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Waldbaden in Waldhessen: Die Natur mit allen Sinnen erleben

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Von: Christopher Ziermann

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Über das Angebot freuen sich
Karl-Ullrich Körtel (links) und Thomas
Sackmann ganz besonders. Sie sind als
Kursleiter fürs Waldbaden zertifiziert.
Über das Angebot freuen sich Karl-Ullrich Körtel (links) und Thomas Sackmann ganz besonders. Sie sind als Kursleiter fürs Waldbaden zertifiziert. © Ziermann, Christopher

Die Holzkugelbahn „Elli“ in Rotenburg ist in aller Munde: Die neue Attraktion war in den ersten Tagen sehr gut besucht. Teil des Großprojektes ist auch ein Waldbadezimmer.

Rotenburg – „Beim Stichwort Waldbaden gibt es noch viel Unwissenheit und Vorurteile. Viele denken, es geht einfach darum, Bäume zu umarmen“, sagen die beiden Rotenburger Waldbademeister Karl-Ulrich Körtel und Thomas Sackmann. Mit Esoterik habe das aber nichts zu tun. Die heilende Wirkung des Waldes auf Körper und Psyche ist längst in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Im Pionier-Land Japan gibt es das auch auf Rezept vom Arzt. Vom Waldbadezimmer, das Teil der neu gebauten Kugelbahn in Rotenburg ist, erhoffen sich die beiden, dass das Bewusstsein der Menschen dafür in der Region zunimmt.

Um die Elemente des „Badezimmers“ hat sich Bildhauer Stefan Michaelis von der Bebraer Zimmerei Hohmeister gekümmert. Hier findet man zwei Liegen und eine Badewanne aus Eichenholz. Der Ort ist dabei nicht zum Beispiel mit einem Fußballplatz als Location für Fußballspiele zu vergleichen, sondern ist bei Waldbade-Kursen höchstens einer von mehreren Bestandteilen. Das Badezimmer eignet sich aber gut dafür, die Techniken einmal selbst auszuprobieren. Eine Übung, die ohne Kursleiter funktioniert, wird auf einer Info-Tafel erklärt.

Waldbaden kann bei Burnout, Depressionen und Alzheimer helfen

„Waldbaden hilft zum Beispiel bei Erkrankungen wie Burnout, Depression und Alzheimer“, erklärt Sackmann, der am Rehazentrum in Hessisch Lichtenau mit Patienten arbeitet. Doch auch ohne akute Erkrankung fördert Waldbaden die Gesundheit: Blutdruck und Blutzuckerwerte sinken ebenso wie das Level des Stresshormons Cortisol. Angeregt wird hingegen die Bildung von körpereigenen Killerzellen, die von Krankheitserregern befallene Zellen oder Krebszellen eliminieren. „Außerdem wirkt Grün beruhigend. Deswegen wird die Farbe ja auch in Krankenhäusern so oft verwendet. Die Luft im Wald ist sauberer als in Städten, der Sauerstoffgehalt und die Luftfeuchtigkeit sind höher und die Temperatur sechs bis neun Grad niedriger als in der Stadt“, führt Körtel weiter aus.

Das Waldbadezimmer am HKZ ist Teil der neuen Kugelbahn. Über das neue Angebot freuen sich die Waldbademeister Thomas Sackmann (links) und Karl-Ullrich Körtel ganz besonders.
Das Waldbadezimmer am HKZ ist Teil der neuen Kugelbahn. Über das neue Angebot freuen sich die Waldbademeister Thomas Sackmann (links) und Karl-Ullrich Körtel ganz besonders. © Christopher Ziermann

Doch was genau erwartet einen dann beim Waldbaden? Die beiden Rotenburger sind dafür ausgebildet – Körtel hat das bei der Deutschen Akademie für Waldbaden gemacht und noch eine Zusatzqualifikation für Kurse mit hochaltrigen oder dementen Menschen draufgesattelt. Sackmann ist nach Kursen an der Gutshof-Akademie in Frielendorf IHK-zertifiziert. „Es geht darum, den Wald mit allen fünf Sinnen wahrzunehmen. Darum drehen sich die Übungen“, sagt Sackmann. Dazu kann zum Beispiel gehören, mal ein Blatt zu zerkauen, oder auch Atemübungen.

 „Das Gefühl beim Waldbaden ist wie das wohlige Gefühl, das man in einer schön warmen Badewanne bekommt“

Thomas Sackmann, Waldbademeister

„Wir nehmen unsere Umgebung in erster Linie über die Augen wahr. Es ist sehr spannend, was man im Wald alles hört und riecht, wenn man die Augen mal zehn Minuten lang schließt“, sagt Körtel. Er liest auch Meditationstexte vor – das passt zu seiner ruhigen und angenehmen Stimme. Und ja: Auch das Umarmen von Bäumen gehört dazu. „Wenn man sein Ohr im Frühling an einen Birkenstamm legt, kann man hören, wie der Baum durch den Stamm das Wasser nach oben transportiert“, erklärt Sackmann.

Bei seinen Kursen für Menschen, die nicht mehr selbst in den Wald gehen können, bringt Körtel den Wald einfach mit. Zum Beispiel mit Fühlbeuteln, die mit Tannenzapfen, Nüssen und Ähnlichem gefüllt sind. Auch mit im Gepäck hat er geruchsintensive Dinge wie Harz. Bei Kindern ist das „Malen“ eines Waldbildes besonders beliebt: Mit Stöcken wird ein Rahmen abgesteckt, der dann mit allem Möglichen bestückt wird, was sich zwischen Bäumen und Sträuchern so auftreiben lässt.

Sackmann und Körtel beschäftigen sich seit rund vier Jahren mit der Marterie und bieten schon länger Kurse an, die man über die Tourist-Information buchen kann. Bei der Planung des Waldbadezimmers hat die MER die beiden um ihre Einschätzung gebeten. Dass dazu nun auch eine hölzerne Badewanne gehört, findet Sackmann äußerst stimmig. „Das Gefühl beim Waldbaden ist wie das wohlige Gefühl, das man in einer schön warmen Badewanne bekommt“, sagt er.

Von Christopher Ziermann

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