Wolf riss Schafe bei Licherode

Schäfer Martin Fritsch hat Angst vor weiteren Angriffen durch Wölfe

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Martin Fritsch hält seine Schafe auf mehreren Weiden rund um Licherode.

Martin Fritsch aus Alheim-Licherode kennt sich aus mit Wölfen. Er ist in Sorge, dass die Raubtiere sich im Kreis niedergelassen haben und weiter jagen.

Die Wolle der gerissenen Schafe lag überall auf der Weide bei Alheim-Licherode verteilt. Bei einem der beiden toten Tiere waren Ende März die Vorderläufe herausgerissen worden. Martin Fritsch war sich sofort sicher: So reißen nur Wölfe. 

Der 50-Jährige kennt sich mit diesen Tieren vermutlich so gut aus wie kein anderer in Waldhessen: Er ist in einer Region Rumäniens aufgewachsen, wo Wölfe und Bären weit verbreitet sind und die Nutztierhalter vor große Herausforderungen stellen.

„Der Wolf ist ein unglaucblich intelligentes Tier“

„Mich fasziniert der Wolf. Er ist ein unglaublich intelligentes Tier“, sagt Fritsch, der Siebenbürger Sachse ist – eine deutschsprachige Minderheit im heutigen Rumänien, die im 12. Jahrhundert dorthin auswanderte. Er kommt aus einem kleinen Dorf, wo seine Familie Rinder und Schafe hielt. Die Schafe wurden dort in großen Herden Tag und Nacht von mehreren Hirten und Hütehunden bewacht. „Trotzdem hat der Wolf sich immer wieder bedient. Auf der einen Seite der Herde zeigt sich ein Wolf und lenkt die Hunde ab, und das übrige Rudel schlägt auf der anderen Seite zu“, sagt er. „Wenn man einmal erlebt hat, wie ein Braunbär ein Zwei-Zentner-Schwein unter den Arm packt und es ein paar Hundert Meter weiter bei lebendigem Leib auffrisst, überlegt man sich, ob man Raubtiere wirklich haben will.“

Im Gegensatz zu Bären – aber beispielsweise auch Luchsen – greifen Wölfe aber nicht nur einzelne Tiere an und fressen sie dann. „Der Wolf hetzt, ist dann im Blutrausch. Auf diese Weise sterben zu müssen, ist bestialisch.“

„Wolf passt hier nicht hin“

Für ihn ist klar: „Der Wolf passt in die hiesige Landschaftsstruktur nicht hinein.“ Hier gebe es keine weiten, menschenleeren Flächen und Wälder und die Besiedlung sei viel dichter als in großen Teilen Osteuropas, von wo das Raubtier nun nach Mitteleuropa zurückgekehrt ist. Kleinteilige Weiden, auf denen Nebenerwerbsschäfer wie er selbst kleine Herden halten, gebe es auch in Ostdeutschland kaum. Dort war die Landwirtschaft in der DDR kollektiviert worden.

So fand der Licheröder eines der beiden toten Schafe auf seiner Weide. Die Vorderläufe wurden vom Körper abgerissen.

Für die Artenvielfalt

Fritsch hat in und um Licherode 20 Parzellen, von denen immer jeweils nur drei mit seinen insgesamt 35 Schafen beweidet werden. Viele liegen auf Steilhängen am Waldrand. „Das sind Flächen, die man kaum richtig umzäunen kann und die für einen Berufsschäfer völlig uninteressant sind.“ Fritschs Schafe sorgen dafür, dass sich der Wald nicht ausdehnt. Von Schafen beweidete Flächen sind besonders artenreich. Wenn daraus wieder Wald würde, hat das negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt.

Für den Siebenbürger Sachsen sind seine Schafe ein sehr zeitaufwendiges Hobby. Mehrmals im Monat treibt er die Tiere von einer Parzelle zur nächsten, damit sich die Fläche wieder erholen kann und nicht kahl gefressen wird. Manche der Lämmer zieht er mit der Flasche auf. Außerdem müssen Zäune aufgebaut und repariert werden, die Schafe müssen geschoren, entwurmt und ihre Klauen gepflegt werden. „Meine Schafe sind sehr zutraulich. Meine Familie und ich haben ein sehr enges Verhältnis zu ihnen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr Mitgefühl und Verständnis für uns Tierhalter haben – und dass sie wertschätzen, was wir für die Allgemeinheit tun.“

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Angst nun immer dabei

Nach dem Riss kamen die Schafe einige Zeit lang nachts in einen Stallwagen. Das geht nun nicht mehr, weil die Lämmer größer geworden sind. „Die Angst ist jetzt immer dabei. Ich frage mich auch: Warum trifft es ausgerechnet mich, der in Rumänien jede Menge Erfahrungen mit Wölfen gemacht hat, hier als erstes?“ Trotzdem will er weitermachen. Falls aber erneut Tiere aus seiner Herde gerissen werden, weiß er nicht, wie lange er der Situation standhalten kann und will.

Die Folge? Stallhaltung

„Wenn man den Wolf sich hier ausbreiten lässt, führt das früher oder später dazu, dass die Tiere nur noch in Ställen gehalten werden – genau das, was Tierschutzverbände ja nicht wollen.“ Sein Zaun sei vom Regierungspräsidium als wolfssicher eingeschätzt worden.

In einer Broschüre des Umweltministeriums sind unter der Überschrift „Schäden verhindern – hochwertige Zäune“ unter anderem 90 Zentimeter hohe, stromführende Elektrozäune aufgeführt. „Das überspringt jeder Wolf aus dem Stand. Wirklich wolfssichere Zäune gibt es gar nicht, die graben sich auch darunter hindurch. Wenn diese Zäune angeblich sicher sind, warum benutzt man die dann nicht in Wildparks, wo Wölfe leben?“, fragt Fritsch.

Waren es zwei Wölfe?

Er bezweifelt stark, dass nur ein Wolf für den Riss verantwortlich ist, wie das Umweltministerium vermutet. „Ein Wolf alleine kann die Vorderläufe nicht so herausreißen, wie es hier der Fall war. Das geht nur, wenn zwei Wölfe gemeinsam an einem Schaf reißen.“ Wenn es nur ein einzelner Wolf sei, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er das Gebiet lediglich durchquere. Wenn es zwei seien, könnten die sich seiner Einschätzung nach aber niedergelassen haben.

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