Hilfe für Senioren: Geld bleibt häufig ungenutzt

Unternehmen klagen wegen Aufgaben für Pflegedienste: "Profis dürfen nicht ran"

Papiere, Papiere: Die Rotenburger Unternehmerin Gabriele Behrend zeigt einen Teil ihrer Korrespondenz mit Verwaltungen und Verbänden, die sie wegen des Entlastungsbetrags von 125 Euro geführt hat.

Rotenburg. Sie würden gerne das machen, was aktuell manch ein Pflegedienst übernimmt, doch das verhindern Gesetze. Service-Unternehmen würden gerne bei der Betreuung bedürftiger Menschen helfen.

„Jeder soll bei seinen Leisten bleiben. Pflegen und putzen, das passt einfach nicht zusammen“, sagt Gabriele Behrend. Die Rotenburgerin hat ein Gebäudeservice-Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und bietet auch Reinigungsleistungen an.

Schon lange bemüht sie sich darum, dass betagte Kunden ihre Leistungen über den Entlastungsbetrag von 125 Euro der Pflegekassen abrechnen können – vergeblich. Ihr Unternehmen ist beim Kreis nicht „gelistet“ für solche Aufgaben, auch nicht beim Schwalm-Eder-Kreis, in dem sie eine Zweigstelle des Unternehmens hat. Der Kreis ist aber zuständig für die Anerkennung eines Anbieters.

Anerkannt sind zum Beispiel Pflegedienste – und die stellen zum Teil Mitarbeiterinnen auch fürs Putzen ab. Ein Unding, findet Gabriele Behrend. „Die haben doch sowieso schon Probleme, Personal für die Pflege zu bekommen.“

Auch die Dienstleistungsbörse des Landfrauenbezirksverbands, Mobila, würde gern über den Entlastungsbetrag abrechnen können – ist aber ebenfalls nicht „gelistet“. Geschäftsführerin Gudrun Raschke sagt: „Da muss etwas passieren. Sonst gehen die Versicherten auf die Barrikaden. Sie haben einen Anspruch auf Geld, können es aber nicht abrufen.“

Jürgen Giersberg, Leiter des Fachdienstes Senioren beim Landkreis, sagt dazu: „Uns sind die Hände gebunden. Wir müssen uns an die geltenden Vorschriften halten.“ Und die Verordnung dazu stammt noch von 2003. Damals ging es vordergründig um Entlastung im Bereich Betreuung. Vor allem sollten pflegende Angehörige entlastet werden durch zeitweise Betreuung etwa von dementen Menschen. Gestärkt werden sollte vor allem das ehren- oder bürgerschaftliche Engagement. Wollten sich aber Vereine engagieren, müssten sie eine hauptamtliche Schulungskraft für ehrenamtliche Helfer einstellen – doch wer kann sich das leisten?

So bieten Pflegedienste wie Awo oder die Diakonie wöchentlich Gruppenbetreuung oder auch Einzelbetreuung an. Entlastungsangebote im Haushalt sind erst seit 2015 mit der Einführung des Pflegestärkungsgesetzes richtig im Spiel. Zu diesem Bundesgesetz sollten die Länder eine Verordnung zur konkreten Ausgestaltung der Betreuungs- und Entlastungsleistungen erlassen. Die gibt es in Hessen noch nicht, erklärte Markus Büttner, Pressesprecher des Sozialministeriums. Allerdings sei sie in Vorbereitung und soll Anfang 2018 in Kraft treten.

Ziel sei es, den Pflegebedürftigen, den selbstbestimmten Verbleib in der häuslichen Umgebung mit den vorhandenen sozialen Kontakten zu ermöglichen und die Pflegepersonen durch möglichst passgenaue Leistungen zu unterstützen. Dies sei auch davon abhängig, dass die hauswirtschaftliche Versorgung unter den vorhandenen Rahmenbedingungen möglich bleibe, erklärte der Pressesprecher weiter.

Er weiß um das Defizit bei den stark nachgefragten Entlastungsmöglichkeiten, besonders bei den haushaltsnahen Dienstleistungen. Eine Erweiterung der Angebotslandschaft dürfe jedoch nicht zu einer Verschlechterung der Qualitätsanforderungen führen. Mit der neuen Verordnung werde sich die Angebotsbreite deutlich erweitern.

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Rotenburg (an der Fulda)
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