Landwirte und Nutztierhalter fordern Regulierung des Bestands

Sechs Risse durch Wölfe in fünf Wochen: Wird das Stölzinger Gebirge bald Wolfsterritorium?

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Offiziell gibt es in Hessen noch kein Wolfsterritorium, doch das könnte sich im Bereich des Stölzinger Gebirges bald ändern. Dort gab es zuletzt sechs genetisch bestätigte Risse.

Und zwar innerhalb von fünf Wochen. Hinzu kommen ein Videobeleg und mindestens 18 Fälle von gerissenen Tieren, die aus unterschiedlichen Gründen nicht aufgeklärt werden können.

Trotz dieser Zahlen bezeichnen die hessischen Behörden das Mittelgebirge im „Drei-Landkreise-Eck“ Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder auch jetzt noch nicht als Wolfsterritorium. 

Die Voraussetzungen dafür sind klar definiert und stammen nicht von der Wolfsexpertin des Landes Hessen, Susanne Jokisch, sondern werden deutschlandweit vom Bundesamt für Naturschutz festgelegt. Demnach spricht man erst von einem Territorium, wenn ein und dasselbe Tier über sechs Monate hinweg mehrfach nachgewiesen wurde.

Susanne Jokisch, Wolfsexpertin

„Es ist möglich, dass das Gebiet im Februar offiziell Wolfsterritorium wird – dahinter steht momentan aber noch ein großes Fragezeichen“, sagt Jokisch, die beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) angestellt ist. 

Risse von einer Wölfin mehrfach nachgewiesen

Mehrfach nachgewiesen wurde bislang die Wölfin „GW1409f“, und zwar bei Herlefeld (1. August, Hirschkuh), Dens (4. Oktober, vier Schafe) und Seifertshausen (14. Oktober, zwei Schafe).

Wahrscheinlicher würde die Ausweisung als Territorium, wenn die Wölfin auch für einen oder mehrere der bestätigten Risse von Seifertshausen (29. Oktober, Hirschkuh), erneut Herlefeld (31. Oktober, Schaf) oder Berneburg (2. November, Schaf) verantwortlich ist. 

Bei diesen Fällen ist der Nachweis Wolf genetisch erbracht und eine Individualisierung in Auftrag gegeben, das Ergebnis steht aus.

Die Landesbehörden hatten bis vor einigen Wochen regelmäßig betont, dass es nur einzelne Wölfe auf Durchreise gebe. Zudem wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Weidetiere mit elektrischen und mindestens 90 Zentimeter hohen Zäunen geschützt sein sollten – sogenannte „Wolfsschutzzäune“. 

Im Sommer sagte Klaus-Ullrich Battefeld vom Umweltministerium beim Wolfsforum in Licherode, ein solcher Zaun sei in Hessen noch nie von einem Wolf überwunden worden. Das ist nun bei Seifertshausen, Herlefeld und Berneburg innerhalb von fünf Tagen dreimal passiert.

20 tote Tiere bei vier Angriffen von Wölfen in 16 Tagen

20 Gänse und Enten sind bei gleich vier Angriffen am 19. und 20. Oktober sowie am 2. und 3. November bei Niedergude getötet worden – ein wirtschaftlicher Schaden im vierstelligen Bereich, sagt Landwirt Helmut Schäfer. Welches Tier dafür verantwortlich ist, wird nicht zweifelsfrei geklärt werden können. Die DNA-Probe von Geflügel ist schwieriger als bei Schafen und Rehen, sagt Wolfsexpertin Susanne Jokisch vom Hessischen Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (HLNUG). Bei den Proben der ersten beiden Fälle brachte die Analyse gar kein Ergebnis, bei denen von drei und vier wurde Fuchs-DNA festgestellt – darauf wurde bei den ersten beiden allerdings gar nicht untersucht und das HLNUG weist selbst darauf hin, dass es sich dabei auch um „Nachnutzer-DNA“ handeln kann und nicht zwangsläufig um die des „Rissverursachers“. 

112 Zentimeter hoch ist der Zaun von Helmut Schäfer – und damit deutlich höher als in Hessen zum Schutz vor dem Wolf empfohlen. Das hat Rissgutachter Gerhard Becker (links) per Foto dokumentiert.

Der mit 112 Zentimetern deutlich über den hessischen Anforderungen zum Wolfsschutz liegende Elektrozaun wurde bei den Angriffen mehrfach durchgebissen, von innen nach außen und von außen nach innen umgerissen sowie in einem Fall auf einer Länge von 15 Metern in den Wald hineingeschleift. Dafür können auch Wildschweine verantwortlich sein – rund um den Zaun waren aber keine entsprechenden Spuren zu sehen. 

Außerdem wurden in zwei Fällen frische Fährten eines Caniden gefunden – also Hund, Goldschakal oder Wolf. All das führt aber für Biologin Jokisch nicht dazu, von einem Wolfsriss auszugehen. „Fährten kann man nur als Nachweis verwenden, wenn sie über mehrere hundert Meter verfolgt werden können – in dieser Region ist das nur bei Schnee möglich.“ Das Wahrscheinlichste sei, dass die Fährten von einem großen Hund stammten. In einem Fall wurden die Fährten unmittelbar am Zaun gefunden, wo auch Gassigeher mit freilaufenden Hunden vorbeikommen. 

Pfotenabdruck neben toter Gans entdeckt - War es ein Wolf?

Im anderen Fall wurde ein Pfotenabdruck wenige Meter neben einer toten Gans mitten auf der Weide gefunden, die über zwei Kilometer vom Dorf entfernt ist. Klare Einschätzung vom Umweltministerium Susanne Jokisch ist für die fachliche Einordnung von Wolfsaktivitäten zuständig, über Entschädigungen entscheidet das Regierungspräsidium Kassel unter den Vorgaben des Hessischen Umweltministeriums. 

Auf die Frage unserer Zeitung, ob eine Entschädigung auch aufgrund von Indizien und ohne DNA-Nachweis gezahlt werden könne, antwortete Pressesprecherin Julia Stoye, dass es grundsätzlich „angesichts von hessenweit jährlich 40 000 durch Krankheiten, Unfälle oder Totgeburten verendenden Schafen, Ziegen und Kälbern“ nicht vertretbar wäre, vermeintliche Wolfsrisse ohne konkrete Hinweis auf den Verursacher zu entschädigen. Im Fall von Niedergude sei ein Übergriff von Fuchs oder Marder „viel wahrscheinlicher“ als von einem Wolf. 

Diese deutliche Aussage traf die Sprecherin des dem HLNUG übergeordneten Ministeriums schon zu dem Zeitpunkt, als die Proben der Vorfälle drei und vier noch gar nicht ausgewertet waren. Jokisch hingegen sagte damals, sie wolle zur Bewertung der Fälle diese Ergebnisse abwarten. Als diese dann vorlagen, schrieb das HLNUG in einer Pressemitteilung, dass Fuchs-DNA nachgewiesen wurde, aber nicht abschließend zu klären sei, ob der Fuchs Verursacher oder Aasfresser war. Füchse kämen „durchaus als Rissverursacher für Gänse und anderes Geflügel in Frage“. Auf Nachfrage unserer Zeitung konkretisierte Jokisch: „Es bleibt eine Restunsicherheit, aber der Fall ist aus Monitoring-Sicht abgeschlossen und ein Fuchs als Verursacher sehr wahrscheinlich.“ 

Für den Besitzer ist die Angriffsserie beispiellos Egal wer nun der „Täter“ war: Vier Angriffe auf seine Tiere innerhalb von zwei Wochen hat Helmut Schäfer noch nie erlebt. „Im ganzen vergangenen Jahr hatten wir einen Fall, da sind wir von einem Fuchs ausgegangen. Da war der Zaun allerdings nicht so demoliert wie diesmal.“ Es passiere auch mal, dass die Gänse ausbrechen, weil sie in Panik geraten, ohne dass danach tote Gänse auf der Wiese liegen. „Aber wenn sie dabei den Zaun umrennen, dann stellt der sich danach wieder auf.“

"Wolfsbestand muss reguliert werden"

„Der Wolfsbestand in unserer Region muss reguliert werden“ – diese Forderung wird nun erstmals von Vertretern von Landwirten und Nutztierhaltern im Landkreis öffentlich gestellt. 

Elmar Albrecht: Für den Vorsitzenden der Schafhaltervereinigung Waldhessen, Elmar Albrecht, gibt es nur einen effektiven Schutz vor Wölfen: „Der Bestand muss reguliert werden.“ Bedeutet: Bejagung. Höhere Zäune, wie sie etwa die Nabu-Landesarbeitsgruppe Wolf vorschlägt, würden nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch einen erheblichen Mehraufwand bedeuten, unter anderem weil sie schwerer sind und in unwegsamem Gelände die Netze meist getragen werden müssen. 

Den Vorschlag, dass das Land zur Hilfe beim Zaunstellen Stellen schaffen solle, bezeichnet er als illusorisch. „Es gibt alleine in unserem Landkreis 40 Schafhalter. Die Tiere sind oft nur vier bis fünf Tage auf einer Weide – und wann man umzäunen muss, kann man nicht mehrere Tage im Vorhinein planen. Die Schafe fressen ja nicht nach Anweisung.“ 

Die Vorstellung, dass man am Vorabend bei einer Behörde Hilfe für den nächsten Tag anfordere, sei nicht umzusetzen. Doch trotz des höheren Aufwands sagt Albrecht: „Ich würde höhere Zäune aufstellen, wenn sie etwas bringen würden. Aber das tun sie nicht, das zeigen die Erfahrungen aus anderen Bundesländern.“ Das Schlimmste sei für Schafhalter die ständige Unsicherheit. „Da kann man kaum noch ruhig schlafen“, sagt er. 

Friedhelm Diegel: Von einer „verkrankten Ideologie“ spricht der Kreisbauernverbandsvorsitzende Friedhelm Diegel. Auf der einen Seite predige die Politik, wie wichtig die Kulturlandschaft sei und dass man verhindern müsse, dass die Landschaft verbuscht und verdornt – wozu nichts besser geeignet sei als Weidetierhaltung. „Auf der anderen Seite begrüßt man den Wolf und lässt Leute, die genau das meist in ihrer Freizeit machen, völlig im Stich. Ich bin zutiefst enttäuscht von der CDU-geführten Landesregierung, die bei dem Thema anscheinend Angst hat, Wähler aus den Großstädten zu verprellen“, sagt Diegel, der selbst für die CDU im Alheimer Gemeindeparlament und im Kreistag sitzt. Ihm sei bewusst, dass das Land Hessen aufgrund von Bundes- und EU-Gesetzen nicht frei über den Abschuss von Wölfen entscheiden könne. 

Dafür müsse man sich dann aber eben auf höherer Ebene einsetzen. „Man muss sich entscheiden: Will man Weidetierhaltung oder will man den Wolf?“ Einige Hobby- und Nebenerwerbsschäfer sind laut Diegel schon dazu übergegangen, ihre Tiere einzustallen. So hat zum Beispiel Christof Schäfer aus Dens reagiert, bei dem mehrere Schafe vom Wolf gerissen wurden. In wenigen Wochen seien dadurch beim Futter Mehrkosten im vierstelligen Bereich angefallen, sagt Schäfer auf Nachfrage unserer Zeitung. „Dass möglicherweise bald immer mehr Schafe im Stall statt auf der Wiese stehen, kann nicht im Interesse derer sein, die den Wolf aus Tierschutzgründen hier haben wollen“, sagt Diegel. 

Anton Göbel: Ein Beispiel für Konflikte zwischen Wolfsschutz und Artenschutz ist Anton Göbel aus Herlefeld. Er ist einer der wenigen Berufsschäfer der Region. Bei ihm wurde am 31. Oktober ein Schafsbock vom Wolf gerissen, der auf einer Weide mit einem rundum stromführenden 90 Zentimeter hohen Zaun gestanden hatte und damit den Anforderungen des Landes Hessen genügte. „Den Wolf über den Stromschlag von Zäunen dazu erziehen zu wollen, keine Weidetiere anzugreifen, wird nicht funktionieren. Er jagt, was am bequemsten ist.“ 

Göbel hat keine Hoffnung, dass man den Wolf auf Dauer von Weidetieren wird fernhalten können. Eine Konsequenz hat er bereits gezogen: Er wird ab kommendem Jahr mehrere Flächen nicht mehr beweiden, die immens wichtig für die Artenvielfalt in der Region sind. Dabei handelt es sich um die Doline bei Rockensüß sowie ein gerodetes Waldstück bei Cornberg, das dem Naturschutzbund Nabu gehört und auf dem Kalkmagerrasen entstehen soll. Die Flächen sind schwer einzuzäunen und für Hobby- und Nebenerwerbsschäfer kaum zu beweiden – ohne Berufsschäfer wie Anton Göbel geht das nicht.

Quelle: HNA

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