Naturschutz-Projekt gegen das Artensterben

Gemeinde Wildeck will Grünflächen insektenfreundlich pflegen

Nur der Randstreifen zur Straße hin ist gemäht: Die Gemeinde Wildeck hat an der Brückenstraße in Höhe des Bahnhofs in Obersuhl angefangen, ihre Grünflächen insektenfreundlich zu gestalten. Das Projekt stellten Naturschützer Karl-Heinz Humburg, der Vorarbeiter des Bauhofs, Jörg Sema, und Bürgermeister Alexander Wirth vor.
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Nur der Randstreifen zur Straße hin ist gemäht: Die Gemeinde Wildeck hat an der Brückenstraße in Höhe des Bahnhofs in Obersuhl angefangen, ihre Grünflächen insektenfreundlich zu gestalten. Das Projekt stellten Naturschützer Karl-Heinz Humburg, der Vorarbeiter des Bauhofs, Jörg Sema, und Bürgermeister Alexander Wirth vor.

Im Kreis Hersfeld-Rotenburg wird der Naturschutz neu aufgestellt. Dazu gehört die Pflege der Grünflächen. Wildeck will einer der Vorreiter sein beim Insektenschutz.

Wildeck – „Wenn Sie hier einfach die ganze Fläche abmähen, zerstören Sie den Lebensraum der Insekten.“ Naturschützer Karl Heinz Humburg steht an der Brückenstraße in Obersuhl und beschreibt an einem kleinen Beispiel das große Problem. „Die Insekten werden versuchen, in der nahen Umgebung einen neuen Lebensraum zu finden. In den Gärten dort oben werden zum Beispiel Heuschrecken auftauchen. Aber auch dort werden sie keine Nahrung finden und verhungern.“

Hier an der Brückenstraße in Obersuhl hat die Gemeinde Wildeck mit einem kleinen Schritt angefangen. Viele große Schritte sollen folgen. Die Gemeinde will die Grünflächenpflege in den Orten umkrempeln und insektenfreundlich gestalten. Und sie will damit eines der Vorzeigeprojekte im Landkreis starten. Als Berater steht ihr Karl Heinz Humburg zur Seite. Der Haunetaler ist Arbeitskreis-Sprecher der „Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) im Kreis Hersfeld- Rotenburg und Vorsitzender des Kreisnaturschutzbeirats.

Verkehrssicherheit gewährleistet

Der Randstreifen zur Brückenstraße hin ist gemäht worden, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Weiter entfernt liegende Flächen werden insektenfreundlich gepflegt und nur abschnittsweise gemäht. So soll es an vielen Stellen in den Wildecker Orten passieren, berichtet Bürgermeister Alexander Wirth, dem das Projekt ein Herzensanliegen ist. Die Gemeinde Wildeck will die bisher geübte Praxis, überall kurz geschorenen Rasen anzulegen und durch möglichst häufiges Mähen arbeitsaufwendig zu erhalten, ersetzen. Es sollen artenreiche Wiesen entstehen, die nur ein- oder zweimal jährlich abschnittsweise gemäht werden.

„Diese Wiesen sollen in ihrer Pflanzenzusammensetzung den Mähwiesen der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft entsprechen und damit den Lebensraum für mehrere Hundert verschiedene Insektenarten bilden“, sagt der pensionierte Oberstudienrat Humburg.

Inseln bleiben stehen

„Wir wollen das Projekt in großen Teilbereichen der öffentlichen Grünflächen in den Orten verwirklichen, wo immer es möglich ist“, sagt Bürgermeister Wirth. Auf der Grünfläche vor dem Dorfgemeinschaftshaus in Raßdorf hat der Bauhof deshalb schon „Inseln“ stehen lassen. „Uns hat bislang einfach auch das Fachwissen gefehlt“, gibt Wirth zu.

Erste Klima-Kommune im Landkreis

Für das Projekt muss der Bauhof neue Geräte anschaffen. Die Gemeinde hofft auf Zuschüsse, auch weil sie Klima-Kommune ist. Wildeck hatte 2009 als erste Kommune im Kreis die Klima-Schutz-Charta unterzeichnet.

Da Erfahrungen fehlen, sollen die Bauhof-Mitarbeiter auch den Arbeitsaufwand notieren. Möglicherweise ist er sogar geringer als bisher.

Gerade auch die ordnungsliebenden Deutschen zerstören immer mehr Lebensraum für die Insekten. Weltweit hat das Artensterben dramatische Formen angenommen. „Wir sind dabei, den Naturschutz im Landkreis neu aufzustellen“, sagt Humburg. Mit „Wir“meint er die drei im Landkreis tätigen Naturschutzverbände HGON, Naturschutzbund (NABU) und die Naturkundliche Gesellschaft Mittleres Fuldatal. Ein wichtiger Aspekt dieser Neuaufstellung ist die Pflege der Grünflächen. Ein kommunales Klima- und Naturschutzprogramm 2021 ist in Arbeit.

Pflanzen sollen sich von selbst ansiedeln

„Bei dem Projekt werden keine Samen ausgesät, keine Pflanzen angepflanzt. Die regional ansässigen Pflanzen sollen sich von selbst wieder ansiedeln“, erläutert Humburg. Bei dieser Art von Pflege fallen große Mengen von Schnittgut an. Auch eine energetische Verwendung des Mähguts sei denkbar. (René Dupont)

Insekten benötigen 120 000 verschiedene Lebensräume

Die Insektenbestände in Mitteleuropa sind in den letzten Jahren um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Sie stellen allein zahlenmäßig die mit Abstand wichtigste Tiergruppe in den Ökosystemen der Landlebensräume dar, berichtet Karl Heinz Humburg. Während in Mitteleuropa etwa 100 Säugetierarten, nur etwa 20 Amphibienarten und etwa 250 Brutvogelarten vorkommen, sind es bei den Insekten mehr als 33 000 Arten. 80 Prozent aller Insektenarten gehören zu den „Insekten mit vollständiger Verwandlung“, das heißt, jede Art existiert regelmäßig in vier Entwicklungsstadien: Ei, Larve, Puppe und Vollinsekt. In allen vier Stadien besetzen die Insekten ganz unterschiedliche Lebensräume. „Die 33 000 Arten mit all ihren Entwicklungsstadien benötigen also etwa 120 000 unterschiedliche Lebensräume“, rechnet Humburg vor. Auf kurz geschorenem Rasen finde fast keine Insektenart ihre notwendigen Lebensbedingungen vor. (dup)

Tipps zur Pflege von Grünflächen für Kommunen und Privatleute

Karl Heinz Humburg hat Empfehlungen für ein insektenfreundliches Grünflächenmanagement in den Orten erarbeitet. Sie gelten auch für die Gestaltung der Grünflächen in den Privatgärten. Hier Auszüge des Leitfadens:

Schneidende Mähtechnik: Es sollte nur die schneidende Technik mit Doppelmessermähwerk, Mähbalken oder Balkenmäher eingesetzt werden. Alle rotierenden Systeme wie ein Kreiselmäher sind absolut schädlich für Insekten und alle anderen Kleintiere. Die rund laufenden Schneidesysteme töten alle im Schnittgut lebenden Insektenformen, indem sie sie zusammen mit dem Schnittgut zerquetschen und zu einem Brei verarbeiten.

Schnitthöhe: Die Schnittebene, auf der das Doppelmessermähwerk den Bewuchs schneidet, muss mindestens zehn Zentimeter über dem Boden liegen, sodass alle im bodennahen Bereich – unterhalb der Schnittebene – und im oberen Stängelbereich – oberhalb der Schnittebene – befindlichen Insekten und sonstigen Kleintiere eine hohe Überlebenschance haben. Durch diese Schnitthöhe in mindestens zehn Zentimeter Höhe über dem Boden ist außerdem gewährleistet, dass die bodennahen Teile aller Pflanzenarten erhalten bleiben und somit eine große Artenvielfalt der Pflanzenwelt erhalten bleibt oder sich neu einstellt. Somit entsteht eine hohe Artenvielfalt der Pflanzenwelt als Voraussetzung für das Vorkommen einer artenreichen Insektenwelt.

Kein Mulchen: Der Einsatz der heute oftmals üblichen Mulchtechnik ist besonders schädlich für die Insektenwelt und die sonstigen Kleintiere. Dadurch werden alle Pflanzen im untersten Bereich abgeschnitten, zusammen mit den Insekten zerquetscht und flächendeckend auf den Pflanzen abgelagert. Mulchen von Grünlandstandorten ist aktive Insektenausrottung.

Später Mahdzeitpunkt: Der erste Schnitt der Grünflächen wird frühestens im Juni vorgenommen, der zweite ab August. Auf artenreichen nährstoffarmen Standorten, auf denen der Aufwuchs nicht groß ist, reicht es auch, einmal jährlich zu mähen.

Mähen in Abschnitten: Größere Flächen müssen in Abschnitten gemäht werden, nicht, wie heute üblich, in einem Zug. Abschnittsweises Mähen über mehrere Wochen gewährleistet, dass zu jeder Zeit für alle Insektenformen der gerade gemähten Fläche immer genügend Ausweichflächen erreichbar bleiben. Fehlen diese Ausweichflächen in der Nähe der gemähten Fläche, führt dies zum Verhungern nahezu der gesamten Insektenpopulation.

Erhaltung von Überwinterungsbiotopen: Ein Abschnitt oder mehrere Teilabschnitte der Grünfläche müssen zur Sicherung der dort befindlichen Überwinterungsbiotope den gesamten Winter über bis zum April stehen bleiben. Sehr viele Insektenformen benötigen zur Überwinterung Pflanzenstängel oder Pflanzenblätter weit oberhalb des Bodens und würden beim herbstlichen Abmähen sonst zusammen mit dem Pflanzenmaterial im Kompost landen. (dup)

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