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Ursula Trützschler aus Nentershausen spielt das Musikinstrument des Jahres

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Von: Wilfried Apel

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Mandolinenspielerin Ursula Trützschler hat sich ihren Kindheitstraum erfüllt.
Spät dazugestoßene, begeisterte Mandolinenspielerin: Ursula Trützschler hat sich ihren Kindheitstraum erfüllt. © Wilfried Apel

Eine Expertenjury hat die Mandoline zum Musikinstrument des Jahres gewählt. Ursula Trützschler aus Nentershausen-Süß ist der Faszination Mandoline erlegen.

Süß/Weiterode – Eigentlich hat es sich mehr oder weniger zufällig ergeben, dass Ursula Trützschler eine von über dreißig Mitspielerinnen und Mitspielern des Orchesters des Mandolinenvereins Wanderlust Weiterode ist. Aber ohne die Übungsstunden, die Auftritte, vor denen sie noch immer Herzklopfen hat, und die familiäre Gemeinschaft in der verschworenen Truppe möchte die 67-jährige Süßerin nicht mehr sein.

Wenn nicht gerade das Corona-Virus den Takt vorgibt, sitzt sie jeden Montag in dem einer großen Wohnküche mit Notenschränken ähnelnden, an Ellis Saal angeschlossenen Gemeinschaftsraum, in dem das Mandolinenorchester unter Anleitung seines Bebraer Maestros Igor Karassik übt. Beim Einstimmen geht es recht lustig zu, einer neckt den anderen, aber irgendwann sagt der Orchesterleiter auch: „Können wir das noch mal machen, ihr spielt ein bisschen wackelig.“

Wenn er mit vollem Körpereinsatz mittaktet, läuft alles wie am Schnürchen. Mir nichts dir nichts geht es auf musikalischen Wegen nach Irland und ganz gerne auch nach Italien, denn das Medley „Bella Italia“ spielt – und liebt – das Orchester schon seit über einem Vierteljahrhundert. Mit den Melodien „O Sole Mio“, „Tiritomba“, „Funiculi Funicula“, „Ja, ja, der Chianti-Wein“ und Nino Rossis unvergessenem Stück „Il Silenzio“ vermählt sich das Mandoline-Mandola-Gitarre-Kontrabass-Spiel des in der Region einzigartigen Klangkörpers zu einem wunderbaren Klanggemälde, bei dem sich so manche Spielerin und mancher Spieler – die Männer sind eindeutig in der Unterzahl – in südliche Gefilde versetzt fühlt.

Ursula Trützschler passiert das des Öfteren, obwohl sie nicht in der ersten Reihe sitzt, und obwohl sie, wie sie schmunzelnd zugibt, auch schon mal einen Takt auslässt, wenn sie bei sich nicht die nötige Griffsicherheit verspürt. Die im südlich von Berlin gelegenen Wildau als mittleres von drei Kindern aufgewachsene Lehrerin mit Leidenschaft, die ihren Ruhestand mit „Löwenstark-Stunden“ an den Grundschulen Hönebach und Obersuhl „aufpeppt“, lernte erst spät, wie man das kürzlich von 14 Landesmusikräten zum Musikinstrument des Jahres gekürte Zupfinstrument spielt.

„Meine Eltern haben mich für unmusikalisch gehalten, und deshalb musste ich erst nach Hessen kommen, um mit Mitte 40 mit dem Zupfen beginnen zu können.“ In jüngeren Jahren hat sie verschiedene Oberschulen besucht, und nach dem in Königs-Wusterhausen abgelegten Abitur und dem in Güstrow an der Pädagogischen Hochschule absolvierten Deutsch- und Russisch-Studium war sie schon mit 22 Diplom-Lehrerin. „An meiner ersten Schule war ich gerade mal acht Jahre älter als meine Schüler, das war hammerhart, aber sie halten noch immer Kontakt zu mir“, berichtet die Süßerin, die 1986 zusammen mit Ehemann Gunter die Zwillingsmädchen Anne und Franziska adoptierte. Um sich den beiden intensiv widmen zu können, gab sie ihre Lehrerstelle auf.

Tochter Anne hat sie es letzten Endes zu verdanken, dass sie nach dem Umzug der Familie in den Nentershäuser Ortsteil, in dem sich die Familie von Zimmerleuten auf Wanderschaft auf einem zufällig erworbenen Grundstück ein Holzhaus errichten ließ, über eine kleine Spielgruppe der Siedlergemeinschaft Nentershausen zum großen Orchester des Mandolinenvereins Wanderlust Weiterode gefunden hat.

„Anfangs kannte ich noch nicht einmal eine Note, aber inzwischen bin ich gut integriert – nicht zuletzt dank ausdauernder Unterstützung durch meine Orchesternachbarinnen Christa Gollmer und Sieglinde Köhler.“ Wie eigentlich alle Zupferinnen und Zupfer ist die eher zurückhaltende, bisweilen aber auch kämpferisch veranlagte 67-Jährige, die es ohne feste Stelle nach der Wende nicht gerade leicht hatte, eine neue Lehrerinnenstelle zu finden – zuletzt arbeitete sie 22 Jahre lang an der Förderschule im thüringischen Dorndorf, fasziniert von den eigentlich leisen Mandolinentönen, die sich im Orchester zu einem fast jedes Publikum begeisternden, großen Ganzen verbinden. Mit Margarethe König, der guten Seele des Weiteröder Musikvereins, die während der Corona-Pandemie den Kontakt zu den Vereinsmitgliedern durch Rundbriefe und Online-Aktivitäten aufrecht erhalten hat, ist sie sich einig, dass gerade angesichts des relativ hohen Durchschnittsalters der Aktiven nach neuen Wegen gesucht werden muss, damit es weitergehen kann.

„Wir brauchen dringend Nachwuchs, Mandoline zu spielen ist doch so schön – sowohl bei freudigen, wie auch bei traurigen Anlässen!“ Andrea Rendel-Orth unterstreicht das mit den Worten: „Bei unserem ersten Auftritt nach Corona habe ich mich gefühlt wie ein junges Fohlen, das zum ersten Mal auf die Weide laufen darf.“ (Wilfried Apel)

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