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Wenn die Treppe zur Herausforderung wird: Frau aus Rotenburg leidet unter Post-Covid

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Von: Silke Schäfer-Marg

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Die Laufschuhe müssen warten: Christine Bämpfer aus Rotenburg leidet nach einer Corona-Erkrankung unter Post Covid und ist extrem geschwächt. An Sport oder Arbeit ist nicht zu denken.
Die Laufschuhe müssen warten: Christine Bämpfer aus Rotenburg leidet nach einer Corona-Erkrankung unter Post Covid und ist extrem geschwächt. An Sport oder Arbeit ist nicht zu denken. © Silke Schäfer-Marg

Geimpft und trotzdem coronapositiv: So erging es einer Frau aus Rotenburg im Herbst. Noch heute kämpft sie mit den Nachwirkungen. Die Diagnose: Post-Covid.

Rotenburg – Christine Bämpfer ist eher von der zupackenden Sorte Mensch. Die 49-jährige Rotenburgerin joggt seit vielen Jahren dreimal wöchentlich, macht Gymnastik, arbeitet in einer Bäckerei-Filiale und kümmert sich um Haus und Garten. „Aber jetzt“, sagt sie und zeigt zwischen Daumen und Zeigefinger einen kleinen Raum, „jetzt ist die Lunte so kurz“.

Christine Bämpfer leidet unter Post Covid, den Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung. Die Lunte zeigt, wie stark auch die psychische Belastung durch diese Erkrankung ist, wie angreifbar man sich fühlt und wie schnell man „explodieren“, mit Aggression reagieren kann. Oder mit Trauer.

Frau aus Rotenburg leidet unter Post Covid: „Eigentlich war der Corona-Verlauf mild“

Anfang November hatte sie sich infiziert. Mit starken Halsschmerzen fing die Erkrankung an. Natürlich testete sie sich. Der Schnelltest war negativ, ein PCR-Test zwei Tage später ebenfalls. Den hatte ihr der Hausarzt zum Selbermachen übergeben. Da war ihr erwachsener Sohn Nils bereits positiv getestet worden, der ebenfalls grippale Symptome hatte. Er leistet einen freiwilligen Wehrdienst ab. Ein Abstrich wurde vor den Toren der Kaserne genommen. Dann schickte man ihn nach Hause in die Isolation.

Weil Hals-, Kopf- und Nebenhöhlenschmerzen bei ihr anhielten, machte Christine Bämpfer erneut einen Schnelltest, dann noch einen PCR-Test – gemeinsam mit Ehemann und Tochter. Während deren Tests negativ ausfielen, wurde bei Christine Bämpfer nun offiziell Corona festgestellt. „Eigentlich war der Verlauf mild“, erzählt sie. Mehrere Tage lang fühlte sie sich wie mit einem grippalen Infekt und ruhte viel. Ihr Sohn verschlief die Krankheitssymptome derweil in einer anderen Etage des Hauses. Er ist inzwischen wieder topfit und schiebt schon lange Dienst bei einem U-Boot-Geschwader.

Long Covid, Post Covid – wo liegen die Unterschiede? 

Der Begriff „Long Covid“ wird häufig verwendet, um Gesundheitsprobleme und Symptome zu beschreiben, die jenseits der akuten Krankheitsphase von vier Wochen fortbestehen oder auch neu auftreten. Somit umfasst „Long Covid“ auch das „Post-Covid-19-Syndrom“, das sich nicht wesentlich unterscheidet. Dabei handelt es sich um Symptome, die in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung oder danach aufgetreten sind und mehr als zwölf Wochen anhalten. Auch Kinder und Jugendliche können davon betroffen sein. Zu den Symptomen gehören Müdigkeit und Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, kognitive Einschränkungen wie fehlende Konzentrationsfähigkeit, Herzrasen, Geruchs- und Geschmacksstörungen. Zur Zahl der Betroffenen gibt es keine verlässlichen Angaben. Mediziner gehen von bis zu einer halben Million aus. 

Nach Corona-Erkrankung: Rotenburgerin hofft jeden Morgen, dass es bergauf geht

Mutter Christine dagegen fühlt sich bis heute extrem schwach. Nach dem Frühstück und wenn sie den Kaminofen angemacht hat, muss sie sich wieder ausruhen. Jeden Morgen hofft sie, dass es nun bergauf geht.

Auch nach einem Einkauf muss sie sich ausruhen. Wegräumen kann sie die Lebensmittel erst später. Das Putzen eines Zimmers gerät zum Tagewerk, weil sie auch dabei Pausen braucht. „Ich sage mir ganz oft: Jetzt reiß dich mal zusammen. Aber wenn ich eine Dose aus dem Keller geholt habe, bin ich schon wieder fertig.“

Frau aus Rotenburg leidet an Post Covid: Reha-Antrag, um wieder arbeiten zu können

Herzrasen, Kurzatmigkeit, Gelenkschmerzen – das alles beeinträchtigt die Frau, die man eigentlich gut mit dem altmodischen Wort „patent“ beschreiben kann. Eben eine, die mit beiden Beinen im Leben steht und den Alltag selbstverständlich und selbstbewusst meistert.

Jetzt ist sie weit davon entfernt, wenngleich sie eine leichte Verbesserung verspürt: „Auf ebener Strecke kann ich schon ein wenig spazieren gehen.“ Damit weitere Fortschritte kommen und sie zurück an die Arbeit kann, hat sie jetzt einen Reha-Antrag gestellt und hofft auf einen Aufenthalt in einer Spezialklinik.

Rotenburgerin nicht allein: Schätzungsweise eine halbe Million Patienten mit Long oder Post Covid

Davon gibt es inzwischen so einige. Und Bedarf gibt es auch. Auf eine halbe Million wird die Zahl der Menschen geschätzt, die unter Post- oder Long-Covid-Symptomen leiden – mit gravierenden persönlichen Folgen, aber wegen der Kosten durch Behandlung und Arbeitsunfähigkeit langfristig auch mit Folgen für die ganze Gesellschaft. Christine Bämpfer ist mit ihrer Erkrankung nicht allein. Ein Trost ist das nicht.

War sie gegen Corona geimpft? „Natürlich. Wir sind alle geimpft. Wir haben uns bemüht, alles richtigzumachen. Es hat uns trotzdem erwischt.“ Sie zuckt ein wenig ratlos mit den Schultern. Das Impfen bleibt für sie dennoch unverzichtbares Mittel gegen die Pandemie. „Vielleicht wäre ich ohne die Impfung noch schlimmer erkrankt.“ (Silke Schäfer-Marg)

Als Expertin für Long Covid gilt die Medizinerin Jördis Frommhold von der Median-Klinik Heiligendamm. Sie befürchtet, dass durch die Omikron-Variante Millionen von Menschen von Spätfolgen einer Infektion betroffen sein werden.

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