13-Jährige wollte sich das Leben nehmen

Sexting: Nackt-Selfie hatte schlimme Folgen

Hersfeld-Rotenburg. Jeder vierte Teenager in Deutschland verschickt mit dem Handy Nacktbilder von sich – oft mit schlimmen Folgen. Passiert auch in unserer Region. Hier ein Fall.

Was das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kürzlich in einem mehrseitigen Beitrag berichtete, das findet sich auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg wieder. 

Dort trieb die Scham über die gegen ihren Willen verbreiteten Fotos die 13-jährige Maria S. (Name geändert) zum Suizidversuch. 

Die Schülerin aus einem Stadtteil im Kreisgebiet hatte einem Freund Oben-ohne-Bilder und ein erotisches Video von sich überlassen. Der vom „Spiegel“ erkannte Trend des „Sexting“ erweist sich jedoch auf Nachfrage als Tabuthema. Harry Wilke, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft in Fulda, ist kein einziger Fall bekannt, der zu einem Verfahren führte. „Das spielt sich wohl unter der Oberfläche ab“, erklärte Wilke gegenüber unserer Zeitung. Es gebe seiner Einschätzung nach „bestimmt eine große Dunkelziffer“, doch würden sich die Betroffenen aus Scham nicht melden. 

Karsten Backhaus, Leiter der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld, muss deshalb davon ausgehen, dass auch an seiner Schule solche Bilder verschickt werden. Auch habe man versucht, Schüler und Eltern für das Thema von verfänglichen Fotos im Internet zu sensibilisieren. Ihm sei jedoch „zum Glück kein einziger Fall bekannt“, versicherte er. 

Zum Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März hat der „Weisse Ring“ die Internetkriminalität in den Fokus gerückt. Gemeinsam mit der Mutter von Maria S. weist Annett Merrath, Außenstelleleiterin für den Bereich Bad Hersfeld-Rotenburg, nicht nur auf die Leiden der Betroffenen hin, sondern auch auf die Hilfsmöglichkeiten. Maria S. darf jetzt ein Jahr lang auf Kosten des Weissen Rings in einem Fitnessstudio neues Selbstbewusstsein aufbauen.

Maria S. war 13, als sie im Sommer 2017 alle Vorsicht fahren ließ. Erst nahm sie mit dem Handy ein paar Selfies ihres entblößten Oberkörpers auf, dann sogar ein Video ihres Unterleibs, auf dem sie masturbierte.

Fotos und Video schickte sie Kaled F., einem gleichaltrigen Mitschüler, mit dem Maria befreundet, aber laut ihrer Mutter nicht zusammen war. Kaled hatte sie um die erotischen Aufnahmen gebeten, hatte sie vielleicht auch ein wenig bedrängt. Auf jeden Fall hatte Maria ihm vertraut.

Immer erst nachhaken

Ein Fehler, wie sich herausstellte. Die Nacktbilder der 13-Jährigen gingen während der Sommerferien rund – nicht nur in dem Stadtteil, in dem Maria mit ihrer Familie zuhause war, sondern an der Schule, im Verein, auch unter den Erwachsenen.

Maria und ihre Familie bekamen das erst nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub so richtig mit. Getuschel, Telefonate, offener Klatsch: „Das meiste kam hintenrum“, berichtet Sabine S., Marias Mutter. Sie habe immer erst nachhaken müssen, ehe sie erfuhr, wer was gesagt und wer die Bilder ihrer Tochter an wen weitergegeben hatte. Anfangs habe es sogar Anfeindungen gegeben, auch habe man Maria einen Schulwechsel nahegelegt und anderen Mädchen den Umgang mit ihr verboten.

Der zweite Fehler

Denn angesichts der Welle, die über sie hereinbrach, hat Maria einen weiteren Fehler gemacht: Sie gab zu, dass die kompromittierenden Fotos und das Video ihren Körper zeigten – obwohl ihr Gesicht nicht zu sehen war. Hätte sie abgestritten, die Selfies gefertigt zu haben, wäre vielleicht nur ein Verdacht geblieben. Identifizierbar war sie nicht.

Doch so wurde alles immer schlimmer. Mitschüler mobbten Maria, auch wildfremde Leute hatten die Fotos gesehen und klatschten mit. Auch der Umstand, dass ein paar Wochen später einem anderen Mädchen Ähnliches passierte, änderte zunächst nichts. „Dabei sind wir mit der Geschichte von Anfang an ganz offen umgegangen“, erzählt Sabine S., die immer wieder das Gespräch suchte und auch Marias Lehrer in die Pflicht nahm.

Für Maria kam jedoch der Tag, an dem alles zu viel wurde, an dem die Scham überhandnahm. Das Mädchen suchte im Haus sämtliche Tabletten zusammen und versuchte, sich mit diesem Mix das Leben zu nehmen.

Wieder stabilisiert

Heute geht es Maria wieder besser: Sie wird in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Hersfeld ambulant behandelt. Ihre Tochter sei stabilisiert, berichtet Sabine S., auch habe sich der Sturm im persönlichen Umfeld gelegt. Dennoch will die Mutter nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Ihr ist es ein Anliegen, mit Marias Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und zu schildern, was der sorglose Umgang mit Handy & Co. anrichten kann.

Strafrechtliche Folgen hat dieser Fall allerdings nicht: Mit 13 Jahren waren sowohl Maria wie auch Kaled noch strafunmündig, eine Anzeige wegen des Verbreitens pornographischer Schriften – so heißt die passende Gesetzesvorschrift – wäre ins Leere gelaufen.

Später entschuldigt

Marias Mutter hat allerdings Kaleds Familie besucht und den Jungen nach dem Warum gefragt. „Das konnte er nicht sagen“, berichtet sie. Sabine S. vermutet Macht als Motiv. Kaleds Mutter habe ihren Sohn gefragt, was er tun würde, wenn jemand solche Bilder seiner Schwester verbreitet hätte. Daraufhin habe der Junge mit der Handkante die Geste eines Schnittes durch den Hals gemacht.

Später hat sich Kaled bei Maria entschuldigt. (ks)

Zum Schutz der Betroffenen wurde alle Namen geändert.

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Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © dpa

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