Wasserbau-Experte aus Rotenburg

Verbündet mit dem Biber: Interview zum Hochwasserschutz mit Heinrich Wacker

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Ohne Angst am Fluss: Der Diplom-Ingenieur und Wasserbau-Experte Heinrich Wacker am Fulda-Wehr in Rotenburg. Die Stadt hat unter seiner Regie besonders viel für den Hochwasserschutz getan. 

Hersfeld-Rotenburg. Winterzeit ist oft auch Hochwasserzeit: Gerade tritt der Rhein wieder über seine Ufer, und auch die Fulda hat in diesem Jahr schon ihr Bett verlassen. Über den Hochwasserschutz in der Region sprach Kai A. Struthoff mit dem Wasserbau-Experten Heinrich Wacker aus Rotenburg.

Herr Wacker, wenn der Schnee auf der Wasserkuppe schmilzt und es bei uns regnet, geht dann Ihr Blick sorgenvoll zum Himmel oder können wir hier beruhigt sein?

Heinrich Wacker:Beruhigt sein, kann man bei Hochwasser nie. Aber bislang ist die Situation noch sehr entspannt. Außerdem gibt es inzwischen sehr zuverlässige Hochwasservorhersagen im Internet. Diese Prognosen des Regierungspräsidiums sind sehr gut, sodass man sich rechtzeitig vorbereiten kann.

Aber auch die besten Vorhersagen können ein Hochwasser nicht verhindern. Wie ist unsere Region für extreme Pegelstände gerüstet?

Wacker: Das letzte Extremhochwasser hatten wir hier 1995, davor 1984. Und das größte Hochwasser, das ich rekonstruieren konnte, war 1841. Gemessen daran, ist das jüngste Hochwasser von Anfang Januar mit 120 Kubikmetern Wasser pro Sekunde kaum erwähnenswert. 1995 waren es über 660 Kubikmeter. 1841 dürften es sogar 1000 Kubikmeter gewesen sein. Bis zu 500 Kubikmeter werden wir nach den Flussrenaturierungsmaßnahmen ohne größere Schäden verkraften. Aber bei allem, was darüber geht, holt sich der Fluss seinen Raum zurück, und es werden auch viele Häuser in Rotenburg betroffen sein. Doch das sind Jahrhunderthochwasser, die nicht einmal in einer Lebensspanne unbedingt eintreten müssen.

Trotzdem erinnere ich mich mit meinen gut 50 Jahren an mehrere Jahrhundert- und sogar Jahrtausendhochwasser – weltweit, versteht sich, nicht vor Ort. Passiert das nicht immer öfter?

Wacker: Die Berichterstattung ist besser geworden, deshalb ist auch Hochwasser stärker in unserem Bewusstsein, auch wenn es an Donau, Rhein und Elbe ist. Statistisch gesehen gibt es keine so großen Verschiebungen. Statt dessen hatten wir jetzt sogar mehrere sehr trockene Jahre, mit ausgetrockneten Flüssen und versiegten Quellen. Erst ab Juni 2017 hat nach zwei Trockenjahren die aktuelle Regenperiode begonnen, und das Grundwasser ist wieder aufgefüllt.

Also alles kein Problem, oder sehen Sie bei uns doch noch Handlungsbedarf in Sachen Hochwasserschutz?

Wacker: Es gibt viele gute Gründe, den Flüssen mehr Platz zu geben. Früher hatten wir viel öfter zum Beispiel hier in Rotenburg Feuerwehreinsätze bei Hochwasser, weil der Flusslauf unterhalb der Stadt verbaut war. Das haben wir rückgebaut und deshalb jetzt die Situation besser im Griff. An der Werra hat das Hochwasser 2011 große Schäden angerichtet. Für die sogenannten zehn-jährigen Hochwasser-Ereignisse sind wir durch naturnahe Maßnahmen gut gerüstet. Aber wenn das tausend-jährige Hochwasser durchs Fuldatal kommt, kann weder technischer Hochwasserschutz noch naturnaher Bau große Schäden vermeiden.

Da helfen dann auch keine genauen Prognosen?

Wacker: Nein, aber man kann sich dadurch besser vorbereiten, was aber auch eine Frage von Kosten und Nutzen ist. Keiner weiß, wann das nächste Jahrhunderthochwasser kommt. Zur Zeit sind unsere Böden voll wassergesättigt. Wenn jetzt eine starke Regenfront käme, könnten wir sogar ohne Schnee ein Extremhochwasser bekommen.

Sie haben jetzt viel von Rotenburg gesprochen. Ist auch Bad Hersfeld gut gerüstet?

Wacker: Bad Hersfeld mit seinen Ausdehnungen kann nicht eins zu eins mit Rotenburg verglichen werden. In Ludwigsau und Blankenheim greifen die Renaturierungsmaßnahmen. In Bad Hersfeld ist vor allem die Fuldabrücke ein großer Engpass. Immerhin gibt es ja Niederaula. Dort ist ein natürlicher Retentionsraum, der sehr viel Wasser aufnimmt. Damit müssen dort die Bauern leben. Die Fulda hat aber immerhin noch 90 Prozent ihres natürlichen Raums. Hochwasser an der Fulda wäre viel höher, wäre sie eingedeicht wie Elbe und Rhein.

An den Breitenbacher Seen bei Bebra ist im vergangenen Jahr ein neuer Flussarm entstanden. Wie gehen die Arbeiten dort voran?

Wacker: Der Flussarm ist fertig, und er schützt den Freizeitsee bei Hochwasser vor einem Nährstoffeintrag durch Überflutung. Das hat bislang auch gut funktioniert. Die braune Brühe des aktuellen Hochwassers fließt am See vorbei.

Hätten Sie denn selbst gern ein Haus direkt an der Fulda?

Wacker: Ich wohne sehr schön außerhalb des Überschwemmungsgebiets und schaue gern von oben in die Fuldaaue. Aber jeder, der dort ein Haus hat, darf sich nicht auf den Hochwasserentlastungen der Stadt ausruhen, sondern muss zusätzlich für extreme Hochwasser selbst vorsorgen. Dazu beraten wir gern. Außerdem haben wir einen neuen Verbündeten im Kampf gegen Hochwasserspitzen: Den Biber, der zunehmend auch in den Nebenflüssen der Fulda seine Dämme baut. Jeder Damm wirkt wie ein kleiner Hochwasserpuffer.

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