"Nicht nachvollziehbar, woher die Milch kommt"

Kritik an der fairen Milch: Heimische Landwirte haben Vertrag gekündigt

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Kritik am aktuellen Konzept: Reiner Orth aus Bad Hersfeld (Mitte, hier auf einem Archivbild mit dem Milchbauern Ralf Krug aus Beuern (Schwalm-Eder-Kreis), glaubt nicht, dass die faire Milch noch fair ist.

Die Milch, die auch in Hersfeld-Rotenburg als „faire Milch“ in Supermärkten steht, sei nicht so fair wie behauptet: Diesen Vorwurf erheben einige der bisherigen Lieferanten.

Das Produkt sei eine Mogelpackung, sagt etwa Reiner Orth, Milchbauer aus Bad Hersfeld. „In der Tüte ist keine faire Milch mehr drin.“ Das wird von anderer Seite zurückgewiesen – von der Firma Die faire Milch Vermarkungs-GmbH (DFM), die die Milch vermarktet, und von anderen Landwirten.

Das Produkt wurde seit Markteinführung 2010 damit beworben, dass Milchbauern fair bezahlt würden – mit 40, später 45 Cent pro Liter. Doch tatsächlich hätten sie lediglich zwischen 22 und 38 Cent erhalten, sagt Orth. Die Lieferanten – zehn Landwirte aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Kassel, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg, Fulda und Vogelsberg – hatten ihren Vertrag mit DFM zum Jahresbeginn gekündigt.

Sie forderten einen neuen Vertrag mit besserer Bezahlung. Doch dazu kam es nicht. Die bisherigen Lieferanten verkaufen ihre Milch nun zum Beispiel an die Marburger Molkerei und an Schwälbchen. Woher die faire Milch jetzt komme, sei unklar – weder regionale Herkunft, noch Einhaltung der Produktionskriterien seien gesichert, bemängelt Orth.

Peter Schneider, Milchbauer aus Philippsthal, sieht das anders. Er räumt zwar ein: „Es kann nicht mehr gewährleistet werden, dass nur Milch nach Faire-Milch-Kriterien in den Tüten landet.“ Denn die Milch werde nicht mehr bei den Lieferanten eingesammelt, sondern aus einem „großen Pool“ entnommen. Trotzdem sei es immer noch eine „qualitativ hochwertige Milch“.

Und der Käufer unterstütze Landwirte wie ihn, die sich verpflichtet haben, die Faire Milch-Kriterien zu erfüllen. Denn diese Landwirte profitierten als Mitglieder der Fair Food eG vom Gewinn, auch wenn ihre Milch nicht in den Faire-Milch-Tüten stecke.

Die Landwirte Reiner Orth und Peter Schneider, die als einzige Landwirte des Landkreises bis zuletzt dabei waren, haben zur fairen Milch heute zwei völlig unterschiedliche Meinungen: Während Peter Schneider die Grundidee der weiterhin im Supermarkt erhältlichen Faire-Milch-Packungen verteidigt, bezeichnet Peter Orth das Produkt mittlerweile als „Mogelpackung“. 

Auf dem Hof von Peter Schneider im Philippsthaler Ortsteil Gethsemane kommt man an „Faironika“ nicht vorbei. Am Straßenrand der Hofzufahrt, vor dem Stall, im Gebäude – überall steht eine dieser schwarz-rot-gelb angemalten Symbolkühe, dem Wappentier der fairen Milch. „Hinter dem Gedanken der fairen Milch stehe ich nach wie vor“, sagt der 52-Jährige. „Ideologisch gesehen ist die faire Milch auch jetzt noch eine faire Milch. Mit Blick auf das Milchmolekül ist sie es nicht mehr“. 

Er steht nach wie vor hinter der fairen Milch: Landwirt Peter Schneider aus Philippsthal, hier mit „Faironika“, dem schwarz-rot-gelben Wappentier der fairen Milch.

Die Milch, die weiterhin als fair in den Regalen von Edeka und Co. verkauft wird, werde auch jetzt noch nach strengen Kriterien produziert, die auch Peter Schneider im Jahr 2014 dazu bewegt haben, überhaupt Milch an die DFM zu liefern. „Ich hätte mir sogar noch strengere Kriterien gewünscht“, sagt Schneider, der 70 Milchkühe auf seiner Weide hält. 

Die an der fairen Milch beteiligten Landwirte haben insgesamt rund sechs Millionen Liter Milch pro Jahr produziert. In guten Jahren wurden davon maximal 3,6 Millionen Liter als faire Milch vermarktet. Gescheitert sei das Projekt letztlich daran, so Schneider, „dass wir es nicht geschafft haben, mehr Nachfrage zu generieren“. Deshalb sei auch der anfangs den Landwirten in Aussicht gestellte Milchpreis in Höhe von 40 Cent nicht gezahlt worden. 

Peter Schneider betont, dass die Milchbauern auch heute noch vom Verkauf der fairen Milch profitieren können – wenn sie Mitglied der Genossenschaft Fair Food sind, die seit 2013 die Gewinne der fairen Milch ausschüttet: „Wer die faire Milch kauft, tut den Milchbauern also weiterhin etwas Gutes.“ 

Spricht man hingegen mit dem Milchbauern Reiner Orth aus dem Bad Hersfelder Stadtteil Asbach über die faire Milch, ist er vor allem eines: enttäuscht. „Das, was jetzt noch als faire Milch verkauft wird, ist keine faire Milch mehr“, sagt der 45-Jährige. „Der Verbraucher glaubt, dass pro Liter 40 Cent beim Milchbauern ankommen.“ In Wahrheit sei der Ertrag aber viel geringer gewesen. „In den vergangenen zwölf Monaten waren es zwischen 30 bis 38 Cent, zwischenzeitlich waren es aber auch nur 22 Cent.“ Seitdem die hessischen Milchbauern gekündigt haben, sei „nicht mehr nachvollziehbar, wo die Milch herkommt, wer sie liefert und welche der festgelegten Vorgaben genau eingehalten werden“, sagt Orth, der 100 Kühe hat und acht Jahre lang Milch an DFM geliefert hatte, im Schnitt 55.000 Liter pro Monat. „Gentechnikfrei ist die Milch auch jetzt noch, aber darüber hinaus?“ 

Die Kriterien der fairen Milch hätten dazu geführt, dass „wir weniger produziert haben als vorher“. Da der versprochene Milchpreis nicht eingehalten wurde, „haben wir alle Geld verloren“, begründet Orth seine Enttäuschung. Kritik übt er auch am Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, der hinter DFM steht. „Geschäftsführer und Marketing haben eigentlich nur Kosten verursacht“, sagt Orth, der selbst Woche für Woche in Supermärkten die Werbetrommel für die faire Milch gerührt hat und Kunden bei Verköstigungen Rede und Antwort stand. „Das Feedback der Verbraucher war positiv“, sagt er. 

Deshalb liege ihm nun viel daran, aufzuklären, was aus der fairen Milch geworden ist. „Jeder Verbraucher muss jetzt selbst entscheiden, welche Milch er kauft“

DFM widerspricht Vorwürfen

Michael Braun von der DFM GmbH sagt, man habe „immer den vertraglich festgehaltenen Milchpreis gezahlt“. Die Milch beziehe man von „hessischen Lieferanten der Molkerei Immergut, die nach unseren Vorgaben zertifiziert sind“. Aus Datenschutzgründen könne man deren Namen nicht nennen. „Wir geben allen Milchbauern in Deutschland die Möglichkeit, über den gesetzlichen Standards Milch zu produzieren.“ Ihr Mehraufwand werde über die Gewinnbeteiligung als Genosse der Fair Food eG vergütet.

Genfreies Futter und besonders viel Gras

"Fair zur Kuh, fair zum Bauern, fair zur Umwelt“: Die Firma DFM wirbt damit, dass die faire Milch „dreifach fair“ sei. Die teilnehmenden Landwirte seien zertifizierte Familienbetriebe, sie produzierten Milch ohne Gentechnik, fütterten ihre Kühe artgerecht mit besonders hohem Grasanteil, verzichteten auf Futter aus Übersee und setzten Umwelt- oder Tierprojekte auf ihren Höfen um. Außerdem müsse jeder Milchbauer eine bestimmte Zeit in die Werbung investieren. Zum Start der fairen Milch im Jahr 2010 warben Supermarktketten auch damit, dass „je Liter 40 Cent unmittelbar den Landwirten zugute“ kommen würde. Dieses Versprechen ist rückblickend nicht erfüllt worden. Andere frühere Werbeversprechen, etwa dass die faire Milch „aus der Region“ komme“ und „wertvolle Omega-3-Fettsäuren“ enthalte, mussten später auf Druck der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs korrigiert werden.

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