Interview

Raymond Singh ist neuer Chef des VdK-Rotenburg: "Wir werden immer populärer"

Helfen, wenn es nottut: Raymond Singh ist neuer Vorsitzender des VdK-Kreisverbandes Rotenburg, In der Geschäftsstelle in Bebra hält er regelmäßig Sprechstunden ab.

Bebra/Obersuhl. Raymond Singh ist neuer Vorsitzender des VdK-Kreisverbandes Rotenburg. Wir sprachen mit ihm über den Weg zum großen Sozialverband und die Aufgaben im Altkreis. 

Erst Selbsthilfeorganisation der Kriegsopfer, nun ein großer Sozialverband: Mit Raymond Singh hat der 1957 Mitglieder starke VdK-Kreisverbandes Rotenburg einen neuen Vorsitzenden. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Herr Singh, der VdK wurde 1946 als Selbsthilfeorganisation der Kriegsopfer gegründet. Warum ist er heute noch populär?

Raymond Singh: Wir werden sogar immer populärer. Viele Menschen sind heute von Altersarmut betroffen, immer mehr junge Menschen müssen krankheitsbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Sie alle brauchen Unterstützung.

Unterstützung wobei? Wie helfen Sie?

Singh: Nehmen wir ein Beispiel. Wenn jemand einen Schlaganfall erleidet, gerät er von 100 auf Null. Die Betroffenen haben zum Einen seelisch damit zu kämpfen, zum anderen wissen sie nicht, wie ihr Leben ganz konkret weitergehen soll – auch in finanzieller Hinsicht. Da können wir beraten. Wir sind immer auf der Seite der Hilfesuchenden.

Sie bieten im Büro in Bebra Sprechstunden an. Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

Singh: Meistens geht es um Schwerbehindertenrecht. Fälle aus diesem Bereich nehmen rasant zu. Wir helfen bei der Antragstellung und auch bei Widersprüchen. Notfalls müssen wir unsere Mitglieder bis zur Klage betreuen. Dazu arbeiten wir mit Rechtsanwälten der Bezirksgeschäftsstelle in Fulda zusammen.

Kann man sich frisch verwitwet bei ihnen auch Hilfe für den ganzen Papierkram holen, der dann anfällt und viele überfordert?

Singh: Eine Betreuung nach einem Sterbefall gibt es bei uns eigentlich nicht. Aber wir gucken schon mal auf Rentenbescheide, zum Beispiel bei Anträgen auf Witwenrente, wenn es Unsicherheiten gibt. Wir kennen uns aus im Behinderten- und Rentenrecht, auch bei den Kranken- und Pflegekassen. Über Rundschreiben und Seminare werden die ehrenamtlichen Helfer auf dem neuesten Stand der Gesetzesgrundlagen gehalten.

Wie viele Menschen kommen zu Ihnen in die Sprechstunde?

Singh: Im vergangenen Jahr waren es 799, Tendenz steigend. Das erste Beratungsgespräch ist kostenlos, dann zahlt man jährlich 66 Euro für die Mitgliedschaft.

Kommen die Betroffenen von sich aus? Viele wissen vermutlich gar nicht, dass der VDK-Kreisverband regelmäßige Sprechstunden anbietet.

Singh: Oft werden sie von Ärzten, sogar von Ämtern geschickt. Ärzte zum Beispiel weisen ihre Patienten darauf hin, dass ihnen mehr Hilfen zustehen. Gerade alte Menschen scheuen sich, ihre Ansprüche geltend zu machen. Sie sind meist stolz darauf, nie dem Staat auf der Tasche gelegen zu haben. Tatsache ist aber, dass es Altersarmut gibt und dass manche nach einem Leben voller Arbeit Grundsicherung beantragen müssen.

In den Sprechstunden hören Sie bestimmt viele traurige Geschichten.

Singh: Das stimmt. Man muss gut zuhören können und braucht Fingerspitzengefühl im Gespräch. Natürlich gilt für uns die Verschwiegenheitspflicht. Viele Menschen haben Zukunftsangst, sie schlafen schlecht und werden depressiv. Sie treibt um, wie sie im Alter noch gut und selbstbestimmt leben können. Viele wissen auch gar nicht, wie es weiter gehen soll, wenn das Krankengeld ausläuft – auch das gehört zu den Sorgen.

VdK – das bedeutet für die meisten Menschen doch eher fröhliche Kaffeerunden und Ausflüge.

Singh: Wir sind als Sozialverband absolut notwendig und dabei hochmodern. Aber das gemütliche Beisammensein und gemeinsame Aktivitäten sind dadurch nicht ausgeschlossen. Die organisieren bei uns die 13 Ortsverbände in Zusammenarbeit mit Reiseanbietern.

Zur Person 

Raymond Singh ist 55 Jahre alt, verheiratet und lebt in Obersuhl. Er stammt aus Wolfsburg, hat früher bei VW gearbeitet und wurde nach einem Schlaganfall Erwerbsminderungsrentner. Seit 2011 ist er im VdK, seit 2014 Vorsitzender des Ortsverbandes Obersuhl. 

Durch sein Ehrenamt möchte er der Gesellschaft etwas zurückgeben und Menschen helfen, sagt er. Kürzlich wurde Singh zum neuen Kreisverbandsvorsitzendem gewählt. Er folgt Karl Wessely im Amt, auf den er große Stücke hält: „Karl Wessely hat den Gedanken des VdK gelebt."

Wer steht hinter dem Kürzel VdK?

Der Verbandsname „VdK“ war ursprünglich eine Abkürzung für „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands eV“. In den Jahrzehnten nach der Gründung 1950 hat sich die Organisation zu einem modernen Sozialverband entwickelt. Der kämpft für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung und macht sich stark gegen Sozialabbau. Die alte Bezeichnung wird nicht mehr verwendet. 

Das einprägsame „VdK“ für Deutschlands größten Sozialverband ist aber geblieben und steht heute für „Verband der Körperbehinderten, Arbeitsinvaliden und Hinterbliebenen“. Sein wichtigstes Anliegen sind das soziale Engagement für Rentner, Behinderte, Patienten, chronisch Kranke und sozial Bedürftige.

Bundesweit hat er über 1,7 Millionen Mitglieder. Im Landesverband Hessen-Thüringen sind es 240.000. Sein Aufgabenbereich sind Hilfe und Beratung zu Fragen der Sozial- und Pflegeversicherung, dem Behindertenrecht, der Sozialhilfe und vielem anderen mehr. (zvk) 

So erreichen sie den VdK-Kreisverband Rotenburg

Kontakt: VdK-Kreisverband Rotenburg, Geschäftsstelle Bismarckstraße 12 in Bebra, Telefon 0 66 22/91 46 40, E-Mail: kv-rotenburg@vdk.de

Sprechstunden: mittwochs 8.30 bis 12.30 Uhr, donnerstags 14.30 bis 17.30 Uhr.

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