Schulamtsleiterin: Elternsorgen unbegründet

Erfolgsmodell unter Druck: Keine weiteren Stunden für Kooperationsklassen in Rotenburg

Es ist ein Erfolgsmodell der Inklusion: Seit etwa 25 Jahren gibt es die Kooperationsklasse von der Heinrich-Auel-Schule (HAS) und der Jakob-Grimm-Schule (JGS) in Rotenburg.

Schüler der Förderschule wechseln nach der Hauptstufe und machen an der JGS im 9. Schuljahr ihren Hauptschulabschluss. Jetzt sehen Eltern das Modell in Gefahr.

Der Grund für die Unruhe: Der Heinrich-Auel-Förderschule sind Unterrichtsstunden gestrichen worden. Bisher war die frühere Gelenk- und heutige Kooperationsklasse geteilt: Im ersten Halbjahr blieben die Mädchen und Jungen noch Schüler der HAS, um ihnen eine Sicherheit zu geben, falls sie im Hauptschulzweig überfordert wären. Erst im zweiten Halbjahr wurden sie ganz offiziell zu JGS-Schülern. Den Unterricht teilten sich Lehrkräfte von beiden Schulen.

Jetzt ist die Stundenzuweisung des Staatlichen Schulamts für diesen Unterricht komplett an die JGS gegangen. Dennoch sollen die Lehrkräfte der HAS die Kooperationsvereinbarung einhalten und in der Klasse weiter unterrichten. Die benötigten Stunden dafür soll die Schule aus ihrem eigenen Pool als Förderschule und dem angegliederten Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) abdecken (16 Stellen).

Anita Hofmann, die Leiterin des Staatlichen Schulamts, erkennt den Erfolg der Kooperationsklassen durchaus an und will im Grundsatz daran festhalten. Sie müsse aber darauf achten, dass die vom Kultusministerium garantierte Stundenzuweisung für Förderschulen und inklusiven Unterricht regelkonform eingesetzt wird.

Anita Hofmann, Leiterin des Staatlichen Schulamtes Bebra

Inklusiver Unterricht wird dadurch ermöglicht, dass Sonderpädagogen des Beratungs- und Förderzentrums (BFZ) in den allgemeinbildenden Schulen Kinder unterstützen, die besonderen Förderbedarf haben. Wenn es aus Krankheitsgründen oder Schwangerschaften zu Personalknappheit kommt, muss vorrangig der inklusive Unterricht abgedeckt werden, sagt Hofmann. Allerdings herrscht ohnehin chronische Personalknappheit an Förderschulen. Ausfälle sind kaum zu kompensieren.

Die Heinrich-Auel-Schule (125 Schüler) dürfe eigentlich nur acht Klassen bilden, hat aber neun eingerichtet. Das trägt das Schulamt bislang mit und teilt auch entsprechend Lehrerstunden zu, erklärt Hofmann.

Aber man sei schon im Sinne der Gleichbehandlung mit anderen Förderschulen nicht gewillt, weitere Stunden zuzuweisen, da die Kinder nun von Schuljahresbeginn an der JGS zugeordnet würden. Auch das sei im Sinne der Inklusion, schließlich bekämen sie auch das Abschlusszeugnis einer allgemeinbildenden Schule. „Das funktioniert zum Beispiel auch an der Geistalschule in Bad Hersfeld seit Jahren“, sagt Hofmann.

Elternsorgen seien aber unbegründet. Mit dem Eintritt in das System der allgemeinbildenden Schule sei zwar der Förderanspruch der Schüler erloschen. Dennoch werde sich für die Kinder nichts ändern, weil sie weiterhin auch von den ausgebildeten Sonderpädagogen in einer kleinen Lerngruppe unterrichtet würden, ergänzt die Amtsleiterin. „Das müssen sie auch“, sagt JGS-Schulleiterin Sabine Amlung. „Es gibt in diesem Bereich eine andere pädagogische Herangehensweise, für die unsere Kollegen nicht ausgebildet sind.“ Ohne Unterrichtsstunden der Sonderpädagogen sei das Modell nicht fortzusetzen. Auch Amlung nennt das bisherige Modell einen „absoluten Erfolg“ und berichtet, dass in diesem Jahr zehn Schüler einen qualifizierten und zwei weitere den einfachen Hauptschulabschluss geschafft hätten.

Ein Kommentar von HNA-Redakteurin Silke Schäfer-Marg

Einig sind sich alle, dass das System funktioniert. Förderschüler, häufig noch stigmatisiert, haben die Chance, an der Jakob-Grimm-Schule den Hauptschulabschluss zu erreichen. Das geschieht in einer kleinen Lerngruppe und mit Unterstützung ihrer ehemaligen Lehrer von der Heinrich-Auel-Schule und den für sie neuen Haupt- und Realschullehrern der JGS. Am Ende steht bestenfalls ein Zeugnis, das Basis für eine berufliche Zukunft sein kann. 

Inklusion, also Unterricht von Schülern mit Förderbedarf an einer allgemeinbildenden Schule, wird somit vorbildlich umgesetzt. Allerdings soll dies nun allein zulasten der Förderschule gehen, die personell ohnehin am Limit arbeitet. Zum Teil selbst verschuldet, heißt es im Schulamt, weil die Schule aus pädagogischen Gründen eine Klasse mehr bildet, als sie sollte. Das tut sie, weil man sich in kleinen Klassen intensiver um Schüler kümmern kann. 

Damit sind wir beim Kernproblem: Lehrermangel, dem durch Rechenmodelle begegnet wird. Kein Ministerium kann Sonderpädagogen aus dem Hut zaubern. Und sie schon gar nicht aufs flache Land zwingen. Allerdings kann es die Zugangsbedingungen zum Studium erleichtern und mehr Studienplätze einrichten. Das kostet erst mal Geld. Aber wie viel Geld kostet es, das Leben von Menschen zu finanzieren, die schlechte Startbedingungen für eine berufliche Zukunft haben und dann vielleicht niemals auf eigenen Füßen stehen werden?

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