Interview mit Innovationsforscher 

Autonomes Fahren: Experte hält Roboter-Busse bei Hessentag für gute Idee

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Unterstützt den Kurs deutscher Automobilhersteller: Prof. Dr. Eckard Minx.

Selbstfahrende Autos sind das Zukunftsthema der Autobranche. Am Rande des Sparkassen-Forums sprachen wir mit Prof. Eckard Minx unter anderem über Roboter-Busse beim Hessentag.

Der Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung spricht außerdem über den gesellschaftlichen Nutzen, Ethik von Maschinen und tödliche Testfahrten.

Herr Professor Minx, jeder Autohersteller, der etwas auf sich hält, beschäftigt sich längst mit selbstfahrenden Autos. Wann werden die ersten serienreifen Roboterautos durch Waldhessen fahren?

Wenn ich das so genau wüsste (lacht). Im Ernst: Das steht noch in den Sternen. Die Technik ist heute zwar schon so weit, dass Fahrzeuge autonom fahren, also ohne Lenkrad, ohne Pedal, ohne Fahrer. Allerdings nur in bestimmten Situationen, im Bereich niedriger Geschwindigkeiten und auf abgesperrten Arealen: in Containerhäfen, im Bergbau und in der Landwirtschaft. Da der Straßenverkehr jedoch viel komplexer ist, sind noch technische und rechtliche Fragen zu klären.

Seitdem Carl Benz vor 133 Jahren das Automobil erfunden hat, haben sich die Fahrzeuge technisch immer weiter entwickelt. Eines ist aber bis heute geblieben: Am Steuer sitzt stets ein Mensch. Was spricht plötzlich dagegen?

Der Mensch ist für 90 Prozent der tödlichen Unfälle verantwortlich. Die Menschen werden immer älter. Wer alt ist, hat nicht mehr dieselbe Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr. Viele Menschen trinken Alkohol und setzen sich trotzdem ans Steuer, andere nehmen Drogen, wieder andere fahren zu schnell oder sehr aggressiv. Das alles ist hochgradig gefährlich. Wenn es uns gelänge, von den jährlich 3215 Verkehrstoten in Deutschland mehr als 90 Prozent durch den Einsatz autonomer Systeme auszuschließen, wäre das ein entscheidender Fortschritt.

Aber wie viel sicherer kann eine von Menschen entwickelte Technik sein?

Sie kann zumindest einiges ausschließen: Sie trinkt nicht, ist nicht aggressiv und wird nicht alt. Es gibt also gute Gründe, die dafür sprechen, dass die Technik dem Menschen in vielen Situationen überlegen ist, etwa bei Routinen. Richtig ist auch, dass es noch eine große Herausforderung ist, die Technik so zu entwickeln, dass sie alle Objekte im Straßenverkehr richtig erkennt und interpretiert, sei es bei Nebel, Schnee, Regen oder Dunkelheit. Da ist der Mensch der Technik noch voraus.

Abgesehen vom Sicherheitsaspekt: Worin sehen Sie den größten gesellschaftlichen Nutzen selbstfahrender Autos?

Alle Menschen, die bisher nicht selber fahren dürfen oder können, etwa ältere, behinderte und gebrechliche Menschen, würden plötzlich mobil werden. Auch Kinder könnten solche Fahrzeuge nutzen, um sicher in die Schule zu kommen. Man könnte zudem all das tun, was wir heute während einer Zugfahrt oder einer Flugreise machen können: Zeitung lesen, fernsehen, ausruhen. Hinzu kommt, wenn alle Autos untereinander permanent kommunizieren, dass auch ein erheblicher Teil der Staus vermieden werden könnte.

Welche Vorteile sehen Sie für den ländlichen Raum?

Bislang mobilitätseingeschränkte Menschen oder jene, deren Wohnort nicht oder nur schlecht ans Bus- oder Bahnnetz angeschlossen ist, würden von der Entwicklung erheblich profitieren. Via Handy könnten Robotaxis gerufen werden und von Dorf zu Dorf oder in die Stadt fahren – und zwar nicht nach einem festen Fahrplan, sondern nach Bedarf. Das wäre ein großer Gewinn an sozialer Teilhabe.

In Ihrem Buch „Autonomes Fahren“ schreiben Sie, selbstfahrende Autos setzten ein Ethik-Setting voraus. Was meinen Sie damit?

Computergesteuerte Autos müssen ethischen Prinzipien genügen. Niemand darf in kritischen Verkehrssituationen gegenüber anderen bevorzugt werden, egal wie alt oder wie vermögend er ist oder welcher Nationalität er angehört. Zudem gilt: Die Vermeidung von Personenschäden hat immer Vorrang vor Sachschäden. Und wenn sich das System in einer Situation nicht entscheidungssicher ist, dann muss es sich umgehend selbst stilllegen.

Das hat im vergangenen Jahr im US-Bundesstaat Arizona tragischerweise nicht funktioniert. Ein selbstfahrendes Auto des Online-Fahrdienstvermittlers Uber tötete bei einer Testfahrt eine Passantin, die eine Straße überqueren wollte. Hat dieser Unfall Ihre Meinung zu selbstfahrenden Autos verändert?

Nein, weil ich glaube, dass dieser Fall vielmehr zeigt, dass der maschinelle Umgang mit widersprüchlichen Situationen noch nicht ausreichend erprobt ist.

In Kalifornien darf die Google-Schwesterfirma Waymo seit Oktober selbstfahrende Testautos ohne Fahrer auf öffentliche Straßen schicken, in Arizona bereitet Waymo schon einen Taxiservice mit Roboterautos vor. Sind die USA beim autonomen Fahren weiter als Deutschland?

Gesetzlich sind einzelne US-Bundesstaaten in dieser Hinsicht weiter als wir. Technologisch sieht es aber anders aus. Die meisten Patente in Sachen autonomes Fahren kommen von Firmen wie Bosch, BMW, Daimler und VW. Deutsche Automobilhersteller handeln nach dem Motto: Wir setzen nichts ein, von dem wir nicht genau wissen, dass es umfassend funktioniert. Da es hier immer um Menschenleben geht, halte ich diese Vorgehensweise für absolut richtig.

Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling will beim Hessentag, wenn mehrere Hunderttausend Gäste nach Bad Hersfeld kommen, selbstfahrende Busse einsetzen. Eine smarte Idee?

Wenn die Busse mit niedriger Geschwindigkeit fahren und wenn sie klar definierte Busspuren haben, ist das eine sehr gute Idee, um zu lernen, wie Verkehrsteilnehmer damit umgehen.

Ohne Fahrer?

Nein. Da es sich ja um ein erstes Experiment handelt, würde ich immer einen Fahrer in den Bus setzen. Das steigert das Sicherheitsgefühl der Menschen, hilft bei der Akzeptanz, und er kann Fragen zur Nutzung beantworten.

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Zur Person: Prof. Dr. Eckard Minx

Der 69-Jährige studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Freien Universität in seiner Geburtsstadt Berlin. Nach der Promotion arbeitete er ab 1980 für den Forschungsbereich „Gesellschaft und Technik“ der Daimler AG. Von 1992 bis 2008 leitete er diesen Bereich an den Standorten Berlin, Kyoto (Japan) und Palo Alto (USA). Minx ist Honorarprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seit 2008 ist er Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und sechs Enkelkinder. Eckard Minx lebt in Berlin.

Zum Weiterlesen: „Autonomes Fahren“ von Eckard Minx und Rainer Dietrich, Piper, 188 Seiten, ISBN 978-3492057806

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