„Es war ein zierlicher Schädel“

Spezialistin für Phantombilder: Diese Frau gab dem Toten von Rotenburg ein Gesicht

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Auf den Spuren der Identität: Phantombildzeichnerin und Gesichtsrekonstrukteurin Liane Bellmann.

Rotenburg. Liane Bellmann kommt zum Einsatz, wenn die Polizei nicht weiß, mit wem sie es zu tun hat. Sie ist Spezialistin für Phantombilder beim Landeskriminalamt in Wiesbaden.

Sie hat das Gesicht des Toten aus Rotenburg rekonstruiert. Als Ausgangspunkte hatte sie lediglich den Schädel des Mannes und die Informationen aus der Rechtsmedizin.

Die Gesichtsweichteilrekonstruktion gibt dem knöchernen Schädel künstlich zurück, was ihm fehlt: Weichteile. Gewebe. Zunächst wurden beim Landeskriminalamt Rundum-Aufnahmen gemacht. Per 3 D-Druck entstand dann eine identische Plastikkopie des Schädels, mit der die Spezialistin arbeitete.

Für die Rekonstruktion greift Bellmann auf sogenannte Landmarken zurück, die angeben, wie dick das Gewebe im Gesicht an bestimmten Stellen ist. Es handelt sich um wissenschaftlich ermittelte, typische Werte. Abhängig sind sie von mehreren Faktoren: vom Geschlecht, dem Lebensalter und der Herkunft (etwa europäisch, asiatisch oder afrikanisch). 

Bellmann bringt Plastikstäbchen in entsprechender Länge an dem Schädel an. Die so markierten Bereiche werden mit Modelliermasse „aufgepolstert“. Wangen, Nase und Kinn bekommen mit diesem künstlichen Gewebe ihre Form.

Weil der Schädel die Form vorgibt: Nicht alle Rekonstruierten Gesichter sind gleich

„Menschliche Schädel sind sehr individuell“, sagt Liane Bellmann. Bei der Kombination von Merkmalen wie der Form von Wange, Nasenrücken und Augenhöhlen gibt es millionen verschiedene Möglichkeiten – ein knöcherner Fingerabdruck. Weil der Schädel die grundlegende Gesichtsform vorgibt, sehen also nicht alle europäischen Männer im mittleren Alter nach einer Rekonstruktion gleich aus.

Die Rechtsmedizin liefert weitere Hinweise: Wurden Haare bei der Leiche gefunden? Hatte der Tote eine kräftige oder schlanke Statur? Für Bellmann sind das wichtige Indizien. Selbst die Zähne des Verstorbenen können helfen: vorstehende Zahnpartien und Lücken machen ein Gesicht markant. „Subjektive Interpretationsansätze“ nennt Bellmann das.

Überreste des Toten waren über ein Waldstück bei Rotenburg verstreut: Die Polizei suchte vor zwei Jahren auf abschüssigem Gelände nach weiteren Skelettteilen.

„Eine Rekonstruktion hat auch etwas künstlerisches“, sagt sie. Doch bei aller die Wissenschaft ergänzenden Kunst gebe es Grenzen: „Wenn es keine Hinweise auf Auffälligkeiten gibt, macht man auch keine“, erklärt Bellmann. Das habe sie bei ihrer Ausbildung 2004 in der FBI-Akademie in Quantico, Virginia, gelernt. Deutlich wird das bei den Augen: Waren sie braun? Grün? Ein Schädel liefert darauf keine Hinweise – also lässt die Rekonstrukteurin sie weg.

„Am auffälligsten beim Rotenburger Fall war der sehr zierliche Schädel“, sagt Bellmann. Weil zunächst nur der Kopf gefunden wurde, vermutete die Rechtsmedizin eine Frauenleiche. Die weiteren Körperteile lagen am Fundort verstreut. Im Mund des Toten fielen den Rechtsmedizinern hochwertige Kronen auf. Große Abweichungen von der von uns als normal empfundenen Gesichtsform – Kinn, Nasenwurzel, Augenbrauen und Haaransatz liegen jeweils in ähnlichem Abstand zueinander – lagen nicht vor. „Bei anderen Fällen gab es deutlichere Auffälligkeiten“, sagt die Spezialistin über den Fall.

Die aufwendige Rekonstruktion wird nur in besonderen Fällen eingesetzt

Eine GWR ist dann hilfreich, wenn ein Toter nicht identifizierbar ist und eventuell zudem nicht vermisst wird. Es also keine Vergleichsmöglichkeiten für DNA, kein Bildmaterial, kaum Ermittlungsansätze gibt. Das ist eher selten: Für Liane Bellmann war es die Zweite mit kriminalistischem Hintergrund, weitere Erfahrung hat sie bei zeichnerischen Rekonstruktionen und einem historischen Fund gesammelt. Zudem ist die Methode aufwendig: Ein Fall wie der aus Rotenburg beschäftigt die Spezialistin vom LKA etwa drei Tage.

In dieser Zeit hängt an ihrer Bürotür ein „Bitte nicht stören“-Schild. Während die Arbeit der Fernseh-Ermittler von CSI und Co. stets mit wummernder Musik unterlegt ist, braucht Liane Bellmann vor allem Ruhe: „Früher hätte man gesagt: Es braucht Muße.“

Quelle: HNA

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