriminalhauptkomissare aus – darunter der, der die meisten Gespräche mit dem Angeklagten geführt hatte. Der Mann hatte sich am 10. November auf der Polizeistation in Rotenburg gestellt und gesagt, er habe in der Nacht seine Mutter getötet. Nachdem er mit seinem Wahlverteidiger Harald Ermel (Rotenburg) telefoniert hatte, sagte dieser, der Mandant werde zunächst keine Angaben machen. „Ich habe ihn trotzdem gefragt, ob er uns bei den Ermittlungen helfen will“, sagte der Kommissar. Unter anderem zeichnete der Angeklagte daraufhin eine Skizze der Tatwaffe, einem Fleischermesser, das dann auch in der Wohnung gefunden wurde.

Später am Tag, bei der Kripo in Bad Hersfeld, kam Ermel schließlich zu einem persönlichen Gespräch mit dem Mandanten. Dieser wollte gestehen, womit Ermel dann auch einverstanden war, obwohl der Anwalt wegen anderer Termine selbst nicht anwesend sein konnte. Das per Video aufgezeichnete Geständnis wurde bereits nach wenigen Minuten auf Intervention von Oberstaatsanwältin Dr. Christine Seban abgebrochen – es müsse ein Anwalt dabei sein. Daraufhin wurde dem Bosseröder nun Artak Gaspar als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt, weil Ermel wegen anderer Termine nicht vor Ort sein konnte. 

Gaspar entschied, dass sein Mandant vorerst keine Angaben zur Sache machen sollte. Trotzdem kam es zu weiteren Gesprächen. Alle drei bisher als Zeuge vernommenen Kripo-Beamten betonten mehrfach, der Angeklagte habe von sich aus erzählt. So zum Beispiel am Folgetag, als er zur Nahrungsaufnahme über seinen künstlichen Mageneingang in ein Büro gebracht wurde. „Wir hatten das Gefühl, dass er was loswerden wollte“, sagte der Polizist, mit dem der 60-Jährige immer wieder gesprochen hatte. Nach mehrmaligem Nachhaken des Beisitzenden Richters Christoph Marg räumte der Hauptkommissar schließlich doch ein, dass die Initiative bei diesem Gespräch, in dem der Angeklagte auch von der Tatnacht erzählte, eher von ihm selbst ausgegangen war.

Auf Nachfrage von Verteidiger Gaspar sagte er, ein roter Faden sei in den Ausführungen des Angeklagten nicht erkennbar gewesen. Man habe ihm mit Nachfragen Hilfestellungen geben müssen. Auch zu den zeitlichen Abläufen während der Tat habe er keine Angaben machen können. „Ich hatte den Eindruck, dass er das für sich noch nicht reflektiert hatte.“

Zur Situation im Büro während der Nahrungsaufnahme des Verdächtigen sagte er: „Das war keine Vernehmungssituation. Ich kann mir ja nicht die Finger in die Ohren stecken und sagen, ich höre jetzt nicht zu.“ Er nahm auch das Handy des Verdächtigen in Augenschein, nachdem ihm dieser die Pin gegeben hatte, und machte sich Notizen zu den Angaben über den Tatverlauf. Weitere Details habe er erst am nächsten Tag verschriftlicht und an die Staatsanwaltschaft nachgereicht, weil er wegen des ausdrücklichen Vernehmungsverbots von Anwalt Gaspar nicht gewusst habe, ob sie vor Gericht verwertbar seien.

Gaspar befragte den Kommissar ausführlich zu seinen Gesprächen mit dem Angeklagten und sagte zum Schluss: „Zwei Anwälte sagen, ihr Mandant macht keine Aussage. Die Staatsanwältin bricht das Geständnis ab. Sie sprechen trotzdem mit dem Verdächtigen, mit Notizblock, obwohl seine Aussagen keinen roten Faden haben. Vernehmen Sie auch Minderjährige ohne Anwalt und Eltern?“ Darauf antwortete der Kommissar: „Ich weiß nicht, wie ich das jetzt miteinander verbinden soll.“

Dass der Angeklagte die Tat begangen hat, scheint nach den ersten zwei Verhandlungstagen indes eindeutig – die Umstände und die Abläufe der Tat sind es aber noch nicht. Der Angeklagte wird noch aussagen, hat sein Anwalt bereits signalisiert. Der Richter appellierte, das nicht zu spät im Prozess zu tun – auch um die Grundlage dafür zu schaffen, zu seinen Geschwistern wieder eine Beziehung aufzubauen. 

Neue Tatversion: War das Opfer wach?

Laut Anklage hat die Mutter geschlafen, als ihr Sohn den ersten der 17 Messerstiche setzte. Bei der Kripo Bad Hersfeld hatte der 60-Jährige hingegen erzählt, es habe in der Nacht zuerst einen Streit gegeben, wie ein Hauptkommissar nun vor Gericht aussagte. Er äußerte aber Zweifel wegen Ungereimtheiten im weiteren Verlauf dieser Version – unter anderem habe der Angeklagte gesagt, nach dem ersten Messerstich habe man noch minutenlang weiter gestritten. (Christopher Ziermann)

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