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Paartherapie ohne Samthandschuhe: Rotenburger Kulisse begeisterte mit „Sittich“

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Von: Susanne Kanngieser

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Szenen einer Ehe: Die Kulisse begeisterte viermal mit der Konversationskomödie „Der Sittich“ im Bürgerzentrum Rotenburg. Es waren Paraderollen für Heike Ronsdorf-Holstein und Dietrich Both
Szenen einer Ehe: Die Kulisse begeisterte viermal mit der Konversationskomödie „Der Sittich“ im Bürgerzentrum Rotenburg. Es waren Paraderollen für Heike Ronsdorf-Holstein und Dietrich Both. © Susanne Kanngieser

Ein Mann, eine Frau, ein Eklat. In der Komödie „Der Sittich“ wird die Wohnung zum Boxring. Darstellerin Heike Ronsdorf-Holstein holte am Ende zum finalen Schlag aus.

Rotenburg – Viermal begeisterte die Kulisse, der Verein für darstellende Kunst, an zwei Wochenenden im Bürgerzentrum Rotenburg mit dem modernen Boulevardtheater der französischen Autorin Audrey Schebat.

Ring frei für eine Paartherapie par excellence: Dass es hier nicht mit Samthandschuhen zugeht, sondern mit harten Bandagen gekämpft wird, ist ab der ersten Minute der Konversationskomödie klar. Mit Satin-Bademänteln erscheinen die beiden Protagonisten, er (Dietrich Both) und sie (Heike Ronsdorf-Holstein). Das namenlose Paar erwartet Freunde zum Abendessen. Doch Catherine und David erscheinen nicht. Angeblich ist bei ihnen eingebrochen worden. Alle Designer-Klamotten von Catherine und ihr echter Degas sind weg. Catherine, die sich gerade mit einer Ziervogel-Handlung selbständig gemacht hat, ist auch nicht zu erreichen. David ist ein eng befreundeter Geschäftspartner von ihm.

Was in der Beziehung schiefläuft

Weil die Gäste nicht kommen, werden sie genau deshalb zur Projektionsfläche für all das, was in der eigenen Beziehung schiefläuft. Fragen über Fragen: War es eine Einbrecherinnen-Gang, die es auf Catherines Klamotten abgesehen hat? Turnerinnen, die an der Hauswand hochgeklettert sind? Oder hat Catherine in Wirklichkeit David verlassen, und er weiß es noch nicht?

Vom langsamen Auftakt entwickelte sich aus der überschaubaren Ausgangssituation rasant ein abstruses Gebilde aus Vermutungen, Missverständnissen und Spekulationen, vorsätzlichen Lügen und überraschenden Geständnissen. Wut und Schlagfertigkeit steigerten den Unterhaltungswert dieser etwas anders konstruierten Komödie.

Gattin im Goldenen Käfig

Der Wellensittich ist das Bild für die Gattin im goldenen Käfig, die sich selbst verloren hat. „Ich weiß nicht mehr, wann ich mich mit einer Nebenrolle in deinem Leben begnügt habe“, erklärte sie ihrem Mann, als sie am Ende den Entschluss der Scheidung fasste.

Es sind Paraderollen für Ronsdorf-Holstein und Both. Gleich in der ersten Szene rechnet er ihr die eigenen Honorare in Wellensittichen vor: Eine telefonische Beratung bringe ihm und seinem Kanzlei-Partner David „zehn Wellensittiche“ pro Stunde ein, bei den Honoraren für Prozesse müsste man Papageien und Kakadus hinzufügen. Und als er richtig in Rage gerät, schneidet er ein Baguette in Scheiben, ein Stück pro Sittich. Wütend platt geschlagen fliegen die Brote über die Bühne – verschlungen vom Finanzamt und von Catherines Designer-Kleidung. Für ihn als Mann bleibe vom Geld nur ein kleines Stück übrig. Unbeeindruckt von diesen materiellen Gleichungen hält sie ihm Catherines emotionale Situation im „goldenen Ehe-Käfig“ vor. Sehr viel Wortwitz ist dabei, aber keinerlei Schenkel-Klopf-Komik. Das subtil inszenierte Kammerspiel, für das Louisa Klöpfel, Heidi Valenta und Irina Schade als Regisseurinnen verantwortlich zeichneten, zeigte zwei Menschen in Grenzsituationen, die ihre beklemmende Seelenverfassung mit zunehmender Spieldauer immer deutlicher gegeneinander ausspielten.

Theater, das verzaubert

Während sie ihrer Freundin taktisch den Rücken stärkte, schien er über mögliche Optionen zu brüten, wie er die Kampfzone zurückerobern kann. Hochtouriger Motor dieses Zweipersonenstücks ist Heike Ronsdorf-Holstein, wenn sie verzweifelt und triumphiert, schnippisch ist, verletzend, scharfzüngig, flott im Denken wie im Reden. Das ist zeitgenössisches Theater, das verzaubern kann, ohne sich mit Oberflächenreizen zufriedenzugeben, das zum Nachdenken anregt ohne jede moralinsaure Bräsigkeit. Rasant und hinreißend.

Die größtmögliche Verletzung

Dietrich Both agierte so gelassen, überlegen und punktgenau, als hätte er nie was anderes gemacht, als mit seiner Partnerin in den Boxring zu steigen. Beide warfen alles in die Waagschale und konnten sich lustvoll entfalten. Als Frau und Mann spielten sich Ronsdorf-Holstein und Both durch den Geschlechterkampf, kämpften mit Klischees. Treffsicher wurde der wunde Punkt des anderen angepeilt, die größtmögliche Verletzung war das Ziel. Das Bühnenbild überzeugte ohne große Verschiebungen als Kampfplatz und Ort der Verzweiflung.

Dass am Ende eine Ehe gescheitert ist und die andere nicht, ist famos auf die Bühne gebracht. Das gebannte Publikum verfolgte diesen veritablen Rosenkrieg quasi atemlos. Es honorierte die Darbietung mit stehenden Ovationen und lang anhaltendem Applaus. (Susanne Kanngieser)

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