Interview mit Maren Colton von Pro Familia

60 Jahre Anti-Baby-Pille: „Sie hat die sexuelle Selbstbestimmung nach vorn gebracht“

Sie ist klein, rund und wird milliardenfach geschluckt: Die Anti-Baby-Pille gibt es jetzt seit 60 Jahren und sie ist auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg noch immer die Nummer 1 der Verhütungsmittel.

Sie ist klein, rund und wird milliardenfach geschluckt: Die Anti-Baby-Pille gibt es seit 60 Jahren.

Hersfeld-Rotenburg - Maren Colton, die Geschäftsführerin der Sexualberatungsstelle Pro Familia in Bad Hersfeld, beantwortet unsere Fragen zum Thema Pille als Verhütungsmittel.

Frau Colton, war die Erfindung der Pille ein Segen für Frauen?
Sie hat auf jeden Fall die sexuelle Selbstbestimmung der Frau nach vorn gebracht und war unterm Strich eine gute Erfindung. Allerdings war es vor 60 Jahren noch nicht allzu weit her mit der Selbstbestimmung: Damals haben nur die Frauen ein Rezept bekommen, die verheiratet waren und bereits drei Kinder hatten.
Heute dagegen hat man das Gefühl, dass die Pille sehr schnell und gern auch ganz jungen Mädchen verschrieben wird.
Bei jungen Mädchen liegt die Pille als Verhütungsmittel ganz weit vorn, zum einen, weil die Kosten dafür von den Kassen übernommen werden. Aber noch wichtiger ist die hohe Sicherheit der Empfängnisverhütung. Das unterstützen auch die Eltern der Mädchen.
Manche Mädchen nehmen die Pille auch mit dem Argument, die Haut verbessere sich. Insgesamt wird Jugendlichen da eine gewisse Sorglosigkeit unterstellt.
Das können wir so nicht bestätigen. Das Hautargument spielt da eher eine kleine Rolle. Insgesamt verhüten Jugendliche besser denn je. Sie gehen verantwortungsbewusst mit der Sexualität um. Das passt auch sonst zu ihrer Lebenseinstellung: Traditionelle Familienbilder stehen hoch im Kurs, es gibt eine Sehnsucht nach Sicherheit bei vielen Jugendlichen. Ich finde es übrigens auch nicht verwerflich, wenn man bei schlimmer Akne auf die Pille zurückgreift. Wichtig ist aber eine gute Aufklärung der jungen Frau über Wirkweise und gesundheitliche Folgen. Auch über die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten, etwa Antibiotika, muss gesprochen werden. Hausärzte haben das bei Verordnungen oft nicht so auf dem Schirm.
Dennoch: Die Pille greift ja in den Hormonhaushalt ein, was viele Frauen nicht möchten. Sind Frauen ausreichend über Alternativen informiert?
Die wichtigste Informationsquelle für Verhütungsmittel sind die Gynäkologinnen. Frauen vertrauen meistens ihrer Ärztin. Aber richtig: Besonders zwischen 20 und 30 Jahren wollen manche Frauen weg von der hormonellen Empfängnisverhütung. Manche bauen auf Verhütungs-Apps, auch Zyklus-Apps, die aufgrund der eingegebenen Daten die fruchtbaren Tage errechnen.
Das klingt in erfahrenen Frauenohren nicht so vertrauenerweckend, eher nach Knaus-Ogino 2.0, das war ja auch vor 60 Jahren schon eine gängige, aber nicht wirklich sichere Methode.
Im Grunde geht es tatsächlich um das Errechnen der fruchtbaren Tage innerhalb eines Zyklus’. Wir empfehlen, dazu trotzdem noch Kondome zu benutzen. Die App weiß ja nicht von plötzlich geänderten Umständen, die einen Eisprung beeinflussen können. Kondome sind ohnehin die Verhütungsmethode, die am zweitstärksten genutzt wird.
Kann man denn sagen „Das ist die beste Verhütungsmethode“?
Nein. Die Verhütungsmethode hängt immer von den Lebensumständen ab: Lebe ich in einer festen Partnerschaft, wie alt bin ich, wie ist mein Gesundheitszustand? Frauen sollen auf ihren Körper schauen, ihn wahrnehmen und gucken, wie er reagiert. Die Verhütung muss für die Frau stimmig sein und zu ihrer Lebenssituation passen.
Wir sprechen hier ständig über Frauen. Ist Verhütung denn immer noch in erster Linie Frauensache?
Subjektiv betrachtet schon. Es sind ja die Frauen, die schwanger werden und entscheiden müssen, wie es dann weitergeht. Objektiv ist Verhütung natürlich ein Bereich, für den beide Sexualpartner verantwortlich sind. Wenn Männer ganz sicher keine Kinder möchten, müssen sie Kondome benutzen und so ihren Beitrag leisten.
Die Pille für den Mann gibt es ja nun immer noch nicht. Warum wohl nicht?
Das weiß ich nicht. Ich bin keine Forscherin und weiß nicht, ob es schwieriger ist, männlichen Samen zu beeinflussen oder den Eisprung der Frau zu unterdrücken.
Also hat sich auf dem Verhütungsmarkt seit Erfindung der Pille nichts bahnbrechend Revolutionäres getan? Welche Alternativen gibt es?
Es gibt die Kupferspirale, die aber viele Frauen abschreckt, weil sie oft starke Menstruationsschmerzen zur Folge hat. Dann Kondome, aber da spielen immer noch häufig die Männer nicht mit. Außerdem gibt es noch die Hormonspirale oder das Hormonstäbchen, die implantiert kontinuierlich Hormone abgeben. Das klassische Diaphragma, eine Kappe, die über den Muttermund gesetzt wird und individuell angepasst werden muss, gibt es praktisch nicht mehr. Neuer auf dem Markt ist ein ähnliches Produkt aus Silikon.
Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist für viele Frauen kein temporäres, sondern ein grundlegendes Thema. Manche möchten eben keine Kinder und sich auch nicht mit Verhütungsmitteln belasten. Andere haben bereits Kinder und wollen keine weiteren mehr. In beiden Fällen könnte eine Sterilisation eine endgültige Lösung sein.
Dann müssen sie aber älter als 30 Jahre sein. Egal, wie viele Kinder sie schon haben – kein Arzt sterilisiert eine Frau zwischen 20 und 30 Jahren. Eine selbstbestimmte Entscheidung wird jungen Frauen schlicht verweigert. Und das kommt nach unserer Erfahrung nicht selten vor. Das finde ich ärgerlich. (Von Silke Schäfer-Marg)
Sie leitet Pro Familia: Maren Colton

Zur Person:

Maren Colton (41) ist Sozialpädagogin mit einer Zusatzausbildung zur systemischen Familienberaterin und -therapeutin und systemischem Elterncoach. Von 2005 bis 2011 war sie bei Pro Familia in Bad Hersfeld als Sexualpädagogin unter anderem für Beratung von Schülern zuständig. Seit 2013 ist Colton Geschäftsführerin von Pro Familia und Beraterin mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualberatung. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. 

Rubriklistenbild: © Andrea Warnecke/dpa

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