Interview

"Rummel kippt ins Absurde": Die Einschulung wird zum Großevent

Wer ist eigentlich dieser Ernst des Lebens? Kinder haben mit dem Übergang von Kita zur Schule genug zu bewältigen. Deshalb soll durch eine überbordende Einschulungsfeier nicht noch mehr Druck aufgebaut werden.

Hersfeld-Rotenburg. Der erste Schultag ist für Kinder und ihre Familien ein Großereignis. Die Inszenierung als Event sieht der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen  kritisch. 

Gegen die "Eventisierung" sprechen laut Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands, auch pädagogische Gründe. Wir haben mit ihm über diese Entwicklung gesprochen.

Herr Wesselmann, wie kommen Sie darauf, dass eine „Eventisierung“ der Einschulung stattfindet?

Stefan Wesselmann: Zum einen aus meiner Erfahrung als Leiter einer Grundschule. Zum anderen wegen eines Angebots, das ich jetzt in Frankfurt entdeckt habe. Da bietet ein Fünf-Sterne-Luxushotel nächste Woche einen Einschulungsbrunch mit Sekt und Kinderbetreuung an. Gelesen habe ich auch von Kutschen und Clowns. Das geht zu weit.

Warum halten Sie solch einen Aufwand für kritisch?

Wesselmann: Als Pädagogen freuen wir uns natürlich, dass die Familien solchen Anteil an der schulischen Laufbahn der Kinder nehmen. Aber mir ist wichtig, daran zu erinnern: Die Einschulung ist kein Event, sondern der erste Schritt auf einem langen Weg. Solch ein Bohei um die Einschulung steigert den Erwartungsdruck unnötig.

Sollte die Einschulung aber nicht ein besonderer Tag sein?

Wesselmann: Auf jeden Fall. Ich bin sehr dafür, die Feste so zu feiern, wie sie fallen. Aber alles in Maßen. Man sollte natürlich mit der Einschulung umgehen.

Wie sieht das Ihrer Meinung nach aus?

Wesselmann: Zunächst sollte man sich über den Teilnehmerkreis der Einschulung Gedanken machen. Nur die engsten Bezugspersonen sollten mitkommen. Neben den Eltern sind das in der Regel noch die Großeltern. Ich habe in den vergangenen Jahren aber festgestellt, dass trotz sinkender Schülerzahlen die Menge an Teilnehmern an den Einschulungen stetig wächst.

Und eine Feier ist nicht sinnvoll?

Wesselmann: Doch, aber in kleinem Rahmen. Vielleicht ein gemeinsames Essen nach der Einschulung im kleinen Kreis.

Was bewirkt eine große Party zur Einschulung?

Wesselmann: So sehr sich das Kind über die Party freuen mag – es ahnt zugleich, dass die Eltern mit der Schulzeit bestimmte Erwartungen verknüpfen. So wird womöglich sehr früh ein Druck erzeugt, der kontraproduktiv ist zu den Bemühungen um eine fröhliche Einschulung und einen sanften Einstieg in den Schulalltag. Dabei haben sie es ohnehin nicht einfach, denn der Übergang vom Kindergarten zur Schule mit festen Lernzeiten ist ein erheblicher Einschnitt in ihrem Leben. Zu hoher Druck und Erwartungen sind nicht förderlich für die Lernmotivation.

Aber beginnt mit der Einschulung nicht der Ernst des Lebens?

Wesselmann: Das wird den Kindern von Erwachsenen immer eingebläut. Eltern und Großeltern weisen ganz unbewusst vor Beginn der Schulzeit immer wieder darauf hin. Das bereit Kindern unter Umständen auch Angst.

Was empfehlen Sie?

Wesselmann:Einen natürlichen Umgang mit dem Thema. Und eine Begleitung der Eltern über den ersten Schultag hinaus. Ich sehe die Rolle der Eltern darin, ihr Kind zu bestärken und zu ermutigen – auch und erst recht, wenn es früher oder später Probleme beim Lernen und Verstehen geben wird. Außerdem können sie vermitteln, dass man bei Schwierigkeiten nicht gleich aufzugeben braucht, sondern sich mit etwas Geduld und mit Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten Lösungen finden lassen.

Gilt das auch für die Hausaufgaben, die für Kinder jetzt ja neu sind?

Wesselmann: In puncto Hausaufgaben rate ich zur Zurückhaltung. Eltern sollten diese nicht korrigieren, so sehr es sie manchmal auch reizen mag. Sie sollten lediglich kontrollieren, ob die Hausaufgaben erledigt wurden. Denn andernfalls können Lehrerinnen und Lehrer nicht erkennen, was ein Kind gut oder weniger gut kann und in welchen Bereichen es individuell gefördert werden muss.

Zur Person:

Stefan Wesselmann (43) hat in Dortmund Grundschullehramt studiert und ist Schulleiter einer großen Grundschule in Rödermark im Landkreis Offenbach. Nach acht Jahren als Stellvertreter ist er seit 2013 Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen. Außerdem ist er Mitglied des Hauptpersonalrats beim Kultusministerium. Wesselmann ist verheiratet und hat zwei Kinder. (ts)

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