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Rotwild durch Inzucht gefährdet: So sieht die Situation im Landkreis Hersfeld-Rotenburg aus

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Von: Carolin Eberth

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Ist die Zukunft der Hirsche durch die Zerschneidung von Lebensräumen und der daraus folgenden Inzucht in Gefahr? Davon geht die Uni in Gießen aufgrund neuster Studienergebnisse aus. Unser Bild entstand im Wildpark Knüll.
Ist die Zukunft der Hirsche durch die Zerschneidung von Lebensräumen und der daraus folgenden Inzucht in Gefahr? Davon geht die Uni in Gießen aufgrund neuster Studienergebnisse aus. Unser Bild entstand im Wildpark Knüll. © Carolin Eberth

Ist die Zukunft der Hirsche durch die Zerschneidung von Lebensräumen und der daraus folgenden Inzucht in Gefahr? Davon geht die Uni in Gießen aufgrund neuster Studienergebnisse aus. Wir haben im Landkreis Hersfeld-Rotenburg nachgefragt, wie die Situation aussieht:

Hersfeld-Rotenburg – Bundesstraßen, Autobahnen und Bahngleise zerschneiden seit Jahrzehnten die Natur. Auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind sie für Wildtiere Barrieren, die kaum zu überwinden sind. Beim Rotwild führt das dazu, dass sich immer wieder die gleichen Tiere eines Rudels paaren und die Populationen zunehmend voneinander separiert und kleiner werden. Die Folge: Inzucht.

Forscher der Uni Gießen kamen jüngst in einer neuen Studie zu alarmierenden Ergebnissen: „In einem Drittel der Gebiete in Hessen müssen wir uns aufgrund mangelnder genetischer Vielfalt ernsthaft um den Erhalt dieser Art als gesunde Populationen sorgen“, mahnt der Gießener Wildbiologe Gerald Reiner. Mit der fortschreitenden Inzucht fehle dem Rotwild die Möglichkeit, sich evolutionär anzupassen, warnt er. Schadhafte Gene, die beispielsweise zu Missbildungen führen, könnten sich ausbreiten.

In Hessen seien bereits sechs Kälber entdeckt worden, die einen verkürzten Unterkiefer haben, berichtet der Wildbiologe. Doch wie sieht die Situation im Landkreis Hersfeld-Rotenburg aus?

Forstamtsleiter aus dem Landkreis geben vorerst Entwarnung

Die Forstamtsleiter von Bad Hersfeld und Rotenburg geben vorerst Entwarnung. „Es gibt zwar erste Indizien beim Rotwild von Inzucht, insgesamt ist die Situation bei uns aber noch relativ unkritisch“, sagt Dr. Hans-Werner Führer, Leiter des Forstamts in Rotenburg. Bestätigen kann das auch Oliver Scholz, Forstamtsleiter von Bad Hersfeld: „Bei uns führen zwar die A4 und die A7 durch das Forstamt, allerdings sind die Autobahnen nicht überall eingezäunt und wir haben das Glück, dass wir eine Wildbrücke haben, die sich zwischen der Unterführung der B 62 und der Anschlussstelle Friedewald befindet.“ Diese Brücke habe den Vorteil, dass die einzelnen Biotope wieder miteinander verbunden sind. „Die Brücke wird sehr gut genutzt. Wir hatten eine Zeit lang dort eine Wildkamera aufgestellt, die uns bestätigt hat, wie oft und welche Tiere die Überquerungshilfe nutzen.“ Von Wildkatzen bis hin zum Rotwild würden fast alle Tierarten die Brücke in Anspruch nehmen, wodurch ein genetischer Austausch auch über die Autobahn möglich sei.

Um der genetischen Verarmung beim Rotwild entgegenzuwirken, müsse wanderndes Rotwild von der Bejagung ausgenommen werden. Dafür spricht sich der hessische Landesjagdverband aus. Ein Erlass aus dem Jahr 2020, wonach die Einrichtung von Wanderkorridoren für Rotwild erlaubt wurde, sollte aus Sicht des Verbandes möglichst zügig umgesetzt werden. Bisher gilt: Wenn eines der Tiere sich aus einem Rotwildgebiet hinaus bewegt, ist es praktisch zum Abschuss freigegeben.

Lebensraum des Rotwildes wird nicht nur durch das Straßennetz beeinflusst

Aus Sicht der Jägerschaft wäre es aber sinnvoll, gerade junge Hirsche auf Wanderschaft von der Bejagung auszunehmen – damit sie in anderen Populationen für Nachwuchs sorgen und so ihre Gene einbringen können. „Rothirsche sind eigentlich ausgeprägte Wanderer. Besonders wanderfreudig sind sie zur Brunft im Herbst“, weiß der Revierleiter von Hönebach, Markus Schneider. „Deshalb sollten wir uns fragen, wie sinnvoll es ist, den Lebensraum von Rotwild nur auf bestimmte Gebiete in Deutschland zu begrenzen.“ Dadurch werde das Rotwild an ihrer Ausbreitung gehindert.

Schneider ist der Meinung, dass der Lebensraum und die Lebensweise der Hirsche nicht nur unter dem ausgebauten Straßennetz leidet. „Auf das Rotwild kommt gerade einiges zu. Es muss sich stark anpassen und ist erheblichem Stress ausgesetzt. Durch die Holzeinschläge haben sie ihre Deckung verloren und ziehen sich auf die wenigen Deckungsgebiete zurück, die es noch gibt. Außerdem hat der Waldtourismus stark zugenommen und sie werden in ihren Einständen gestört und ziehen sich immer weiter zurück.“ Das führe dazu, dass sich die gestressten Tiere nicht mehr zum Äsen auf die Wiesen trauen, sondern in ihren Einständen bleiben, wodurch die Verbiss- und Schälschäden an Bäumen steigen würden. „Trotzdem können wir das Wild nicht für alles verantwortlich machen“, sagt Schneider.

Landesjagdverband veröffentlicht neue Dokumentation zur Inzucht-Problematik bei Rotwild

Fachleute fürchten, dass die Zeit davonläuft: „Die Inzucht schreitet ja mit jeder Brunft weiter voran“, sagt Markus Stifter, Sprecher des Landesjagdverbandes. Unter dem aufrüttelnden Titel „Hessens Wälder ohne Hirsche“ hat Stifter einen Film erstellt, mit dem er auf die besorgniserregende Entwicklung aufmerksam machen will. Verschärft werde die Problematik durch strikte Abschussvorgaben für das Wild, um die von Trockenheit und Stürmen geschädigten Waldflächen nach Wiederaufforstung vor Verbiss zu schützen. Dadurch würden die Bestände dezimiert, mahnt der Sprecher. (Carolin Eberth)

Die Dokumentation „Umwelt: Hessens Wälder ohne Hirsche – So schlecht geht es dem Rothirsch wirklich“ kann auf Youtube angeschaut werden.

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