Porträt

Awet Tesfaiesus will bewussten Umgang mit Vielfalt und für die Grünen in den Bundestag

Die 47-jährige Anwältin Awet Tesfaiesus kandidiert für die Grünen für den Bundestag und sitzt auf dem Foto am Mittagstisch in einem italienischen Restaurant in Kassel.
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Mittagspause beim Italiener: Die 47-jährige Anwältin Awet Tesfaiesus kandidiert für die Grünen für den Bundestag. Zum Mittagessen bleibt zwar meist keine Zeit, wenn, dann schätzt sie auch die italienische Küche.

Zehn Frauen und Männer kandidieren im Wahlkreis Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meißner für den Bundestag. Heute stellen wir die Grünen-Kandidatin Awet Tesfaiesus (47) vor.

Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meißner – Ihre Hautfarbe ist Awet Tesfaiesus erstmals in Deutschland richtig bewusst geworden. „Vorher war ich einfach nur Mensch“, erzählt die 47-jährige Rechtsanwältin, die in Asmara in Eritrea geboren wurde. Als sie zehn Jahre alt war, musste ihre Familie fliehen. Damals war Krieg in ihrer Heimat, ihre Eltern waren politisch aktiv und bangten um ihr Leben.Auf verschlungenen Wegen landete die Familie in der Nähe von Heidelberg.

„Unsere Flucht war beschwerlich, aber längst nicht so krass, wie das, was viele Geflüchtete heute durchmachen“, erzählt Awet Tesfaiesus. Das Treffen findet in einem italienischen Restaurant in Kassel statt. Dort wohnt sie, den Italiener zieht sie einem afrikanischen Restaurant vor. „Ich esse gern eritreisch, aber hier verbringe ich oft meine Mittagspause“.

Auch sonst wird beim Gespräch schnell klar, dass Awet Tesfaiesus zwischen den Welten lebt. Sie ist deutsche Staatsbürgerin, ihr Ehemann stammt aus Hessisch Lichtenau, inzwischen lebt die Familie mit ihrem Sohn in einer Mietwohnung in Kassel. Dort ist auch ihre Kanzlei, in der sie viele Flüchtlinge vertritt. Klingt perfekt. Trotzdem spürt sie „subtile Ausgrenzungen“ wegen ihrer Hautfarbe – bei der Wohnungssuche, am Arbeitsmarkt. Fällt es ihr schwer, zu sagen, ob sie sich eher als Deutsche oder Eritreerin fühlt? „Eigentlich ist es egal, ich bin und bleibe schwarz“, sagt Awet Tesfaiesus.

Den Ausschlag für ihre Kandidatur gaben rechtsextreme Anschläge

Ihre unterschiedlichen Wurzeln machen sie wohl empfänglicher für Probleme von Menschen, die anders sind als die Mehrheit – wegen ihres Glaubens, eines Handicaps oder des Geschlechts. Diversität – der bewusste Umgang mit Vielfalt – ist deshalb das Kernthema ihres politischen Engagements.

Den Ausschlag für die Kandidatur für den Bundestag haben aber die rechtsextremen, rassistischen Anschläge von Hanau im Februar 2020 gegeben. „Damals haben mein Mann und ich überlegt, ob wir das Land verlassen sollen, denn auch mein Sohn könnte ja irgendwann mal Ziel eines solchen Anschlags sein.“ Sie entschieden sich, zu bleiben – und zu kämpfen.

„Allein schon, wenn ich mit meinem schwarzen Gesicht im Bundestag sitze, öffne ich damit für andere die Tür. Wenn mehr diverse Menschen im Parlament sind, ist das für alle ein Zeichen“, sagt sie. Sie steht auf Listenplatz 9 bei den Grünen und hat damit gute Chancen, in den Bundestag einzuziehen. Den eher ländlich geprägten Wahlkreis 169 vertritt sie, weil sie einen persönlichen Bezug zur Region hat. Sie hat in Hessisch-Lichtenau gelebt und dort angefangen, ihre Kanzlei aufzubauen. Ihr juristisches Referendariat hat sie am Amtsgericht in Rotenburg absolviert.

Diversität sei auch in ländlichen Regionen ein Thema. „Nur weil diese Menschen dort nicht so sichtbar und laut sind, heißt das ja nicht, dass es sie nicht gibt.“ Ohnehin müssten bei wirtschaftlichen Fragen, Leerstand, Schulen und Klimakrise immer auch alle Menschen mitgenommen werden.

Um sich im großen und auch recht diversen Wahlkreis bekannt zu machen, bleibt nicht viel Zeit. „Das muss ich vor der Wahl auch nicht unbedingt machen, weil ich einen aussichtsreichen Listenplatz habe“, sagt Tesfaiesus. Statt auf kurze Stippvisiten setzt sie auf kontinuierliche Arbeit. Die örtlichen Themen, wie etwa die Debatten um K+S, die Zukunft der Kliniken, die Windkraft und die neue ICE-Trasse, verfolgt sie dennoch aufmerksam.

„Ich bin auch nicht froh über Werra-Versalzung, aber die Grünen haben gezeigt, dass wir mit K+S verantwortlich umgehen können“, sagt sie. Sie ist für den Windkraftausbau. „Wir können uns kein langes Hickhack leisten, sondern müssen angesichts der Klimakrise jetzt handeln.“ Bei ihren politischen Positionen gibt es kein schwarz oder weiß: Awet Tesfaiesus ist eindeutig grün. (Kai A. Struthoff)

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