Trotz Widerspruch

Telekom stellt ersten Telefonanschluss in Machtlos ab: So sind die Reaktionen

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Das Telefon ist nicht mehr zu gebrauchen: Die Telekom hat vor drei Tagen den Anschluss von Sandra Killmer und ihrer Familie abgestellt.

Der Kampf der Machtloser gegen die Telekom geht weiter: Erstmals hat das Unternehmen einen Telefonanschluss abgestellt.

Getroffen hat es die fünfköpfige Familie Killmer. Ihr Vertrag ist ausgelaufen.

Die Telekom hat bei zahlreichen Kunden aus Machtlos die Verträge gekündigt. Grund ist die deutschlandweite Umstellung des Telekommunikations-Riesen von Analog- und ISDN-Anschlüssen auf IP-Telefonie. IP steht für Internet Protocol.

Kündigung widersprochen

„Die Telekom hat unseren Vertrag gekündigt und uns angeboten, einen neuen Vertrag für eine IP-basierte Leitung abzuschließen. Das haben wir abgelehnt und der Kündigung widersprochen“, sagt Sandra Killmer. Sie setzt ebenso wie die anderen Machtloser darauf, dass Ende des Jahres die Leitungen der Breitband Nordhessen GmbH (mit einer deutlich höheren Bandbreite als die Telekom-Leitungen) ans Netz gehen können. Eine Reaktion auf den Widerspruch habe es nicht gegeben – stattdessen ein zweites Kündigungsschreiben, dem die Familie erneut widersprach. „Es gab wieder keine Reaktion. Dann konnten wir am Dienstag plötzlich nicht mehr telefonieren.“

Telekom: „Sind nicht das große Böse“

Dazu sagt Telekom-Sprecher George-Stephen McKinney: „Es handelt sich um eine rechtmäßige Kündigung zum Ende der Vertragslaufzeit. Wir sind nicht das große Böse. Wir halten uns an Verträge und lassen niemanden im Regen stehen.“ Das Unternehmen habe den Kunden in mehreren Schritten informiert und einen neuen IP-Telefonie-basierten Vertrag angeboten. „Das ist standardmäßig ein mehrstufiger Prozess, in Machtlos ebenso wie überall sonst. Wir stellen 70.000 Haushalte pro Woche auf die neuen Anschlüsse um.“

Telefonate annehmen funktioniert noch

Am Dienstag lief der Vertrag der Killmers aus. Die Familie kann nun zwar noch angerufen werden, aber selbst keine Anrufe mehr tätigen. Auch das ist laut McKinney Standard. „Es gibt eine Karenzzeit von vier Wochen, in denen der Kunde noch Gespräche annehmen kann.“

„Ich arbeite in einer Bäckerei – was soll ich machen, wenn ich mich vor Arbeitsbeginn mitten in der Nacht krankmelden muss? Da kann ich ja nicht mal eben bei den Nachbarn klingeln. Was ist, wenn es einen Notfall gibt und wir einen Krankenwagen rufen müssen?“, fragt Sandra Killmer. Denn Handyempfang gibt es in Machtlos bekanntermaßen auch nicht.

Bald wieder Anschluss ohne neuen Vertrag?

Das habe sie auch dem Telekom-Mitarbeiter gesagt, mit dem sie am Dienstag über die Service-Hotline Kontakt hatte. „Ich hab ihm auch gesagt, dass die Leitungen bei uns zu langsam für IP-Telefonie sind. Das hat er dann wohl im System überprüft und meinte dann, in ein paar Tagen soll der Anschluss wieder funktionieren.“ Einen neuen Vertrag haben Killmers nicht abgeschlossen.

„Voraussetzungen in jeder Straße anders“

Dass in Machtlos die Leitungen für IP-Telefonie prinzipiell nicht ausreichen, sei falsch, sagt Telekom-Sprecher McKinney. „Die technischen Voraussetzungen sind in jeder Straße unterschiedlich. Da kann man keine pauschalen Aussagen treffen.“ Ob es theoretisch technisch möglich sei, alle Telekom-Kunden in Machtlos auf IP-Telefonie umzustellen, könne man deswegen auch nicht sagen. Klar sei aber: „Wir verkaufen IP-Telefonie-Verträge nur an Kunden, wo wir sicherstellen können, dass es dann auch funktioniert.“

Unterschiedliche Informationen

Ortsvorsteher Udo Berle, der neben einem Privatanschluss auch einen Telefonanschluss für sein Unternehmen und für sein Faxgerät benötigt, hat über die Service-Hotline der Telekom versucht, seinen noch bis Ende des Jahres laufenden Vertrag auf IP-Telefonie umzustellen. „Da wurde mir gesagt, dass das nicht geht. Die Bandbreite würde nur für einen Anschluss reichen. Die neue Technologie wäre für uns also ein Rückschritt“, sagt Berle. Einem anderen Machtloser Geschäftsmann hätten Telekom-Mitarbeiter hingegen gesagt, die ISDN-Anschlüsse müssten bereits im Februar (dieses Jahres) abgeschaltet werden. „Der hat dann einen neuen Vertrag abgeschlossen. Man hat es jedes Mal mit anderen Telekom-Mitarbeitern zu tun – und so sind auch die Auskünfte jedes Mal anders.“

Telekom: „Müssen uns an unsere AGBs halten“

Telekom-Sprecher McKinney sagt: „Rein technisch gesehen wäre es möglich, die ISDN-Anschlüsse in Machtlos weiter laufen zu lassen. Aber rechtlich ist es das nicht. Wir müssen uns an unsere AGBs halten, die für alle 27 Millionen Anschlüsse gelten.“ Die Umstellung von Analog- und ISDN-Anschlüssen auf IP-Telefonie laufe schon seit mehreren Jahren und sei fast abgeschlossen. Die ISDN-Technologie sei über 40 Jahre alt. „Dafür gibt es überhaupt keine Ersatzteile mehr.“

Ortsvorsteher fordert Kulanzlösung

Ortsvorsteher Udo Berle fordert trotzdem eine Kulanzlösung für sein Dorf. Das „absolut Schlimme“ ist für ihn der Fakt, dass immer noch über 30 Prozent des einstigen Staatsunternehmens dem Bund gehören. „Also uns Steuerzahlern. Dass so ein Unternehmen dann sowas mit den eigenen Leuten macht, ist unfassbar“, sagt Berle.

Auch Sandra Killmer ist enttäuscht. „Wir sind seit Jahrzehnten Telekom-Kunden – und jetzt stehen wir plötzlich ohne Telefon da.“ 

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