Eine Metalldose als Kocher

An die Kälte gewöhnt: Obdachloser lebt seit Monaten unter Brücke in Rotenburg

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An die Kälte gewöhnt: Jürgen Quilitz lebt seit über 20 Jahren auf der Straße. Seit einigen Monaten hat er sein Lager unter der Brücke der Städtepartnerschaften in Rotenburg aufgeschlagen.

Nur wenige Menschen kümmern sich um ihn, viele bemerken den 55-Jährigen gar nicht. Seit Monaten lebt Jürgen Quilitz unter einer Brücke in Rotenburg. Wir haben mit ihm gesprochen.  

Es gibt Menschen, die sich um Jürgen Quilitz sorgen. Ein Mann bringt ihm jeden Morgen eine Kanne Kaffee, andere geben ihm täglich etwas zu Essen. Der 55-jährige und ganz offenbar stark hilfsbedürftige Mann lebt seit mehreren Monaten unter der Brücke der Städtepartnerschaften in Rotenburg.

Die schmächtige Gestalt in einem dünnen und zerschlissenen Schlafsack fällt vielen, die unweit ihr Auto parken, gar nicht auf. Ein paar schmutzige Tüten mit Quilitz’ Habseligkeiten umgeben ihn. Eine alte Metalldose benutzt er als Kocher. Auf einem flachen Stein liegen aufgereiht einige noch nicht ganz aufgerauchte Zigarillos, während leise Musik aus einem kleinen Radio ertönt.

Vom Militärdienst zum Zirkus - ein Fehler, sagt er heute

Menschen, die Quilitz ansprechen, blickt er aus glasigen Augen freundlich an. Bereitwillig erzählt er mit sächsischem Dialekt von sich: Jürgen Quilitz stammt aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt und arbeitete als Maurer bei der DDR-Reichsbahn. 1989 wurde er noch zum Militär eingezogen, diente einige Monate bei der NVA und für kurze Zeit bei der Bundeswehr.

Danach, sagt Quilitz, habe er „einen Fehler gemacht“. Er reiste mit einem Zirkus mit. Dort gab es kein Geld, dafür „die Knute“, wie er erzählt. Die Teilnahme an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme scheiterte vor über 20 Jahren. Seither ist er mit kurzen Unterbrechungen obdachlos. Alle Versuche, wieder in einer Wohnung zu leben, gingen schief. Der letzte Vermieter, berichtet Quilitz, habe ihm in die Ferse getreten.

Er kam mit dem Cantus von Melsungen

Bis Juni diesen Jahres lebte Jürgen Quilitz mehrere Monate lang unter einer Brücke in Melsungen. Das Ordnungsamt der Stadt, sagt er, habe ihn dann aufgefordert zu gehen. Mit dem Cantus fuhr Quilitz nach Rotenburg. Gut zu Fuß ist er nicht. Wegen einer Verletzung am Bein bewegt er sich mit einem Rollator, der neben seinem Lager steht.

Er habe hier in Rotenburg keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht, sagt Quilitz, auch wenn er im nahegelegenen Getränkemarkt Hausverbot hat. Am Morgen hat ihm jemand zwei Paar Schuhe und einige warme Kleidungsstücke gebracht. Über die Kälte sagt er, dass man sich daran gewöhne. Ob er jetzt, vor Weihnachten, einen Wunsch habe? Jürgen Quilitz überlegt. „Da finde ich jetzt keine Antwort.“

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