Interview

Linken-Bundestagskandidatin Sabine Leidig: „Amazon ist einer Demokratie nicht würdig“

Die Linke steht hinter ihrer Kandidatin: Die Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig mit ihrem Wahlkampfteam (von links) Frank Habermann (Kassel), Arnd Schran (Bebra), Martin Püschel (Bad Hersfeld) und Erich Lange (Rotenburg) im Bad Hersfelder Kurpark.
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Die Linke steht hinter ihrer Kandidatin: Die Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig mit ihrem Wahlkampfteam (von links) Frank Habermann (Kassel), Arnd Schran (Bebra), Martin Püschel (Bad Hersfeld) und Erich Lange (Rotenburg) im Bad Hersfelder Kurpark.

Mit einer Veranstaltung in Bad Hersfeld ist die Partei „Die Linke“ mit ihrer Spitzenkandidatin Sabine Leidig in den Bundestagswahlkampf gestartet.

Bad Hersfeld – Am Rande der Veranstaltung in der Stadthalle sprach Kai A. Struthoff mit Sabine Leidig.

Frau Leidig, in einem Interview mit unserer Kasseler Ausgabe haben Sie vor einigen Tagen gesagt, Sie hätten nach zwölf Jahren im Bundestag Ihre letzte Rede in Berlin gehalten. Haben Sie keine Hoffnung auf eine Wiederwahl?
Wenn die Linke ein Direktmandat in diesem Wahlkreis erringen würde, dann würde ich mich noch mal breitschlagen lassen, in den Bundestag zu gehen. Denn dann hätten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse sehr geändert. Aber ich bin nicht durch einen Listenplatz abgesichert und mein Drang, zurück in den Bundestag zu gehen, ist wirklich nicht groß.
Sie waren zwölf Jahre im Bundestag und wirken etwas ernüchtert von Berlin. Warum?
Ernüchtert ist das falsche Wort, denn die Arbeit in Berlin eröffnete mir unglaublich viele Möglichkeiten. Ich arbeite mit vielen interessanten, engagierten Menschen zusammen. Das möchte ich nicht missen. Aber die rein parlamentarische Arbeit ist sehr veraltet und den Aufgaben nicht angemessen. Es stehen so gewaltige Herausforderungen vor unserer Gesellschaft als Ganzes, die können mit den eingeschliffenen Routinen nicht bewältigt werden. Die Sturzfluten und Dürren – das sind nicht die Vorboten, sondern bereits die Folgen des Klimawandels. Mir fehlt der ernsthafte Austausch von Argumenten, es gibt zu viel Machtpolitik und man orientiert sich vor allem an der Fraktionsdisziplin.
Liegt das nicht vielleicht auch daran, dass die Linke oft sehr fundamental-oppositionell argumentiert?
Es gibt Themen, bei denen wir grundlegende Unterschiede zu allen Parteien haben. Aber es gibt auch viele Themen, wo es große Schnittmengen gibt. Zum Beispiel beim Mindestlohn. Eigentlich sind sich SPD, Grüne, Linke und selbst Teile der CDU sowie die Sozialverbände völlig einig, dass ein Mindestlohn von 9,60 Euro zum Leben nicht ausreicht. 12,50 Euro braucht man mindestens. Da sind wir wirklich keine radikale Minderheit – und trotzdem werden unsere Initiativen immer abgelehnt.
Bislang galt die Linke als Sprachrohr der Schwächeren in der Gesellschaft. Inzwischen hat die AfD vor allem im Osten diese Rollen übernommen?
Im Osten von Deutschland stellt sich die Situation unserer Partei viel komplexer dar. Viele Stützen der Linken, der ehemaligen PDS, sind inzwischen sehr alt, oft verstorben. Sie fehlen uns als Bindeglied zu den Menschen. Teile der AfD hingegen sind das neue Sammelbecken von Rechtsradikalen – die es aber immer in unserem Land gegeben hat. Doch in der AfD finden sich inzwischen auch enttäuschte Sozialdemokraten oder CDU-Anhänger, weil sie nicht mehr an Aufstiegsversprechen glauben. Außerdem fehlt in den neuen Ländern oft das städtische Milieu, in dem die Linke immer stärker ist als im ländlichen Raum.
Dabei gebe es für Linke-Positionen auch hier im ländlichen Raum Anknüpfungspunkte: Nehmen wir Amazon. Sind Gewerkschaften inzwischen machtlos gegen multi-nationale Konzerne?
Es ist jedenfalls total schwer, weil das Erpressungspotenzial, die ökonomische Macht, gigantisch ist. Amazon ist dafür typisch und einer Demokratie nicht würdig. Da ist einfach zu viel Macht konzentriert.
Welche anderen Themen sehen Sie als zentral für diesen Wahlkreis?
Es gibt drei zentrale Felder für den sozialen und ökologischen Umbau: Wir müssen die Verkehrswende schaffen, und das geht nur mit einem radikalen und attraktiven Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Die ganze Mobilitätskultur muss sich verändern. Ich selbst lebe seit 20 Jahren ohne Auto und bin trotzdem mobil. 1:1 Elektro-Autos sind nicht die Lösung, weil schon die Produktion der Karosserien viel zu viele Ressourcen verbraucht.
Zweite Herausforderung?
Das ist die Energiepolitik. Eigentlich sind Regionen wie diese gut geeignet, die Versorger zu sein. Deshalb bin ich dafür, hier mehr Windräder und auch Solaranlagen zu bauen. Wir brauchen die komplette Umstellung auf erneuerbare Energien. Entscheidend ist aber, dass die Kommunen auch einen Gewinn davon haben. Die Linke fordert ohnehin, dass die Energieversorgung in die öffentliche Hand gehört.
Und der dritte Punkt?
Die Lebensmittelversorgung: Ich bin erschüttert darüber, dass trotz einer Grünen-Regierungsbeteiligung in Hessen nicht mehr passiert in diesem Bereich. Dabei haben wir in Witzenhausen sogar ein renommiertes Ausbildungszentrum. Wir brauchen eine Reform unserer Ernährung und müssen viel mehr vor Ort produzieren. Es ist doch Wahnsinn, Schlachtvieh durch ganz Europa zu karren oder Soja um die halbe Welt. Und dass mit Logistikzentren immer noch mehr Flächen versiegelt und Lkw-Kolonnen gefördert werden. Dabei lägen unsere Lebensmittel hier vor der Haustür. Damit könnte man hier eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung befördern. Aber da sind auch die Landräte noch zu schnarchnasig.
Vor Wahlen wird gern munter über Koalitionen spekuliert. Zum Beispiel über Rot-Rot-Grün. Was raten Sie Ihren Genossen?
Ich sehe eine Regierungsbeteiligung skeptisch. Es sei denn, es gibt wirklich eine deutliche Stimmung in der Bevölkerung, grundsätzlich etwas zu ändern. In Berlin funktioniert so eine Koalition auf Landesebene gut, weil es gesellschaftliche Bewegungen gibt, die Druck machen. Natürlich bedeutet eine Koalition Kompromisse, es gibt ja auch durchaus Schnittmengen. Vor allem die große Richtung muss stimmen.

Zur Person

Sabine Leidig wurde am 7. August 1961 in Heidelberg geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Biologielaborantin arbeitete Leidig 13 Jahre im Deutschen Krebsforschungszentrum. Von 1982 bis 1991 war sie aktives Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und auch in der Gewerkschaft aktiv. Von 2002 bis 2009 war Sabine Leidig Geschäftsführerin des Attac-Bundesbüros in Frankfurt. Seit 2009 ist sie Mitglied im Deutschen Bundestag und verkehrspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion. Im Mai 2016 wurde Leidig in den Bundesvorstand der Linken gewählt. Sabine Leidig hat einen Sohn, zwei Enkel und lebt seit 2011 in Hessen. Sie wohnt in Kassel.

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