Interview mit Staatssekretär

Höhere Zäune statt Abschuss: Ministerium will zum Schutz vor Stölzinger Wölfin aufrüsten

Im Wald: Wolf im Wildpark Knüll in Hessen.
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Aufrüsten statt Abschießen: Die Stölzinger Wölfin soll durch höhere Zäune gestoppt werden. Unser Foto zeigt einen Wolf im hessischen Wildpark Knüll.

Die Stölzinger Wölfin hat bislang rund 30 Schafe, Ziegen und Kälber getötet. Abgeschossen werden soll sie trotzdem nicht.

aktualisiert Freitag, 26. Februar, 13.50 Uhr. Wiesbaden/Rotenburg – Zum Schutz vor der Stölzinger Wölfin sollen die Zäune von Schaf- und Ziegenweiden im Territorium aufgerüstet werden. Das hat Oliver Conz, Staatssekretär im von der Grünen Priska Hinz geführten Umweltministerium, im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt.

Nachdem die Stölzinger Wölfin in insgesamt neun Fällen bislang rund 30 Schafe, Ziegen und Kälber getötet hat, hat unter anderem der Hessische Schafhalterverband mehrfach den Abschuss des Tieres gefordert. Dieser Forderung hatten die hessischen Landesbehörden schon im vergangenen Jahr eine Absage erteilt. Nun steht der neue Hessische Wolfsmanagementplan, der solche Fälle grundsätzlich regeln soll, kurz vor der Fertigstellung.

Ein 90 Zentimeter hoher Elektrozaun oder ein 120 Zentimeter hoher Festzaun, etwa aus Maschendraht, entspricht dem in Hessen von Schafhaltern eingeforderten Grundschutz. Diese hatten in den vergangenen zwei Jahren immer wieder betont, mehr als dieser Grundschutz sei nicht zumutbar. Das untermauerte der Schafhalterverband mit Messungen des Landesbetriebs Landwirtschaft, der selbst dem Umweltministerium untersteht. Im Praxistest war herausgekommen, dass höhere Zäune den doppelten und an Hängen sogar den dreifachen Zeitaufwand bedeuten.

Der Plan von Conz sieht nun vor, dass Schäfer für die Aufrüstung weder eigenes Material noch eigene Arbeitskraft aufbringen müssen. Die Arbeiten soll der Landwirtschaftliche Maschinenring erledigen – eine Vereinigung, in der Landwirte gemeinsam Maschinen nutzen und Arbeitskräfte vermitteln.

Der Schafhalterverband hält es für unrealistisch, der Stölzinger Wölfin nachhaltig wieder abzugewöhnen, dass sie Weidetiere reißt. Das hatte sie mehrfach im Haselgrund und zuletzt im Oktober bei Heinebach getan. Staatssekretär Conz sieht darin bislang „kein problematisches Verhalten“. Diese Einschätzung und die Ideen für den neuen Wolfsmanagementplan, der in den kommenden Wochen fertig sein soll, erläutert Conz im Interview mit unserer Zeitung. (Christopher Ziermann)

Scharfe Kritik vom Schafhalterverband

Der Hessische Schafhalterverband kritisiert Conz’ Vorschläge in einer Pressemitteilung scharf. „Die Landesregierung traut sich nicht an ergebnisorientierte und juristisch klar definierte Maßgaben“, sagt Vorsitzender Reinhard Heintz. „Diese würden nämlich bedeuten, dass die Politik dann auch in der Konsequenz zum Handeln gezwungen wäre, wenn es um den Abschuss eines übergriffigen Wolfes ginge.“ Die Vorschläge seien kompliziert, praxisfern und kaum umzusetzen.

Interview mit Staatssekretär Oliver Conz

Wiesbaden/Rotenburg – Hessen diskutiert über den Wolf, und das seit mittlerweile fast zwei Jahren. Im März 2019 hatte ein Wolf in Alheim-Licherode zwei Schafe gerissen – der genetisch belegte Beginn der nun dauerhaften Rückkehr des Raubtieres nach Hessen.

Die Schafhalter stellt das vor große Herausforderungen: Die wenigen Haupterwerbsschäfer, die es noch gibt, arbeiten ohnehin schon unter Mindestlohnniveau, weil sich mit Fleisch und Wolle kaum noch Geld verdienen lässt. Ein wesentlicher Teil der Einnahmen von Schafhaltern kommt aus Naturschutztöpfen – denn die artgerechte Haltung, die einen Großteil des Jahres im Freien auf der Weide stattfindet, hilft auch bei der Erreichung von verbindlichen Naturschutzzielen. Viele Flächen wie Magerrasen, zu deren Schutz Deutschland EU-rechtlich verpflichtet ist, können nur mit Schafen oder – zu einem wesentlich kleineren Anteil – mit Ziegen gepflegt werden.

Mehr als ein Drittel der hessischen Schafe gehört über 4600 Hobbyschäfern, die in der Regel anderswo in Vollzeit arbeiten. Wie kann sich Hessen unter diesen Voraussetzungen auf den Wolf einstellen? Ein neuer Wolfsmanagementplan soll in den kommenden Wochen vorgestellt werden. Wir haben darüber mit Oliver Conz, Staatssekretär im Umweltministerium, gesprochen.

Herr Conz, um es dem Wolf nicht zu leicht zu machen, sollte in Hessen ein Grundschutz von 90 Zentimeter hohen Elektrozäunen eingehalten werden. Ihr Ministerium weist beharrlich darauf hin, dass dieser Grundschutz auch wirklich flächendeckend da sein sollte, damit Wölfe nicht an schlechter geschützten Herden das Reißen von Nutztieren lernen. Die Schäfer kritisieren, dass sie auf den Kosten dafür sitzen bleiben. Wird sich das künftig ändern?

Wir haben unsere Fördermittel dafür schon erhöht und die Anforderungen abgesenkt – obwohl die Weidetierhalter eigentlich schon aus eigenem Interesse den Grundschutz einhalten sollten. Wir unterstützen sie dabei trotzdem, weil wir um ihre großen Herausforderungen wissen. 427 Betriebe werden bereits gefördert, das betrifft 54 000 Schafe. Wir wollen in diesem Jahr noch deutlich mehr erreichen und machen deswegen die Bedingungen noch mal attraktiver.

Es gibt in Hessen laut Tierseuchenkasse 120 000 Schafe in 5000 Betrieben. Bekommen auch die klassischen Hobby- und Nebenerwerbsschäfer mit zehn bis 30 Schafen Hilfe beim Grundschutz?

Oliver Conz Hessisches Umweltministerium

Es muss natürlich eine Bagatellgrenze geben. Einem Zahnarzt, der zwei Schafe als „Rasenmäher“ hält, kann das Land diese Kosten nicht erstatten. Ob diese Grenze bei zehn oder 20 Schafen liegen wird, wird derzeit noch geklärt. Wer darunter liegt, wird von uns trotzdem angeschrieben. Da müssen wir dann appellieren: Dieser Grundschutz nützt auch euch und allen anderen, die in der Nachbarschaft Schafe halten. Der Wolf sollte sich die Nase verbrennen, wenn er mit einem Weidezaun in Kontakt kommt.

Viele Hobbyhalter benutzen keine Elektrozäune, auch weil das an steilen Hängen oder am Waldrand kaum umzusetzen ist. Dort gibt es stattdessen Festzäune, zum Beispiel aus Maschendraht. Können die weiterhin genutzt werden?

Ja. Bei Festzäunen ist nicht so sehr die Höhe entscheidend, sondern ein guter Schutz davor, dass sich Tiere nicht darunter durchgraben können. Hier ist eine nachträgliche Elektrifizierung mit fünf bis sechs Litzen oft hilfreich. Bei Festzäunen mit Maschendraht kann der Zaun eingegraben oder durch Stromführung an der Zauninnenseite das Untergraben verhindert werden. Die Höhe sollte auf 120 Zentimeter aufgestockt werden.

Was passiert, wenn für einen Wolf der Grundschutz kein Hindernis ist, so wie bei der Stölzinger Wölfin?

Ich sehe noch keine Anzeichen dafür, dass wir in Hessen einen Wolf haben, der den Grundschutz überwunden hat.

Nach den Vorfällen hatte unsere Zeitung stets beim Rissgutachter, der vor Ort gewesen war, nach dem Zaun gefragt. Der hat in fast allen Fällen bestätigt: Der Grundschutz war gegeben.

Ich kann nicht für den Rissgutachter sprechen. Was mir vorliegt, sind Fälle, wo ich nicht erkennen konnte, dass der Grundschutz überwunden war.

Was heißt denn überwunden? Ein Wolf kann die Herde ja auch von außen so in Panik versetzen, dass sie den Zaun umrennt. Ist er dann nicht überwunden?

Das kann man natürlich behaupten, aber es ist schwierig nachzuweisen. Den Nachweis, dass ein sauber gestellter 90 Zentimeter hoher Zaun, der auch unter Strom stand, überwunden wurde, haben wir bislang nicht.

Den Nachweis wird es nie geben, es stehen keine Kameras an der Weide. Man muss im Nachhinein beurteilen, was passiert ist.

Wenn der Grundschutz überwunden ist, würde man einen intakten Zaun sehen und einen Kadaver, der auf der Weide liegt.

Und wenn das tote Schaf, wie in den meisten Fällen der Stölzinger Wölfin, außerhalb der Weide gefunden wird?

Dann frage ich mich: Wie ist das da rausgekommen? Dann sehe ich aber keinen Hinweis darauf, dass der Wolf den Zaun überwunden hat. Ich halte die Diskussion ohnehin nicht für zielführend. Die Stölzinger Wölfin ist ein Paradebeispiel dafür, dass Wölfe in der Regel nicht darauf versessen sind, Schafe zu reißen. An über 400 Tagen hat sie ihre Nahrung im Wald gefunden, an neun hat sie Weidetiere gerissen. Ich denke, dass wir das mit erhöhten Schutzmaßnahmen in den Griff bekommen.

Sie sind derzeit gegen den Abschuss der Stölzinger Wölfin. Laut Bundesnaturschutzgesetz ginge das auch nur, wenn zumutbare Alternativen ausgeschöpft sind. In der Regel heißt das: höhere Zäune. Der Schafhalterverband sagt, mehr als der Grundschutz sei wegen des Zeitaufwands nicht zumutbar.

Das Gesetz sagt nicht, dass der Schäfer für zumutbare Alternativen sorgen soll. Ich verstehe das als Auftrag an denjenigen, der die Abschussgenehmigung erteilt, also den Staat, in dem Fall an mein Ministerium. Uns ist klar, dass es für die Schäfer nicht zumutbar wäre, wenn sich ihr Zeitaufwand stark erhöht. Deswegen soll das Stellen der höheren Zäune den Haltern von Schafen und Ziegen dort, wo es schon zu Angriffen auf Nutztiere gekommen ist, abgenommen werden. Auch den Hobbyschäfern. Dafür kann zum Beispiel der Landwirtschaftliche Maschinenring angesprochen werden, der in allen Landkreisen eine Truppe dafür zur Verfügung stellen kann. Diese Dienstleistung wollen wir mit zusätzlichem Landesgeld fördern. Im Stölzinger Gebirge können wir damit kurzfristig beginnen. Auf diese Lösung bin ich stolz. Das ist innovativ – wir schreiben in unserem neuen Wolfsmanagementplan nicht nur das ab, was andere Bundesländer schon haben.

Die Aufrüstung von wirklich allen Festzäunen im Revier der Stölzinger Wölfin wird lange dauern. Was passiert, wenn es in der Zwischenzeit doch zu so vielen Übergriffen kommt, dass ein Abschuss die einzige Lösung ist?

Es ist klar, dass die Erweiterung nicht über Nacht gelingen kann. Bei den Festzäunen wird das eine gewisse Zeit dauern. Das Gesetz verlangt aber auch nicht, dass alle Schafhaltungen den erweiterten Schutz schon umgesetzt haben. Man muss aber alles Zumutbare dafür tun, und das tun wir.

Sie werden dafür kritisiert, dass Sie nicht genau sagen, wann ein Wolf abgeschossen werden muss. Bei 20 Angriffen? Bei 100 toten Schafen?

Mit der Auslegung des Paragrafen des Bundesnaturschutzgesetzes, in dem es um die Voraussetzungen für einen Abschuss von Wölfen geht, setzt sich derzeit eine Arbeitsgruppe der Umweltministerkonferenz auseinander. Es wird ein Praxisleitfaden erarbeitet, an dem Hessen beteiligt ist. Es macht keinen Sinn, dem jetzt vorzugreifen und das dann in Kürze wieder korrigieren zu müssen. Übrigens verhandeln wir auch mit den Landwirtschaftsministerien von Bund und Länern intensiv darüber, wie man die Situation der Weidetierhalterung verbessern kann – denn das ist unabhängig vom Wolf nötig. (Von Christopher Ziermann)

Zur Person

Oliver Conz (53) ist im Main-Taunus-Kreis aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann und Zivildienst bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie (HGON) absolvierte er in Frankfurt ein Jurastudium, was er 1999 abschloss. Bereits als Student engagierte sich der Vogelkundler im Naturschutz, später auch in offiziellen Funktionen wie als Vorsitzender des Rats der Stiftung Hessischer Naturschutz und der HGON. 16 Jahre lang arbeitete er beim Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft in Eschborn, bis er im Dezember 2019 Staatssekretär im Hessischen Umweltministerium wurde. Conz ist verheiratet und hat einen Sohn. (czi)

„Das kann funktionieren“

Wanfried – Der Vorschlag, dass Schäfer beim Stellen von höheren Zäunen personelle Unterstützung erhalten sollen, ist nicht gänzlich neu. Das hatte zum Beispiel der Nabu vor einem Jahr schon einmal angeregt. Das wurde damals als unrealistisch abgelehnt.

Nun könnte es doch funktionieren – da ist sich Uwe Roth aus Wanfried, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Maschinenringes Hessen, sicher. Er hat eine Kalkulation für verschiedene Zaunformen erstellt, für steile Hänge, für steinige Böden – für Festzäune, die nur einmal aufgerüstet werden müssen, ebenso wie für mobile Elektrozäune, die ständig neu aufgestellt werden. „Auch das kann funktionieren, wenn wir immer schon im Vorhinein die Weide einzäunen, auf die die Schafe als Nächstes kommen – wir wissen, dass das oft erst einen Tag im Vorhinein angekündigt werden kann“, sagt Roth.

Der Maschinenring hat Angestellte dafür und will für personell aufstocken. Die Kalkulationen Roths liegen „im Rahmen der Förderrichtlinien, die wir zur Verfügung haben“, sagt Staatssekretär Oliver Conz.

Aktualisiert Freitag, 26. Februar, 13.50 Uhr: Als Reaktion auf unser Interview hat sich ein Betroffener gemeldet. „Es enttäuscht mich maßlos, dass man im Umweltministerium offenbar nicht richtig informiert ist – oder Tatsachen leugnet“, sagt Berufsschäfer Alexander Schlauch aus Hessisch Lichtenau zu Conz‘ Aussage, die Stölzinger Wölfin habe bisher noch keine Zäune übersprungen, die dem empfohlenen Grundschutz entsprachen.

Genau das sei bei ihm passiert. Auf seiner Weidefläche auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Hessisch Lichtenau waren im April 2020 sieben Lämmer und ein Mutterschaf getötet worden.

„Der Zaun war perfekt gestellt, mit den geforderten 90 Zentimeter hohen Netzen, 5000 Volt Spannung und an den Ecken abgespannt. Und er war völlig intakt, ist also eindeutig übersprungen worden“, sagt Schlauch. Das bestätigt der Rissgutachter, der damals vor Ort war, auf Nachfrage. Dabei habe, so Schlauch, 200 Meter weiter einer seiner Herdenschutzhunde gestanden, der aber wegen der Lammzeit separat eingezäunt war. Die Hütehunde hätten an zwei Stellen am Zaun nach Spuren gesucht – weil sie den Wolf gerochen hätten. „Normalerweise halten sie sich vom Elektrozaun fern.“ Conz’ Aussagen seien kein guter Weg, um bei Weidetierhaltern für eine Koexistenz mit dem Wolf zu werben. „Ich erwarte, dass Herr Conz mich anruft und sich entschuldigt“, sagt Schlauch. (Christopher Ziermann)

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