Unterricht für Kinder von beruflich Reisenden

Schule auf Rädern kommt zu Zirkuskindern nach Rotenburg

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Klassenraum mit nur zwei Kindern: Eddy und Estefania lernen mit Lehrerin Tatjana Meißner. Fotos: Achim Meyer

Rotenburg. Die Schule von Eddy und Estefania kommt morgens vorgefahren. Die Kinder sind mit dem Zirkus Lieberum in Rotenburg und besuchen die Schule für Kinder beruflich Reisender.

Lehrerin Tatjana Meißner wohnt in Lohfelden und besucht während der zwei Wochen des Zirkus-Gastspiels in Rotenburg sechs Mal mit ihrer mobilen Schule den Festplatz. Der Klassenraum in dem kleinen Lastwagen hat Tisch und Stühle, eine Tafel und viele Bücher. An den Wänden hängen Plakate von Zirkussen und Stunt-Shows. Seit den Sommerferien sind Eddy und Estefania, Kinder des Direktors des Zirkus Lieberum, bei der besonderen Schule angemeldet (siehe Hintergrund).

Zum Leben des neunjährigen Eddy und seiner elf Jahre alten Schwester gehören auch Auftritte in der Manege. Estefania tritt als Artistin unter anderem mit Hula-Hoop-Reifen auf, und Eddy steigt als geschrumpfter Clown aus einer defekten Waschmaschine und erntet dafür regelmäßig Beifall und Gelächter. In Fritzlar, in Niedenstein und in Gudensberg war der Zirkus Lieberum in den vergangenen Wochen zu Gast, und immer erhielten die Kinder Besuch von Lehrerin Tatjana Meißner.

Estefania lernt in Mathe momentan die Dezimalzahlen kennen, während ihr Bruder das schriftliche Multiplizieren lernt. In Rotenburg halten sie Referate über Harry Potter und Kampfsportarten. Deutsch, Englisch, Biologie – all das steht auf dem Lehrplan. Von 9 bis 13 Uhr dauert der Unterricht, und weil Tatjana Meißner nicht jeden Tag kommt, gibt es jede Menge Hausaufgaben.

Bevor sie an der mobilen Schule angemeldet wurden, besuchten die Kinder wechselnde Schulen an den jeweiligen Gastspielorten. Hundert verschiedene seien das gewesen, sagt Estefania. Manchmal wurden die Geschwister von den anderen Kindern geärgert, „aber daran ist man gewöhnt“, sagt sie. An manche Schulen kommen die Kinder immer wieder, etwa im Winterquartier in Nordheim oder im niedersächsischen Melle, wo sie die Kinder und Lehrer richtig gern mögen. Bei allen Widrigkeiten, die das Zirkusleben für Schulkinder mit sich bringt, sieht Lehrerin Meißner auch viele Vorteile. Auf jedes Kind kann sie sich intensiv einlassen. „Ich weiß genau, was jedes Kind kann“, sagt sie. Und im Unterricht werde immer konzentriert gearbeitet.

Die Kinder wissen schon jetzt, dass sie dem Zirkus treu bleiben wollen. Estefania träumt davon, sich zur Artistin ausbilden zu lassen und in vielen verschiedenen Zirkussen aufzutreten. Besucher können die Geschwister noch am heutigen Samstag ab 16 Uhr und am Sonntag ab 14 Uhr im Zelt auf dem Rotenburger Festplatz in der Manege sehen. Erwachsene zahlen 15, Kinder 13 Euro.

Hintergrund

Die Schule für Kinder beruflich Reisender wird getragen vom Verein Evim (Evangelischer Verein für innere Mission) in Nassau und finanziert vom Kultusministerium. Ein gutes Dutzend Lehrer, die meisten davon Beamte, unterrichten Kinder von Eltern, die aus beruflichen Gründen viel unterwegs sind. Dabei hat jedes Kind eine Stammschule in Hessen. Wenn ein Schüler Hessen verlässt, wechselt die Zuständigkeit an ein anderes Bundesland, aber die Lehrer bemühen sich, den Kontakt zu halten und Lehrer an neuen Schulen über den Leistungsstand zu unterrichten. Kontinuität soll durch Lerntagebücher für jedes Kind erzielt werden. Die Lehrer schreiben mit den Kindern Klausuren und vergeben Zensuren in Absprache mit Lehrern an festen Schulen, die ebenfalls mit den Kindern befasst waren. In der Notenvergabe sieht Tatjana Meißner eine große Herausforderung. Der höchste an der mobilen Schule erreichbare Abschluss ist der Realschulabschluss. (zmy)

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