Dorfbewohner sind frustriert

„Von der Politik kommt nur Blabla“: Rotenburger Ortsteil Atzelrode ist Funkloch

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Mit einem Handy ist hier nichts anzufangen: Ortsvorsteher Karl Friedrich Schnaar vor dem DGH in Atzelrode.

Was es heißt, in einem Funkloch zu leben, haben die Atzelröder erst kürzlich wieder erfahren: Eine Rentnerin hatte einen Schlaganfall, ein Notarzt musste gerufen werden. Nur wie?

Atzelrode ist eins von vier Dörfern im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, das zu großen Teilen im digitalen Mittelalter liegt – denn es gibt keinen Mobilfunkempfang.

Im Rotenburger Ortsteil kommen außerdem noch massive Probleme mit dem Festnetz dazu (wir berichteten). Immer wieder bricht die Leitung ab – so auch, als der Ehemann der Rentnerin den Notruf gewählt hatte. Handyempfang gibt es in Atzelrode nur an einigen, vor allem höher gelegenen Stellen. „Es hat ungefähr zwei Stunden gedauert, bis mit Hilfe der Nachbarn endlich der Notarzt alarmiert werden konnte“, sagt Ortsvorsteher Karl Friedrich Schnaar.

Er sagt mit Nachdruck: „Wir sind alle enttäuscht. Von der Politik kommt nur Blabla“, sagt Schnaar. Medizinische Notfälle seien nur ein Aspekt der Konsequenzen aus dem nicht vorhandenen Handynetz. Im Sommer habe er Kontakt mit einer jungen Familie gehabt, die Interesse an einem Haus in Atzelrode hatte. „Sie haben gesagt, dass ihnen die Landschaft bei uns sehr gut gefällt. Aber als sie von den Problemen mit dem Festnetz und dem Mobilfunk gehört haben, haben sie sich dann anderweitig umgeschaut“, erzählt der Ortsvorsteher.

Auch für einen Vermögensberater, der sein Büro in dem Dorf hat, sei die Problematik ein ständiges Ärgernis. Viele Kunden wollten vor Ort noch mal telefonieren – aber das geht nicht.

Schon mehrfach haben der Ortsvorsteher und auch Bürgermeister Christian Grunwald auf das Problem hingewiesen. „Wir werden hingehalten, wir werden vertröstet. Das ist unglaublich. Wir wollen nicht weiter an der Nase herumgeführt werden“, sagt Schnaar. Er erwarte klare Aussagen von Politikern und Mobilfunkunternehmen, was passieren solle.

Bürgermeister Grunwald ist nicht minder frustriert über die Situation in dem Dorf mit seinen rund 150 Einwohnern, zu dem auch Wüstefeld und das Gut Alte Teich gehören. „Es geht um die Zukunft des Ortes. Wir sind da leider abhängig von den Mobilfunkanbietern. Das ist denen klar – aber auch egal“, sagt Grunwald. Er betont: Die öffentliche Hand kümmere sich darum, dass auch zum entlegensten Hof Wasserleitungen gelegt und in Ordnung gehalten würden und frage nicht nach der Wirtschaftlichkeit. Bei den Mobilfunkunternehmen sei das leider anders. „Wir bleiben dran – können aber nur Wünsche äußern.“

Kreis Hersfeld-Rotenburg will Pilotregion werden

Die SPD möchte, dass der Kreis Hersfeld-Rotenburg zur Modellregion für den G5-Mobilfunkstandard im ländlichen Raum wird. Einen entsprechenden Antrag hatten die Sozialdemokraten bei der jüngsten Sitzung des Kreistags kurz vor Weihnachten eingebracht. 

Der SPD-Landtagsabgeordnete Torsten Warnecke hatte in der Sitzung „doofe Sprüche“ wie ‘man brauche das schnelle G5-Netz nicht an jeder Milchkanne“, wie sie unlängst CDU-Forschungsministerin Anja Karliczek formulierte, scharf kritisiert. Gerade hier im „exportorientiertesten Landkreis Nordhessens“ benötige man das schnelle Netz, um die örtlichen Unternehmen zu halten. Zudem sei flächendeckendes G5-Netz auch für Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren wichtig. „Es fehlt aber überall an Funkmasten, weil die Firmen meinen, es lohnt sich nicht“ kritisierte Warnecke. 

Torsten Warnecke

Für die CDU gab deren Kreisvorsitzender Timo Lübeck zu bedenken, dass man als Modellregion vermutlich bessere Chancen habe, wenn man sich in einem größeren und bereits bewährten Verbund, wie der „Breitband Nordhessen“ bewerbe. Denn die Konkurrenz vor allem auch der Technologie-Standorte in Südhessen schlafe nicht. Dazu brachte die CDU auch einen entsprechenden Änderungsantrag ein. 

Timo Lübeck

Auch die SPD erkennt die Konkurrenzsituation in ihrem Antrag. Gießen und der Landkreis Darmstadt-Dieburg seien bereits initiativ geworden, heißt es dort. Die SPD warnt davor, das der ländliche Raum ins Hintertreffen gerate. 

Landrat Dr. Michael Koch, der zugleich Aufsichtsratschef der Breitband Nordhessen ist, wies darauf hin, dass „Pilotprojekte immer eine Eigenbeteiligung erfordern – das könnte unseren Kreis Millionen kosten“, gab er zu bedenken. Koch plädierte auch dafür, sich mit der Breitband Nordhessen als Pilotregion zu bewerben. „Da sitzt die Kompetenz“, sagte er und verwies auf die gute Zusammenarbeit mit den anderen Kreisen. 

Das überzeugte wohl auch die SPD. Um Feinheiten und die genaue Bewerbung als Pilotregion für den G5-Standard auszuarbeiten, wurde der SPD-Antrag mit der CDU-Ergänzung einstimmig an den Ausschuss für Wirtschaft, Verkehr und Tourismus überwiesen. 

Demnächst soll der Kreistag erneut über das Thema beraten.

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