Großes Fichtensterben durch Klima und Schädlinge

50 Hektar sind verloren: Düstere Prognose für den Rotenburger Stadtwald 

+
Zeitenwende im Wald: Forstamtsleiter Dr. Hans-Werner Führer (links) und Revierförster Helmut Müller erklärten am Samstag, wie kritisch die Situation des Stadtwaldes südlich von Mündershausen ist.

Blauer Himmel. Sonnenschein. Perfektes Wetter für einen Spaziergang im Rotenburger Stadtwald. Wald? Südlich von Mündershausen wird es plötzlich kahl.  

Dort stehen die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses der Fuldastadt am Samstag. Vor einer kahlen Fläche, auf der einmal dichte Fichten für Schatten sorgten. Das Gremium der Stadt Rotenburg muss später den Forstwirtschaftsplan 2020 beschließen (siehe Hintergrund unten).

„Dies ist repräsentativ für den Zustand des Waldes insgesamt“, sagt Helmut Müller von Hessen-Forst am Samstagmorgen. Der Leiter der Revierförsterei Braach, der zurzeit auch kommissarisch für die Revierleitung Rotenburg zuständig ist, spricht es offen aus: „Die Fichte verschwindet. Ursache ist der Klimawandel mit häufigen extremen Wetterlagen“.

Forstamtsleiter Dr. Hans-Werner Führer macht wenig Mut. Fichten brauchen gemäßigte Temperaturen und viel Wasser. Beides fehlte während der zwei vergangenen trockenen Sommer, die den Rotenburger Stadtwald in einen sehr schlechten Zustand gebracht haben. Ein leichtes Spiel für Schädlinge. Borkenkäfer haben Labyrinthe aus Gängen in die Rinden gefressen, die Wasserzufuhr der Bäume gestört und damit deren Absterben verursacht.

Bis zu 95 Prozent der älteren Fichten haben Sturm und Schädling nicht überstanden

50 Hektar der Stadtwaldfläche sind davon betroffen. Die Fichten südlich von Mündershausen habe es im besten Alter erwischt, mit knapp 50 Jahren, sagen die Forstleute. Eigentlich könnten sie 200 Jahre alt werden. Das schafften inzwischen nur wenige. In den Jahren 2018 und 2019 seien im Stadtwald durch Sturm und Käfer bis zu 95 Prozent des älteren Fichten-Bestands verloren gegangen.

Aus erster Hand: Die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses der Stadt Rotenburg ließen sich vor Ort über den Zustand des Stadtwaldes informieren.

Durch das Überangebot an Schadholz seien die Verkaufspreise einiger Holzarten in den Keller gegangen. „Ein Stockverkauf von drei Euro wäre noch besser, als drauflegen zu müssen“, betonen die Forstbeamten. Gleichzeitig würden auch die Kosten bei der Holzernte wegen strengerer Vorschriften zur Arbeitssicherheit steigen. Eingriffe entlang von Straßen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, seien aufwendig und damit teurer.

"Fichte wird nie wieder die gewohnte Holzmenge liefern"

Der sehr heiße Sommer 2018 sei zwar ein Extremfall gewesen, aber auch eine Vorschau, in welche Richtung das Klima in Deutschland langfristig steuere. „Faktisch haben wir das Rennen verloren. Aber wir geben nicht auf“, versucht Dr. Führer zu ermutigen. Darum müssten heute schon Bäume gepflanzt werden, die für die zukünftigen Bedingungen geeignet seien: Douglasien, Kiefern, Lärchen, Buchen, Pappeln oder auch die in südlichen Ländern verbreiteten Zedern.

„Da fehlt aber die Riesenmenge an Holz für die Sägeindustrie“, sagen die Forstleute. Geld habe allein die Fichte gebracht, die „nie wieder die Holzmenge liefern wird, die wir gewohnt sind“. Sie sei das „Sparbuch im Stadtwald“ gewesen, so Führer, auf das man zurückgreifen konnte, „wenn es mal eng wird. Dieser Joker ist jetzt weg“.

Künftig werde es einen gemischten Bestand geben müssen, mindestens vier Baumarten pro Fläche. „Es werden weniger Einnahmen sein, mehr Kosten und mehr Machbarkeitsstudien. Wir müssen künftig immer nach B-Lösungen suchen. Und mit dem arbeiten, was die Natur uns vorgibt“, bringt es Revierförster Helmut Müller auf den Punkt.

Hintergrund: Letzter Wirtschaftsplan für den Stadtwald von Hessen-Forst

Es war das letzte Mal, dass ein Wirtschaftsplan für den Stadtwald Rotenburg vom Landesbetrieb Hessen-Forst erarbeitet wurde. Denn Mitte nächsten Jahres wird ein anderer, privater Dienstleister für den Stadtwald zuständig sein. 

In der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am Samstagnachmittag wurde der Forstwirtschaftsplan für 2020 mit einem Gewinn von 101 841 Euro einstimmig beschlossen. Dabei stehen den Erlösen von rund 870 00 Euro Kosten von 768 000 Euro gegenüber. Dies sei jedoch von den Einnahmen aus dem Holzverkauf abhängig, räumte Forstamtsleiter Dr. Hans-Werner Führer ein.

Quelle: HNA

Kommentare