Treffpunkt in Niederthalhausen

Rotenburger Arzt: Sprechstunde in der guten Stube

Blutdruckmessen im Wohnzimmer: Dr. Johannes Kirchhoff untersucht Hartmut Hattenbach, neben diesem seine Frau Doris Hattenbach. Foto:  Schankweiler-Ziermann

Niederthalhausen. Alle paar Wochen packt Dr. Johannes Kirchhoff die Tasche in seiner Rotenburger Praxis und fährt nach Niederthalhausen. In einem Wohnzimmer hält er Sprechstunde.

Im Ludwigsauer Ortsteil Niederthalhausen praktiziert er im Haus der Familie Hattenbach. Im Wartezimmer, der Küche der Hattenbachs, plaudern derweil die Patienten, bis der Doktor da ist und gut aufgelegt nach dem Befinden fragt. Anna Hattenbach, die kürzlich 98 Jahre alt wurde, schickt er als erste über den Flur und ins wohnliche Sprechzimmer mit den Familienfotos auf dem Büfett.

Seit 17 Jahren fährt Kirchhoff regelmäßig die kurvig-idyllische Strecke in den Besengrund. Seine Niederthalhäuser könnte er nie im Stich lassen, sagt der Rotenburger Arzt – obwohl Ludwigsau eigentlich nicht zu seinem Gebiet gehört. Diese Aufgabe hat er von seinem Vorgänger Dr. Mirko Batusic übernommen. Auch Batusic hatte die Niederthalhäuser Wohnzimmerpraxis quasi geerbt. Er war Nachfolger von Dr. Rolf Langner in Baumbach gewesen, und damals gingen Patienten aus dem Besengrund noch nach Baumbach zum Arzt.

Auch die Familie Hattenbach, die heute ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellt, hat eine Vorgängerin: Bis zum frühen, plötzlichen Tod von Elli Diegel kamen die Patienten in deren Bauernhaus. Der Doktor kam mit Sprechstundenhilfe, nahm in Ellis guter Stube Blut ab und kontrollierte den Blutdruck der Patienten. Vom Wohnzimmer war das provisorische Sprechzimmer nur durch eine Schiebetür abgetrennt. Wer nicht wollte, dass die Nachbarn mithörten, musste flüstern, so erzählen Doris und Hartmut Hattenbach. Dagegen geht es heute sehr diskret zu. Die Familie Hattenbach schaut nur von den Fotos in den Bilderrahmen aus zu, wenn Dr. Kirchhoff die Patienten untersucht.

Im Lauf der letzten Jahre haben sich die Reihen der Patienten gelichtet. Außer Hattenbachs kommen noch eine Handvoll weiterer Patienten. Auch Rezepte oder mal eine Überweisung können die Niederthalhäuser bei Doris Hattenbach abholen.

Sie musste sich anfangs erst an den Patientenzulauf gewöhnen. Schließlich kommen die Menschen sommers und winters, egal ob es regnet oder schneit. Das Haus an der Ortsdurchfahrt ist sogar behindertengerecht. Hartmut Hattenbach sitzt seit einigen Jahren im Rollstuhl und sein Sohn hat einen Lift an der Treppe angebaut.

Da der Doktor aus medizinischer Notwendigkeit regelmäßig bei Hartmut Hattenbach vorbeischaut, der unter Multipler Sklerose und Parkinson leidet, können auch andere Senioren nach wie vor die Möglichkeit nutzen, den Arzt zu sehen.

Kirchhoff hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen oder seinen besten Arztwitz parat, auch die Patienten nehmen es mit Humor. „Schmerz lass nach, der Doktor kommt“, heißt es dann.

Dem Doktor liegen die Patienten am Herzen. „Ich bin ja selbst vom Dorf“, sagt Kirchhoff, dessen Vater Pfarrer in Braach und Baumbach war. Er komme sehr gerne nach Niederthalhausen, sagt er. Die Menschen seien sehr dankbar und versorgten die ganze Familie Kirchhoff viele Jahre mit Ahler Wurscht und Eiern. Die schöne Fahrt durch den Wald über den Stock genießt er besonders. Nur einmal im Winter hat er erst im letzten Moment die Kurve gekriegt, als es in Rotenburg regnete und dort oben schon tiefster Winter war.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Rotenburg (an der Fulda)
Kommentare zu diesem Artikel