Betriebsärzte auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg dürfen sich an Impfkampagne beteiligen

Impftermine jetzt für alle möglich

Unser Foto zeigt eine Werksdoktorin der Firma Sartorius (Göttingen), die bei einem Modellversuch im Mai die ersten Mitarbeiter geimpft hat.
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Auf den Betriebsärzten ruhen die Hoffnungen für eine Beschleunigung des Impftempos. Unser Foto zeigt eine Werksdoktorin der Firma Sartorius (Göttingen), die bei einem Modellversuch im Mai die ersten Mitarbeiter geimpft hat.

Ab heute ist die Corona-Priorisierung Geschichte. Alle, die möchten, dürfen sich unabhängig von Alter, Vorerkrankung und Beruf auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg um einen Termin bemühen.

Hersfeld-Rotenburg – Wer aber glaubt, der viel beschworene Impfturbo zünde nun endlich, irrt. Denn Impfstoff ist nach wie vor Mangelware – auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

„Durch die Aufhebung kommt auch nicht eine einzige Impfdosis mehr nach Hessen. Die Mengen reichen hinten und vorne nicht, um den Menschen tatsächlich das von Herrn Spahn versprochene Impfangebot machen zu können“, kritisiert Frank Dastych, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). „So sehr wir grundsätzlich eine Aufhebung der Priorisierung begrüßen, so sehr wird sie angesichts der geringen Mengen zum PR-Gag und es bleibt rätselhaft, was die Politik damit bezweckt“, so der Arzt aus Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg), der weiterhin um Geduld bittet und um Verständnis wirbt, „dass nicht die Praxen den Impfstoffmangel zu verantworten haben.“

Während ab dem heutigen Montag die Hausärzte also entscheiden dürfen, wer als Nächstes eine Spritze bekommt, wird sich im Rotenburger Impfzentrum vorerst nichts ändern. Denn laut Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) werden die hessischen Impfzentren wohl noch bis Juli damit beschäftigt sein, bereits angefragte Termine für die Prioritätsgruppen abzuarbeiten. Die Registrierung steht nun aber allen offen: impfterminservice.hessen.de, Tel. 116 117.

Der Kreis bekommt für sein Impfzentrum für diese Woche laut Leiter Martin Ködding 3100 Impfdosen. Das sind zwar 500 mehr als in der Vorwoche. Ausgelastet ist es damit aber nicht einmal zur Hälfte.

Nach den Impfzentren und Haus- und Fachärzten dürfen sich ab heute zusätzlich auch die Betriebsärzte an der Impfkampagne beteiligen. Doch auch dort ist vorerst noch Geduld gefragt. „Wir haben die maximale Menge bestellt, aber nur 13 Prozent bekommen“, sagt Dr. Manfred Michl von der Arbeitsmedizinischen Untersuchungsstelle in Bad Hersfeld, die zahlreiche Unternehmen in der Region betreut.

Impfen nach Losentscheid

Der Zeitpunkt hätte kaum unglücklicher gewählt sein können: Ausgerechnet jetzt sollen die Betriebsärzte in die größte Impfkampagne einsteigen, die dieses Land je gesehen hat – in einer Woche, in der gut eine halbe Million Biontech-Vakzine weniger geliefert werden, als ursprünglich zugesagt wurde. Und nächste Woche fehlen bundesweit gar eine Million Impfstoffdosen.

„Das ist nicht optimal“, sagt Florian Michl, kaufmännischer Leiter der Arbeitsmedizinischen Untersuchungstelle (AUst) in Bad Hersfeld, „aber wir wollen nicht klagen, sondern freuen uns, endlich loslegen zu können.“ Die AUst betreut im Kampf gegen das Virus in Hersfeld-Rotenburg und in Nachbarkreisen allein 150 Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern.

Grundsätzlich durfte jeder Betriebsarzt für die erste Woche 804 Impfdosen ordern. „Wir haben die maximale Menge bestellt, bekommen aber nur 13 Prozent geliefert“, sagt Florian Michl. Konkret heißt das: In der ersten Woche rechnet er damit, dass die sechs Betriebsärzte der AUst insgesamt gerade einmal 300 bis 400 Impfdosen spritzen werden. „So richtig losgehen wird es vermutlich erst Mitte Juni“, sagt Michl.

Die Biontech-Lieferungen, die in den ersten beiden Wochen ausfallen, sollen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums in den Kalenderwochen 25 und 26, also ab dem 21. Juni, nachgeliefert werden. „Nach diesen zwei Wochen hoffen wir, dass der Flaschenhals endlich aufgeht und mehr Impfstoff zur Verfügung steht.“

Die Vorbereitungen für die extra eingerichtete Impfstraße der AUst an der Berliner Straße in Bad Hersfeld liefen in den vergangenen Tagen auf Hochtouren. Für den heutigen Montag wird die erste Lieferung erwartet. „Starten werden wir dann am Dienstag“, sagt Florian Michls Vater, Dr. Manfred Michl, der seit drei Jahrzehnten Arbeitsmediziner ist und sich als Ansprechpartner für Großunternehmen, aber auch für kleine Handwerksbetriebe in der Region sieht.

Im Vorfeld hat die AUst die von ihr betreuten Unternehmen angeschrieben, um in Erfahrung zu bringen, wie groß das Interesse in den Betrieben ist. „Die Rückmeldungen ergaben bisher, dass sich rund 4000 Menschen impfen lassen wollen“, sagt Dr. Manfred Michl, der mit seinen Ärzten zu Beginn ausschließlich Biontech-Dosen bekommt. Wenn Impfstoff Mangelware, die Nachfrage aber enorm ist, wer ist dann zuerst dran? „Wir impfen nach Losentscheid“, sagt Dr. Manfred Michl, „denn jede Berufsgruppe hält sich für besonders systemrelevant.“

Auf den bundesweit rund 12 000 Betriebsärzten ruhen die Hoffnungen für eine Beschleunigung des Impftempos. Laut Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, könnten die Werksmediziner pro Monat fünf Millionen Beschäftigte impfen. Sie kritisierte allerdings kürzlich in der Rheinischen Post „die geringe Vergütung – 20 Euro für eine aufsuchende Impfung sind nicht kostendeckend für den Aufwand des Impfprozedere.“

Dr. Manfred Michl betont, dass er sich nicht aus finanziellem Antrieb an der Impfaktion beteilige. „Aus pekuniären Gründen machen wir das ganz bestimmt nicht“, sagt er und verweist auf den organisatorischen und bürokratischen Aufwand. „Aber wenn wir Arbeitsmediziner jetzt als dritte Säule (neben den Impfzentren und Hausärzten, d. Red.) antreten, dann bin ich optimistisch, dass wir alle bald Licht am Ende des Tunnels sehen.“  (Sebastian Schaffner, mit dpa)

Noch 476 000 Menschen in der Warteschleife

Laut der „Task Force Impfkoordination“ des Landes Hessen warten aktuell noch rund 476 000 Hessen, die bereits beim Land registriert sind, auf ihre Impftermine. Dazu gehören auch noch 1000 Menschen aus der Priorisierungsgruppe 1, die sich seit 12. Januar anmelden dürfen, sowie 5000 der zweiten Priorisierungsgruppe (Start: 23. Februar). Grundsätzlich gilt: Wer sich bis gestern für einen Termin angemeldet hat, wird auch priorisiert einen Termin erhalten, so das Land. (ses)

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