Interview zum Phänomen Kater

Chemieprofessor über Morgen nach durchzechter Nacht: "Das Konterbier ist Unsinn"

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Macht alleine müde und in Gruppen zügellos: Wer beim Alkoholgenuss übertreibt, hat so oder so einen Kater.

In der heißen Phase der Faschingszeit liegen Freud und Leid einer feucht-fröhlichen Nacht bekanntlich nah zusammen. Chemieprofessor Prof. Dr. Klaus Roth erklärt das Phänomen Kater. 

Der Wissenschaftler aus Berlin spricht am Donnerstagabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Wissenschaft trifft Schule" in der Aula der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg und erklärt die Folgen einer durchzechten Nacht - anschaulich und pointiert. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Herr Roth, ist der Morgen nach der durchzechten Nacht für den Körper wie die Müllbeseitigung nach dem Silvesterfeuerwerk?

Ja und nein. Das große chemische Rätsel beim Kater ist, dass der Alkohol vom Körper schon völlig abgebaut ist, wenn die Probleme auftreten. Dabei sind das schwere Symptome: Sie können kaum laufen, haben Durchfall, schwitzen und übergeben sich. Sie fühlen sich also dem Tod näher als dem Leben. Ohne die durchzechte Nacht vorher würde man sofort in die Notaufnahme fahren. Das Paradoxe ist: Der Übeltäter, also der Alkohol und in Ihrem Beispiel der Müll, ist da schon weg.

Warum geht es uns dann so schlecht?

Der Körper baut den Alkohol durch Sauerstoffreaktionen ab. Nicht direkt mit dem Sauerstoff, den wir einatmen, sondern er baut daraus ein spezielles Oxidationsmittel, den Sauerstoffvertreter NAD. Davon gibt es ein gewisses Reservoir. Das ist am Morgen, nachdem gesoffen wurde, sozusagen verbraucht und muss neu hergestellt werden. Weil es für hunderte Reaktionen im Körper gebraucht wird, erklärt das die vielen Kater-Symptome. Das ist wie ein Sauerstoffmangel. Und je älter wir werden, desto länger leiden wir, weil der Stoffwechsel nicht mehr so wie in jungen Jahren funktioniert.

Warum tun wir uns das immer wieder an?

Alkohol wirkt beruhigend, er greift den gleichen Rezeptor wie Beruhigungsmittel an. Im Krankenhaus heißen sie auch „Leck-mich-am-Arsch-Tabletten“, weil sie enthemmend wirken. Wer alleine Alkohol trinkt, wird müde. Wer in anregender Gesellschaft trinkt, wird euphorisch und zögert nicht, mal einen schmutzigen Witz zu erzählen.

Je entspannter der Körper, desto schneller lässt man sich also gehen?

Ja, oder können Sie mir erklären, warum Leute Karaoke machen? Die können das nur, wenn sie was getrunken haben. Man schämt sich nicht, selbst wenn man Dinge grottenschlecht macht.

Können Sie überhaupt noch eine feucht-fröhliche Nacht genießen?

Ja, besonders den fröhlichen Teil. (lacht) Ich bin kein Abstinenzler. Wenn’s mal zuviel wird, hilft mir das Wissen um die Folgen aber auch nicht.

Hausrezepte gibt es jede Menge, aber was hilft wirklich gegen den Kater?

Im Grunde ist das alles Unsinn. Den fehlenden Sauerstoffvertreter kann man nicht essen, den muss der Körper selbst machen und das dauert seine Zeit. Man kann nur an den Symptomen rumdoktern.

Wie ist es mit dem legendären Konterbier?

Damit fängt man wieder von vorne an, biochemisch ist das also unsinnig. Weil Alkohol beruhigt, werden die Symptome natürlich etwas ruhiger.

Gibt es Alkohol, der dem Körper besonders zusetzt? Die Bad Hersfelder schwören auf ihr Lullusfeuer...

Man trinkt ja keinen reinen Alkohol, und in einigen Getränken sind Stoffe drin, die nicht so zuträglich sind. Untersuchungen haben ergeben, dass besonders fuselölhaltige Getränke wie Martini und Portweine durchschlagen. Bei den Spirituosen ist es genauso: Die helleren wie Vodka, die sauber destiliert werden, sind verträglicher als beispielsweise Whisky. Es gibt aber auch Untersuchungen, die keinen Unterschied feststellen.

Was ist mit der Reihenfolge beim Trinken? „Bier auf Wein, das lass sein...“?

Das ist für den Kater am nächsten Tag egal. Es kommt auf die Menge des Alkohols und nicht die Reihenfolge an. Tut mir leid, ein richtiges Rezept gibt es da nicht. (lacht) Witzigerweise sind die Merkregeln wie „Wein auf Bier, das rat ich dir“ im Deutschen und Englischen genau umgedreht.

Zur Person

Prof. Dr. Klaus Roth (74) ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Der Professor für organische Chemie dozierte für zwei Jahre an der Universität von Kalifornien in den USA und arbeitete am Institut für medizinische Forschung in London, bevor er bis zu seinem Ruhestand an die Freie Universität in Berlin zurückkehrte. Roth ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der Vortrag von Prof. Dr. Klaus Roth findet am Donnerstag, 28. Februar, in der Aula der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg statt. Der Titel: "Die chemischen Freuden und Leiden einer feuchtfröhlichen Nacht". Beginn des Vortrags im Rahmen der Reihe „Wissenschaft trifft Schule“ ist um 19 Uhr, gesponsort wird er vom Lions Club Bebra-Rotenburg.

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