In Bad Hersfeld werden spielsüchtige Senioren therapiert

15 Lottoscheine am Tag: Wie ein spielsüchtiger Senior 200.000 Euro verspielte

Bad Hersfeld. Mit dem Rollator ins Casino oder dem letzten Rest der Rente ins Sportwettencafé: In Bad Hersfeld werden immer mehr spielsüchtige Senioren therapiert. Uns hat Klaus M. von seiner Sucht erzählt.

Spielsüchtige sind zwar oft, aber eben nicht immer jung und männlich – auch im Senioren-Alter scheint die Glücksspielsucht ein verbreitetes Problem zu sein, bei Damen wie Herren.

Von einer deutlichen Zunahme an hilfesuchenden älteren Glücksspielern in den vergangenen Jahren berichtet Jean-Christoph Schwager. „Und es werden von Jahr zu Jahr zu mehr.“ Der Gruppentherapeut ist Leiter und Entwickler des +50-Konzepts in der Median Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld, wo seit 1977 Alkohol-, Medikamenten- und Glückspielsüchtige zwischen 16 bis 80 Jahren behandelt werden, wobei es für die Glücksspielabhängigen ein Spezialkonzept gibt.

Bis vor kurzem Neuland

Das +50-Konzept ist zudem auf ältere Suchtkranke zugeschnitten, die nicht wieder ins Erwerbsleben integriert werden müssen, die aber wieder aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ihre Gesundheit durch Abstinenz wieder herstellen möchten, heißt es. 2001 sei er das erste Mal in Kontakt mit einem älteren Herrn um die 70 gekommen, der verzweifelt nach einem Therapieplatz gesucht habe, erzählt Schwager.

Pathologisches – also krankhaftes – Glücksspielen sei zwar bereits seit 2001 als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, völliges Neuland in Wissenschaft und Forschung sei bis vor kurzem jedoch noch das Glücksspiel im Alter gewesen, sagt der Therapeut. Inzwischen habe sich viel getan, spezielle Angebote für ältere Glücksspieler seien allerdings immer noch Mangelware.

Therapiert glücksspielsüchtige Senioren: Jean-Christoph Schwager, Leiter des „+50-Konzepts“ in der Median Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld. Foto: Maaz

Etwa 20 über 60-Jährige werden laut Schwager pro Jahr in der Klinik behandelt, wobei das Durchschnittsalter der älteren Patienten 64 betrage. Seit 17 Jahren führt Schwager eine entsprechende Statistik. Bei weiter steigenden Fallzahlen überlege man, eine eigene +60-Gruppe für Glücksspieler einzurichten.

Über die Gründe für die Sucht könne man spekulieren, klar sei jedoch, dass die Vereinzelung und Vereinsamung im Alter zunehme, oft beginne das Spielen auch nach dem Eintritt in die Rente oder dem Tod des Partners. Zudem werben Anbieter gezielt um ältere Kunden. „Ich sage immer: Wer am Anfang Glück hat, hat Pech gehabt“, so Schwager. Die Krankheit beginne schließlich, wenn die Kontrolle verloren geht. Angehörige würden oft nichts mitbekommen oder, wenn doch, die Augen verschließen. Dabei sei es durchaus richtig, das Problem anzusprechen. Deutliche Worte könnten mitunter sogar ausschlaggebend sein, weiß Schwager aus den Erzählungen seiner Patienten.

Einigen Süchtigen helfe schon der Besuch einer Selbsthilfegruppe oder die Beratung in Fachstellen, aber eben nicht allen. Die Rehaklinik ist immer der letzte Schritt, hierher kommen die „schweren Fälle“. Kostenträger ist üblicherweise die Rentenversicherung, bei Rentnern zahlt die Krankenkasse.

Zwölf Wochen dauert der Aufenthalt in der Regel. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Freizeitgestaltung, denn sinnvolle Beschäftigung und ein strukturierer Tagesablauf fehlten vielen Betroffenen, bei denen die Sucht bisher an erster Stelle stand. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Geldmanagement, auch dafür gibt es in der Klinik eine spezielle Gruppe. Denn während der abstinente Alkoholiker auf sein Suchtmittel verzichten könne, sei das beim Geld kaum möglich.

Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig motivieren: das gehört ebenfalls dazu. Sogar in schlaflosen Nächten finden sich manche Patienten zusammen, um über ihre Probleme zu sprechen. 

Die eigene Familie bestohlen: Ein Spielsüchtiger berichtet

Ein schleichender Prozess war die Spielsucht bei Klaus M.*, dessen Aufenthalt in der Median Klinik Wigbertshöhe fast beendet ist. Schon seine Mutter habe Lotto gespielt, und als der heute 67-Jährige im Alter von fünf den ersten Schein selbst abgeben durfte, gab es zur Belohnung einen Lutscher. 

„Ich bin ein Exot unter den Spielern“, sagt er mit Blick auf seine Sucht selbst. Denn ihn interessieren weder Spielautomaten noch Roulette; Ziehungsspielen wie Lotto und Rubbellosen ist er verfallen. „Ich habe immer regelmäßig gespielt, aber im Rahmen“, erzählt der gelernte Schlosser, der zuletzt als Cheflagerist tätig und „rund um die Uhr für die Firma da war“. Seit rund vier Jahren ist er in Rente. Überhand habe die Spielerei dann vor etwa sieben bis acht Jahren genommen. Warum, das kann er weder sich selbst, noch anderen erklären. „Vielleicht waren die immer höheren Jackpots zu verlockend“, mutmaßt er. 

Um die minimale Chance auf den großen Gewinn wusste der 67-Jährige natürlich, daran geglaubt habe er dennoch. Was er mit den Millionen gemacht hätte? „Eine schöne Reise mit meiner Frau, eine Kreuzfahrt zum Beispiel, oder ein neues Häuschen gekauft“, meint er. Möglicherweise hätte er das Geld aber auch einfach wieder „investiert“. „Ich habe bis zu 15 Scheine auf einmal abgegeben“, so M. 

Den Ärger über ausbleibende Gewinne kompensierte der Spielsüchtige mit Frusteinkäufen. Irgendwann sei seine Frau misstrauisch geworden, als ihr auffiel, dass Geld fehlte. „Ich habe mir anfangs Reparaturen am Auto ausgedacht oder ähnliches und musste aufpassen, nicht zweimal das Gleiche zu erzählen“, gibt M. zu, dessen Lügengerüst schließlich zusammenbrach, als er Geld vom Konto des Schwiegervaters stahl. 

„Das war der Tiefpunkt“, sagt der Spielsüchtige – und gleichzeitig der Beginn eines Neuanfangs. Klaus M. bekannte sich vor der Familie, Bekannten und Nachbarn zu seiner Sucht, zeigte sich selbst an und nahm einen Kredit auf, um seine Schulden abzahlen zu können. Seine Frau zog zu Hause aus, unterstützt ihn aber weiterhin. 

Sie ist es auch, die sich nun um die Finanzen kümmert. Klaus M. muss mit einem „Taschengeld“ auskommen und ein Haushaltsbuch führen. Geschätzte 200.000 Euro habe er in seinem Leben verspielt, vielleicht ein bisschen weniger oder ein bisschen mehr – und nach 39 Jahren eben fast auch seine Ehe. 777 Euro waren sein höchster Gewinn. 

Kurz vor Ende der Therapie fühlt sich der 67-Jährige stabil und gewappnet für die Zukunft. Er hofft auf einen Neuanfang gemeinsam mit seiner Frau. In seinem Stammgeschäft hat er sich längst sperren lassen. Noch vor sich hat der Rentner den Gerichtsprozess. Vermutlich wird er mit einer Geldstrafe und Sozialstunden davonkommen. Den wichtigsten Schritt hat Klaus M. aber schon getan: seine Sucht einzugestehen und behandeln zu lassen. (nm)

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Hintergrund: Netzwerk Sucht im Alter

Zum Thema Sucht im Alter etabliert der Zweckverband für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg aktuell ein gleichnamiges Netzwerk. Die Idee entstand vor rund zwei Jahren im Rahmen einer Arbeitsgruppe, die vom Beratungs- und Behandlungszentrums für Abhängigkeitserkrankungen (bbz) initiiert wurde. Dem vorausgegangen war eine Befragung zum Bedarf bei ambulanten und stationären Pflegediensten. Beteiligt sind neben der Diakonie die Median Klinik Wigbertshöhe, der Pflegestützpunkt des Landkreises, die Kreisverkehrswacht, das Klinikum Bad Hersfeld, Kur- und Klinikseelsorge, sowie verschiedene Einrichtungen der mobilen ambulanten und stationären Altenpflege. Ziel ist es, Sucht- und die Altenhilfe zusammenzubringen, für das Thema zu sensibilisieren, Berührungsängste abzubauen und Informationen anzubieten. Das nächste Treffen findet Mitte April statt. Weitere Informationen und Kontakt: eva-maria.bohr@ekkw.de, alexandra.lauer @ekkw.de oder Telefon 06621/61091 (bbz). 

Fast 60 000 Hessen gelten als spielsüchtig

Entspannung oder Spaß, Ablenkung, Stress- und Konfliktbewältigung: Das sind laut Diakonie nur einige Gründe, warum Menschen Spielhallen besuchen, Wettbüros aufsuchen oder im Internet zocken. Dabei berge der harmlos erscheinende Zeitvertreib ein hohes Suchtpotential – mit gravierenden sozialen und finanziellen Folgen. Circa 38 Millionen Euro würden jeden Monat in hessischen Spielhallen und gastronomischen Betrieben verspielt (Stand 2015), etwa 58 000 Menschen gelten in Hessen als riskante oder abhängige Spieler, heißt es. Die Fachberatung Glücksspielsucht der Diakonie ist folgendermaßen zu erreichen: Haus der Diakonie 1, Kaplangasse 1, 36251 Bad Hersfeld, Telefon 06621/61091, E-Mail christina.heimeroth@ekkw.de, mehr auf: www.diakonie-hef-rof.de.

Quelle: HNA

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