Zwischen Rausch und Realität

"Sommernachtstraum" mit Veronica Ferres in Rotenburg

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Sie traf präzise den Kern: Veronica Ferres begeisterte mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ das Publikum im Innenhof des Rotenburger Schloss mit sinnlicher Stimme und authentischer Präsenz. 

Applaus gab es am Samstag im Rotenburger Schlosshof für die Schauspielerin und das Ensemble der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg.

Wortgewaltig, sprachverliebt, oft komisch und immer musikalisch: Der „Sommernachtstraum“, gelesen von der Schauspielerin Veronica Ferres und fein untermalt von der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg, begeisterte am Samstagabend im gut besetzten Innenhof des Rotenburger Schlosses.

Möglich machte das Gastspiel der Kultursommer Nordhessen. Unterstützung gab es unter anderem von der Marketing- und Entwicklungsgesellschaft (MER) sowie vom Verein Gemeinsam in Rotenburg.

Mit der feinfühligen und dichten Interpretation des klassischen Shakespeare Textes ging das Publikum auf die Reise in die turbulente Soap des 16. Jahrhunderts. Vier junge und verliebte Menschen in einer lauen Sommernacht im Wald. Soweit, so gut – und schon verlassen wir die Realität. Die Vier werden Zeuge eines Streits zwischen dem Elfenkönig Oberon und der Königin Titania. Dann werden sie auch noch in der schicksalsträchtigen Sommernacht von einem Elf namens Puck mit einer Liebestinktur verzaubert und erleben abstruse Dinge zwischen Rausch und Realität.

Am nächsten Morgen folgt dann die Frage: Ist das wirklich alles so passiert? Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist eine Liebeserklärung an die Nacht, den Traum, die Fantasie und den Sommer. Was am Tag unmöglich ist, ist selbstverständlich in der Nacht, und wer wacht, sieht nicht, was der sieht, der schläft.

Der „Sommernachtstraum“ schien wie gemacht für die Grimme-Preisträgerin, die nicht nur schonungslos die Brutalität des Verwirrspiels, sondern gleichzeitig die Komik auskostete. Blitzartig wechselte die Schauspielerin im eleganten grauen Hosenanzug die Rollen, arbeitete die ganze Palette unterschiedlichster Tempi durch, traf präzise den Kern der jeweils erzählten Rolle und setzte drastisch die verschiedenen Charaktertypen aufeinander. Ferres verdichtete die Differenzierungen körpersprachlich, begeisterte mit ihrer authentischen Präsenz und ihrer sinnlichen Stimme.

Eine typische Geste, ein bestimmter Gesichtsausdruck, ein Tonfall, ein Grinsen, ein Lachen: Immer arbeitete sie die Personen in der verzwickten Handlung mit großer Ausdruckskraft von dummer Überheblichkeit bis zu zaghaftem Zaudern kurzweilig heraus. Selbstverständlich traf sie auch den richtigen Ton in intimen Momenten.

Mit dem Ensemble der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg hatte Veronica Ferres einen kongenialen Partner an ihrer Seite. Denn die Musiker statteten nahezu jeden Ton mit Erzähl-Charakter aus. Die Schauspiel-Musik, 1843 von Felix Mendelssohn-Bartholdy vollendet, klang tänzerisch, spielerisch, mal richtig witzig, ironisch, mal von tiefer Melancholie – und alles nicht selbstgefällig nach innen, sondern als erzählende Kommunikation. Überflüssig zu erwähnen, wie tonschön auch das wieder war, manchmal wie Silberfäden, manchmal in deftig-klarer Klangfarbe.

Besser kann man’s nicht machen. Die Solisten von Weltrang entwickelten ein großes Potenzial an Farbigkeit, Transparenz und Leidenschaft. Natürlich ist es der „Hochzeitsmarsch“, bei dem das Publikum mitsummen konnte. Aber es waren auch jene vier magischen Akkorde der Ouvertüre, mit denen Mendelssohn zu Beginn das Tor zum mondbeglänzten Feenreich König Oberons öffnete. Zauberhafter kann man nicht dorthin entführt werden.

Der kräftige Schlussapplaus für die feinfühlige Umsetzung war so verdient wie die tiefe Verbeugung vor dem Bild des unsterblichen Dichters. Ein Glücksfall also, diese Sommernachtsmusik. Ein Traum. Was sonst?

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