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Verbände bemängeln Förderrichtlinie des Umweltministeriums zum Schutz vor Wölfen

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Von: Christopher Ziermann

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Frieder Beyer
Wölfe sind in Nordhessen mittlerweile wieder fester Bestandteil der Wälder. © Carolin Eberth

Das Land Hessen möchte Weidetierhalter angesichts der Rückkehr der Wölfe besser unterstützen.

Hersfeld-Rotenburg – Dazu hat das Umweltministerium kürzlich die Weidetierschutz-Förderrichtlinie überarbeitet. Vom Hessischen Verband für Schafzucht und -haltung und vom Bundesverband der Berufsschäfer kommt dennoch deutliche Kritik.

Aufwand für Tierhalter

Vor drei Jahren hatten die Wolfsnachweise in Nordhessen stark zugenommen. Als Lösung zum Schutz vor Wolfsangriffen insbesondere auf Schafherden verfolgt das von Priska Hinz (Grüne) geführte Umweltministerium die Strategie, dass Zäune erhöht werden sollen. Dadurch nimmt die Arbeitszeit der Schäfer drastisch zu – das haben auch Tests des Landesbetriebs Landwirtschaft (LLH) ergeben.

Dass die Rückkehr der Wölfe, die im Sinne des Naturschutzes vom Ministerium als Erfolg gesehen wird, Aufwand und Kosten bei Weidetierhaltern erhöht, sieht man auch in Wiesbaden so. „Die Weidetierhalter leisten wertvolle Arbeit für den Naturschutz. Weidetiere erhalten Wiesen, auf denen zahlreiche Arten Lebensraum finden. Um Konflikte zwischen Weidetierhaltung und Wolf zu vermeiden, unterstützen wir beim Herdenschutz, insbesondere in der Schafhaltung, und verbessern diese Hilfe stetig“, erklärt Landwirtschafts- und Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).

Die nun überarbeitete Förderrichtlinie trat im August 2021 erstmals in Kraft. Eine Million Euro jährlich soll für zusätzlichen Schutz vor Wölfen zur Verfügung stehen – also für Zäune, die höher als die üblichen 90 Zentimeter sind und für Herdenschutzhunde. Davon sind bislang aber nur 40 000 Euro abgerufen worden, wie das Ministerium auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilt. Fördergeld haben rund 20 Betriebe erhalten – von etwa 5000 in Hessen.

„Wie jedes Förderprogramm nimmt die Einführung und Praxiserprobung einen gewissen Zeitraum in Anspruch.“ Das Ministerium sagt nun, dass die Förderung für Weidetierhalter vereinfacht wurde, unter anderem dadurch, dass „aufwendige Nachweise durch pauschale Förderungen ersetzt werden“. Nun soll die Inanspruchnahme attraktiver und praxisgerechter sein.

Personalaufwand

Burkhard Ernst (Großalmerode) ist Pressesprecher des hessischen Schafhalterverbandes. Er sagt unserer Zeitung auf die Frage hin, ob die Überarbeitung der Richtlinie eine Verbesserung darstellt: „Zum Teil ja, zum Teil ein deutliches Nein. Die Richtlinie ist nicht geeignet, eine langfristige Koexistenz von Wolf und Weidetierhaltung aufzubauen.“

Burkhard Ernst
Burkhard Ernst © Christopher Ziermann

Es werde nun noch mehr darauf gesetzt, materielle Dinge wie Zäune zu fördern. Der personelle Zusatzaufwand werde aber „unter den Teppich gekehrt“. Eben die zusätzliche Arbeitszeit sei aber das, was sich die Weidetierhaltung auf Dauer nicht leisten könne.

Frieder Beyer (Eiterfeld), Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutz beim Bundesverband der Berufsschäfer, bezeichnet die Umsetzung der Förderungen als „sehr praxisfremd“. Beyer weidet mit seinen Schafen unter anderem im südlichen Kreis Hersfeld-Rotenburg. Die Herangehensweise des Umweltministeriums bei diesem Thema werde „im Zuge der Verwolfung Hessens zu einer massiven Welle von Betriebsaufgaben führen, da jegliche Perspektive vernichtet wird“, vermutet Beyer.

Ernst nennt ein Beispiel für die „Praxisferne“, von der er spricht: „Ein Schäfer, der in einem sogenannten Wolfspräventionsgebiet, aber auch in einem Nicht-Präventionsgebiet Flächen bewirtschaftet, muss dokumentieren, dass er gefördertes Zaunmaterial nur im Präventionsgebiet einsetzt. Das ist nur ein Beispiel der grotesken Förderpolitik, die die Antragsteller nur abschreckt.“

Kommunikation

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Schafhalter werden laut Beyer und Ernst in Neuerungen zu wenig eingebunden. Dazu das Umweltministerium auf Nachfrage unserer Zeitung: „Im Rahmen der Überarbeitung der Förderrichtlinie Weidetierschutz ist die vorgesehene Verbändeanhörung erfolgt.

Großalmerode
Frieder Beyer © Christopher Ziermann

Dem Landesagrarausschuss, dem Landesnaturschutzbeirat, neun Tierhaltungsverbänden sowie den Fachdiensten Landwirtschaft/Ländlicher Raum der Landkreise wurde Gelegenheit gegeben, zu dem Entwurf der Richtlinie Stellung zu nehmen.“ Dazu sagt Ernst, dass Bitten um Veränderungen mit dem Verweis auf den Landesrechnungshof abgelehnt worden seien.

Zur Kommunikation beim Umgang mit dem Wolf war vor anderthalb Jahren eine AG „Wolf in Hessen“ gegründet worden. Dort sollte auch ein regelmäßiger Austausch mit den Interessenvertretern aus Naturschutz und Tierhaltung erfolgen. „Diese AG hatte keinen Einfluss auf die Richtlinie.

Es gab eine gemeinsame Videokonferenz, in der die Änderungen im groben Verlauf vorgestellt wurden“, sagt Burkhard Ernst. Die AG Wolf habe nach der Auftaktveranstaltung 2021 bislang nur ein weiteres Mal getagt. Frieder Beyer kritisiert ebenfalls die unzureichende Einbindung.

Herdenschutzhunde

Ein weiteres Thema: die Herdenschutzhunde. Sie sind neben den Zäunen für Halter größerer Herden ein zusätzlicher Schutz vor Wölfen. Ernst und Beyer haben beide bereits seit vielen Jahren diese Hunde. Auch diesbezüglich gibt es Anpassungen in der Richtlinie, die Beyer als „geradezu grotesk“ bezeichnet.

Denn es gibt für die Hunde eine Unterhaltspauschale. „Aber nur für Tiere, deren Kauf bereits gefördert wurde. Die gibt es nicht oder nur in verschwindend geringer Zahl“, sagt Beyer. „Alle hessischen Halter von Herdenschutzhunden, die ich kenne, haben die Hunde entweder gekauft, als es noch keine Förderung gab, oder sie haben selbst Welpen aufgezogen.

Diese Pioniere bleiben nachhaltig auf den Kosten sitzen.“ Auch Ernst spricht von einem „Schlag ins Gesicht“ für die Pioniere. Außerdem hätten die Hunde eine Lebenserwartung von zwölf Jahren, Förderung gebe es aber, mit Verweis auf den Landesrechnungshof, nur für fünf Jahre.

Beyer sagt weiter, er habe den Eindruck, dass die Empfehlung und Förderung für diese Hunde nun gescheut werde, weil man begriffen habe, dass man so „den Teufel mit dem Beelzebub austreibt“. Es gebe immer mehr Fälle, bei denen kommunale Ordnungsämter den Einsatz dieser Tiere „über Nacht verbieten“, weil Beschwerden aus der Bevölkerung kämen. Die Hunde schützen ihre Herde nicht nur vor Wölfen, sondern verbellen auch Artgenossen und Spaziergänger. (Christopher Ziermann)

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