Seit 37 Jahren auf die "Scherben" gewartet

"Ton Steine Scherben" zelebrierten im Rotenburger Bürgersaal Musikgeschichte

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Nach 37 Jahren endlich in Rotenburg: Funky K. Götzner (links) und Kai Sichtermann von „Ton Steine Scherben“ mit Sänger und Frontmann Gymmick rockten den Rotenburger Bürgersaal.

Rotenburg. Als vorweihnachtlicher Höhepunkt rockte die Band "Ton Steine Scherben" den Rotenburger Bürgersaal. Bereits vor 37 Jahren hatte man für den Auftritt der Kult-Gruppe - inzwischen ohne Ikone Rio Reiser - an der Jakob-Grimm-Schule Geld gesammelt.

Ein bisschen war es wie das Öffnen eines Türchens beim Adventskalender. Man weiß nicht so recht, was sich dahinter verbirgt, ist gespannt – und wird angenehm überrascht. Genauso – wenn man denn das Wort „angenehm“ verwenden darf – war es beim vom Berliner Alt-Rotenburger Matthias Bähr arrangierten Auftritt der in neuer Formation auf die Bühne zurückgekehrten Band „Ton Steine Scherben“.

Was Funky K. Götzner am Cajon, Kai Sichtermann an der Bass-Gitarre und Tobias Hacker alias Gymmick zwei Tage vor Heiligabend gut zwei Stunden lang im Rotenburger Bürgersaal boten, war auch für den, der die ursprünglichen „Scherben“ und Rio Reiser, deren charismatischen Kopf, nicht bewusst miterlebt hat, ein eindrückliches Erlebnis. Und für die eingefleischten Altvorderen sowieso.

Zu denen zählten sich am Freitagabend auch Martin Funk und Gerhard Schneider-Rose aus Bebra. „Mit 20 fand ich die Band richtig gut. Die hatte eine eigene Linie, die hat nicht nur dem Mainstream hinterhergespielt“, erinnert sich Funk. Und Schneider-Rose stellt heraus, dass man die auf Deutsch ge-sungenen, aufmüpfigen Texte im Gegensatz zu vielen anderen auch verstanden habe. Derweil weist Matthias Bähr das Publikum mit einem Lachen im Gesicht darauf hin, dass der Auftritt des Unplugged-Trios „seit 37 Jahren in Planung“ gewesen sei, denn schon 1980 habe man an der Jakob-Grimm-Schule Geld gesammelt, um die damals 1200 DM teuren Jungs an die Fulda zu holen.

Einmal Scherben-Fan, immer Scherben-Fan: Werner Koch aus Melsungen (vorne) und die zwei Tage vor Heiligabend in den Rotenburger Bürgersaal gekommenen Altvorderen hielt es nur zu Beginn des Konzertabends auf ihren Plätzen.

Götzner und Sichtermann, die beiden Originale, und Gymmick, der Rockpoet, der Rio Reiser in seiner ganzen Art sehr nahe kommt, der als Sänger und Frontmann aber auch seinen eigenen Stil entwickelt, beginnen mit „Blinder Passagier“. Schon bald heißt es „Land in Sicht“, werden alte Visionen neu belebt: „Jeder wird haben, was er braucht“, „Wir müssen hier raus, …wir sind geboren, um frei zu sein“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Das mit den Ur-Scherben älter gewordene Publikum reagiert begeistert, und manch einer fühlt sich ermutigt, am Rande der Bühne mitzugrooven. „Zauberland“ in Rotenburg, und Werner Koch aus Melsungen, der das Glück hatte, viele Konzerte live mitzuerleben, schwärmt von einer „wunderschönen Zeitreise“. Gymmick bezeichnet er als „absoluten Hauptgewinn“.

Das bestätigt sich nach der Pause immer mehr, als der Nürnberger „Halt dich an deiner Liebe fest“ röhrt. Alle rocken mit, sind aber auch voll dabei, als es um die „Sklavenhändler“ und „Menschenfressermenschen“ geht, „die heute Erdogan und Trump heißen könnten“, und um die alte Parole „Keine Macht für niemand“.

Natürlich werden Zugaben verlangt und gegeben, unter anderem Rio Reisers legendärer Solo-Titel „König von Deutschland“ und „Junimond“, zuletzt mit so viel Leidenschaft, dass eine Saite von Gymmicks Gitarre reißt. Dann „ist’s vorbei“ und das mit Vorprogramm (Bernward Büker und Jürgen Bailey) und Überraschungsgast (Kidd Viciouz) mit drei Stunden toller Live-Musik gefüllte „Adventskalendertürchen“ wird ganz profan geschlossen.

Quelle: HNA

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